Anlässlich der Diskussionsveranstaltung 30-Stunden-Woche – Ein Einstieg in ein fortschrittliches Projekt in Europa? am 22.06.2016 veröffentlichen wir hier einige interessante Beiträge zum Thema Arbeitszeit bzw. Verkürzung der Vollarbeitszeit. Der nachfolgende Beitrag ist im September 2014 erschienen in Lunapark21 – Heft 27.
von Heinz-J. Bontrup
Es ist doch ganz einfach. Wenn in einer Volkswirtschaft die Produktivität um 2 Prozent zulegt, dann kann der Lohn um diese 2 Prozent steigen und gleichzeitig die Arbeitszeit um 2 Prozent gesenkt werden. Um somit Arbeitslose und Unterbeschäftigte in Arbeit zu bringen, und zwar zu gleichen Bedingungen wie die bereits Beschäftigten. Das heißt, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Dies ist im Ergebnis lohnstückkosten- und verteilungsneutral. Auch die Gewinne der Unternehmer steigen automatisch um 2 Prozent in Höhe der Produktivitätsrate. An der Lohn- und Gewinnquote in der Gesamtwirtschaft ändert sich nichts. Die Preise bleiben ebenfalls konstant. Es gibt also keine inflatorischen Effekte durch Arbeitszeitverkürzungen.
Alle gewinnen demnach und trotzdem hagelte es Anfang 2013 nach der Veröffentlichung des „Offenen Briefes zur 30-Stunden-Woche“[*] in der Tageszeitung (TAZ) heftige Polemik, wie u.a. „Mottenkiste“ (Arbeitgeberverbände) oder „die Gruft der 1970er-Jahre öffnet sich“ (Prof. Michael Hüther). Auch wurden viele Phrasen gedroschen, wie, „das wäre das Todesurteil für die deutsche Industrie“ (Unionsfraktionsvize im Bundestag Michael Fuchs). Nicht zu erwarten war dagegen die anfängliche Zurückhaltung der Gewerkschaftsvorstände – und dann gar deren schroffe Ablehnung. Die Beschäftigten würden keine Arbeitszeitverkürzung wollen, sondern mehr Lohn. Obwohl diese Behauptung durch keine wissenschaftlich fundierte Untersuchung verifiziert wird, mag das sogar richtig sein. Denn die Beschäftigten haben auf Grund der neoliberal intendierten Umverteilung seit Jahren reale Einkommensverluste hinnehmen müssen. Dann zählt die Kaufkraft bei den Beschäftigten natürlich überproportional. Weiterlesen