Wohin geht’s nach dem „(Post-) Neoliberalismus“!?

Oder ein Versuch, „Globalisierung“ und „Glück“ zusammenzubringen.

von Stefan Frischauf

1

Was ist eigentlich „Neoliberalismus“?
Ein wissenschaftlich nicht definierter,  beliebig einsetzbarer „Kampfbegriff“?
Das „Drehen und Wenden von Allem und Nichts zum Vorteil einzelner zumeist mächtiger Personen und Gruppen“?
Eine Leere an Werten und gemeinsamen (Grund-) Regeln?
Und – wie kann man dieses Vakuum endlich wieder mit Gemeinsamkeiten füllen?

Ist „Globalisierung“ also „Fluch oder Segen“?


Chance auf „Miteinander“ oder „Dauerkrise des Gegeneinander“ bis hin zum Krieg?
Und wie verhält es sich da mit dem „Glück“? Ist das überhaupt zu ermessen?
Sicher ist das „Glück“ flüchtig. Wenn man meint, es gefasst zu haben, dann ist es auch sogleich wieder entschwunden. Und der Weg dahin ist voller Dornen.
Aber er liegt näher, als die meisten ahnen.
Und „gute und verantwortungsvolle Politik“ sollte diesen ebnen.
Für immer mehr und nicht für immer weniger Menschen.

Der Neoliberalismus habe sich in der Finanzkrise 2008 selber erledigt 1.

Sinngemäß Andrea Nahles am 25.02.2018, Ulmer Regionalkonferenz zum Mitgliedervotum der SPD für oder gegen die „Groko“ mit den beiden Parteien mit dem C vorne.
Und – die frühere Juso-Vorsitzende aus der Eifel wäre nicht die vom Parteivorstand auserkorene Vorsitzende der „SPD“, würde sie da nicht noch einen drauflegen:

Nicht der Neoliberalismus sei das Problem sondern der chinesische Staatskapitalismus 1.

„Politische Willensbildung“ sollte ja schon mit der Klarheit der Begrifflichkeiten beginnen. Aber Nebelkerzen, Brandbeschleuniger und ideologische Allgemeinplätze scheinen Hochkonjunktur zu haben. Auch gegen Ende der 2010er Jahre.
Umso wichtiger, wesentliche Grundregeln und -werte neu zu fassen und ein genaueres Hinsehen einzufordern. Mit allen Konsequenzen.

Dient „Neoliberalismus“ also auch zur „Verschleierung“, um Fragen von Moral und Ethik immer zum bedingungslosen Vorteil meist des ökonomisch oder sonst wie „Schlagkräftigsten“ zu „regeln“?
Und wie verhält es sich da mit der „Ohnmacht der eigenen Person“?
Des „politischen Mandatsträgers“ und seiner oder ihrer „Selbstauslieferung der öffentlichen Angelegenheiten“ an andere „Interessensgruppen.

Wenn Susan Bonath im Rubikon schreibt, dass „Der Krieg der Reichen gegen die Armen eskaliert“2 und die Ausweitung der Hartz-Gesetze oder anderer Epigonen derselben unter anderem Namen in Europa feststellt, dann ist das zunächst einmal eine kluge Betrachtung. Eine beklagenswerte Entwicklung wird vertieft dargestellt. Eine Aufweitung des Blickfeldes beim Leser ist beabsichtigt.

„Globalisierung“, „Kampf der Kulturen“ – negative Vorzeichen.

Wie steht es dann aber mit dem Einwand, dass „die Globalisierung“ in den letzten rund dreißig Jahren viele Menschen andernorts der „Armut“ hat entkommen lassen?

2013 wurde von Forbes und CNN die „indische Mittelklasse“ mit rund 320 Millionen Menschen beziffert.

Ein dort  ganz anders ausgeprägtes Phänomen als bei uns in (Mittel-) Europa, wo letztlich der Auf- und Umbau von „Mittelklassegesellschaften“ in den Wiederaufbaujahren nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges breiten Konsens,  vielleicht gar „historische Notwendigkeit“ darstellte.

In einer Kultur, deren Herz der „Gründungsvater“ der indischen Nation, Mohandas Karamchand, genannt Mahatma Gandhi gut eine Generation zuvor, vor rund 70 Jahren im dörflichen Leben sah, ist hier das Phänomen einer überwiegend „urbanen Mittelklasse“ gerade erst gut eine weitere Generation alt. Vorher gab es zumindest von den statistischen Werten her nur „reich und arm“ auf dem Subkontinent. Im Verhältnis eher des ominösen einen Prozents gegenüber den „99%“.

Dennoch – oder vielleicht eher – eben drum sprechen kluge InderInnen wie Arundhati Roy von einer „Diktatur der Mittelklasse“3.

2

2015 schreibt der „Globale Wohlstandbericht“ China die „am schnellsten wachsende Mittelschicht“ der Welt zu. 

Auch wenn die Parameter hier ganz anders gelagert sind, so dürfte denn der Anteil der zumeist in den Städten des „Reichs der Mitte“ lebenden „Mittelschichtsbürgern“ wie auch Angehörigen der „Mittelklasse“ an der Gesamtbevölkerung von rund 1,38 Milliarden Menschen in der VR China weitaus höher sein als in Indien mit seinen 1,32 Milliarden4.

Man sollte also die „relative und absolute Armut“ am jeweiligen Orte im jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext irgendwie gegenüberstellen. Aber auch dann erhält man zunächst einmal lediglich „statistische Werte“.

Zu einer möglichst vergleichbaren „globalen“ Betrachtungsweise von „Armut und Reichtum“ kommt man wohl erst, wenn man neben zahlenmäßig Erfassbarem und kulturgeschichtlichem Kontext am jeweiligen Ort auch „Chancen und Perspektiven“ und damit verknüpfte „Hoffnungen und Ängste“ – „Glück“ und „Not und Elend“ sichtbar und deutlich vergleichbar gegenüberstellt.

Aber so, dass daraus dann wieder „gemeinsame Chancen und Perspektiven“ entwickelt werden können. Dass Lernen von und übereinander zur Basis für eine gemeinsame Zukunft – für „Zusammenarbeit an gemeinsamem Glück“ werden kann. Und dass dieses Lernen dann auch zudem gewürdigt, geachtet und honoriert wird.

Was braucht der oder die Andere am dringendsten?

Was sieht der oder die Andere aber derzeit gar nicht so als „Grundbedürfnis“ an?  Und wie verhält es sich mit dem, was ich als mein eigenes „Grundbedürfnis“ sehe oder eben nicht sehen kann?

Das klingt zunächst alles sehr blauäugig „idealistisch“. Ist aber das krasse Gegenteil: „brutaler Realismus“. Und wird alles andere als leicht zu erreichen sein. Wird vielmehr nur durch manchen kleinen Schritt über manchen Schatten möglich sein. Man könnte jetzt auch von „harter Arbeit“ sprechen. Wäre „Arbeit“ nicht so negativ behaftet. Zumal als „Lohnarbeit“ in diesen Zeiten.

Aber vielleicht ist das ja auch unsere „einzige Chance“.
Der Schritt über den Schatten hinaus.
Die Überwindung von Angst und Hoffnungslosigkeit.
„Arbeit“, die auch ein großer „Spaß“ sein und somit „Glück“ verheißen kann.

WAS können wir WIE konkret tun?
Und – WIE SCHAFFEN WIR WAS?

Alleine schon die 1. Person Plural von „schaffen“ führt in das nächste Minenfeld.
Der Satz der Kanzlerin aus dem Herbst 2015:
„WIR SCHAFFEN DAS!“
auf dem Höhepunkt der „deutschen Flüchtlingskrise“ stellt eine sträfliche Vereinfachung dar.
Die Kurzsichtigkeit des „Neoliberalismus“ als „verwaltete Stagnation“.
Leere Versprechen in jedem Falle.
Für alle Einheimischen wie für Flüchtlinge.

Denn,

  • dass die von UNHCR derzeit genannten rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht weltweit eher sehr niedrig gegriffen sind,
  • dass die meisten auf der Flucht vor Krieg und Armut derzeit wirklich Bedürftigen nicht einmal zu den Grenzen ihres eigenen Staates kommen und
  • dass viele Schlepperbanden auf allen Seiten des Mittelmeeres die Menschen zu Hauf mit leeren Versprechungen insbesondere nach Deutschland locken,
  • dass die meisten „Binnenflüchtlinge“ innerhalb der Staatsgrenzen „auf der südlichen Hemisphäre des Globus“ derzeit eher in den Städten dort und an den Rändern derselben ein immer härter zu erkämpfendes vorübergehendes „Heim- und Bleiberecht“ finden,
  • dass die „globale Grenze“ zwischen „reichem Norden“ und „armem Süden“ nichts mit den geographischen Längen und Breiten zu tun hat und in Italien zum Beispiel nicht weit südlich von Rom verläuft,
  • dass dabei alle – „Wirtschafts-, Klima- oder Kriegsflüchtlinge“ bei allen ihren Bewegungen in erster Linie von ihren Bedürfnissen – und da zuallererst von der Sehnsucht nach Glück und der Hoffnung auf ein besseres und vor allem ein „sichereres Leben“ getrieben werden,
  • dass aber auch „Mittelklassen“ oder „Mittelschichten“ auf dem „alten Kontinent Europa“ in ihrem Unbehagen, das sich in häufig „stark rechtslastigen Wahlergebnissen“ ausdrückt, dieselben Hoffnungen und Sehnsüchte mit sich tragen,
  • dass hier wie dort auf „freien Märkten“ indes die (Grund-) Regeln jeden Marktes, jeden „Bazars“ – die Beziehung und Abhängigkeit zwischen (Kunden-) Bedarf und Angebot und Nachfrage immer mehr ausgehebelt ist und dieser Zustand in erster Linie verwaltet, nicht aber zum Besseren „für die Vielen, statt für die Wenigen“5 weiter entwickelt werden soll,
  • dass aber auch die alten Modelle des 20. Jahrhunderts von „Kapitalismus“ und „Sozialismus“ so dies nicht beheben helfen können,
  • dass da vielmehr auf vielen (Maßstabs-) Ebenen eigentlich ganz leicht angesetzt werden kann,
  • dass dies aber erneut eine „Aufgabe mindestens für die nächste Generation“, also mehr als die nächsten dreißig Jahre ist, und
  • dass es dafür auch mancher harter Verhandlungen bedarf, um ausgleichende Bündelung „schwacher gemeinwirtschaftlicher Interessen“ gegenüber „starken privatwirtschaftlichen (Einzel-)Interessen“ durchzusetzen,

das sind alles nur Ausgangsüberlegungen und –beobachtungen, die hier im Vorfeld erwähnt werden sollen.

Denn hier soll es in der Folge bald peu à peu um die vielfältigen (handwerklichen) Ansatzpunkte gehen, die genau das eingangs Gesagte einfordern:

„Glück als globales Gut“

Dafür bedarf es auch der weiteren Seitenblicke in andere Lebens- und Kulturräume. Sei es nach Bhutan, China, in die US oder sonst wohin. Seitenblicke und Perspektivwechsel, die aber den Gegenstand darin auf die Ebene des Betrachters holen sollen.

Deutschland hat sich lange immer wieder als der große Gewinner aller Krisen spätestens seit 2008 präsentiert. Und das Land macht es so „Neppern, Schleppern und Bauernfängern“ überall sehr leicht.

Auf die Frage, was ihm hier am besten gefalle und was ihn andererseits am meisten störe, antwortete ein seit rund sieben Jahren nun mit Frau und kleinem Sohn hier im „rheinischen wilden Westen“ Deutschlands lebender guter Freund aus Brooklyn / New York City deutlich: Es gibt viel mehr Möglichkeiten als in den US derzeit hier, aber –die schwermütige, nölende Unzufriedenheit mit Allem und Jedem und die völlige Unbeweglichkeit, da vielleicht auch gemeinsam heraus kommen zu wollen – daran würde er sich nie gewöhnen können.

Es sollte hier also mittels einer Annäherung, einer Darstellung „globaler Auffassungen von einem glücklichen Leben“ ermöglicht werden, dies auch hier einzufordern.
Nicht mehr und nicht weniger als „unseren Anteil am ‚globalen Glück’“.
Und Wege dahin , weg vom lähmenden Unbehagen für alle Generationen – Menschen aller sozialen und ethnischen Herkunft zu beschreiben.
Ihre Gangbarkeit sichtbar machen. Sie zur Diskussion stellen.
Sich dem „Glück“ annähern.
Darstellen, was WIR tun können, um mehr von diesem „globalen Glück“ zu empfinden.  Aber auch – „auf typisch deutsche Art“ – uns dies zu erarbeiten.
Uns und anderen. Und für und mit anderen.
Was ja auch wieder „Momente des Glücks“ bewirken kann.

3

Anmerkungen:

  1. Danke, Ludger Elmer vom Münchner Blog der „Nachdenkseiten“ – „Nachdenken in München“ für das Notieren von Nahles Äußerungen und den Beitrag: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4125
  2. „Der andere Krieg“ von Susan Bonath hier auf Rubikon:
    https://www.rubikon.news/artikel/der-andere-krieg
  3. Ein Interview von Iris Radisch mit der Schriftstellerin, Journalistin und ausgebildeten Architektin vom September 2011:
    http://www.zeit.de/2011/37/Interview-Roy/komplettansicht
  4. http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/china-mittelschicht-identitaet/komplettansicht
  5. Labour unter Jeremy Corbyn im Britischen (Brexit-) Königreich ist da die einzige klassisch „linke sozialdemokratische“ Partei, die diese Fundamentalposition auch schlagkräftig mit diesen Worten programmatisch attackiert und Alternativen ausarbeitet.

Alle Fotos © beim Verfasser selbst:

  1. Das mit 173 m höchste und teuerste „Einfamilienhaus“ der Welt – das gestapelte Wohnregal-Hochhaus des indischen Großindustriellen Ambani in Bombay / Mumbai hier im Hintergrund – eine ältere, von vielen Monsunregenzeiten gezeichnete Investitionsruine in Breach Candy im Süden der indischen „Wirtschaftsmetropole“ im Vordergrund.
  2. Die Morgentoilette einiger Rikschafahrer am Eingang zu einem Slum im Süden Kalkuttas / Kolkatas. Die Menschen haben eben auch ihren Stolz und „posen“ denn auch gerne für den Knipser hier.
  3. Ein „Nickerchen“ im dichtesten Trubel eines innerstädtischen Einkaufsviertels in Shanghai. Eine gewisse „Zwanglosigkeit“ auch in ihrem Auftreten im „öffentlichen Raum“ zeichnet die meisten Chinesen aus. Und – das Lachen der meisten Chinesen ist durchaus ehrlich und kommt von Herzen – wenn das Gegenüber eben auch entsprechend (re-) agiert. Wie überall auf der Welt.
Beitrag versenden

Drucken

This page as PDF

3 Gedanken zu „Wohin geht’s nach dem „(Post-) Neoliberalismus“!?

  1. Andreas Schlutter

    Danke, Stefan. Das, was du hier mit “globalem Glück” und unserem Anteil daran beschreibst, setzt für mich an zwei Begriffen an, die es mit Leben zu füllen gilt. Das ist zum einen die “internationale Solidarität”, denn es kann uns nicht gut gehen, wen es den Näher*innen in Bangladesch, den Arbeiter*innen auf den Palmölplantagen in Indonesien nicht gut geht. Internationale Solidarität muss sich dem Wohlstandsgefälle entgegenstellen. Zugleich wissen wir, dass zusätzlicher Konsum nicht glücklich macht. Die Herausforderung liegt also darin, sich auch vom nach wie vor gültigen Wachstumsdogma des global agierenden Kapitalismus zu widersetzen. Sicher sind hier Ansätze wie Gemeinwohlökonomie oder Postwachstumsgesellschaften bzw. Degrowth für uns hier sinnvoll, wenn immer zugleich die soziale Frage innerhalb der Industriestaaten mitgedacht wird.

    “internationale Solidarität” heißt aber auch immer, unseren “westlichen” Deutungsanspruch, wie wir die Welt sehen und uns erklären, infrage zu stellen. Immerhin lasten auf uns über 500 Jahre Kolonialgeschichte mit all den Verheerungen in Ländern des “globalen Südens”.

    Der andere Begriff, “Nächstenliebe” ist eher mit dem ursprünglichen Gedanken des Christentums zu greifen, wie er z.B. in der Bergpredigt sehr deutlich wird. Dass, worauf sich unsere Gesellschaft so gerne als moralischem Kompass beruft, ist ja bei Weitem nicht Leitlinie politischen Handelns, müsste es aber werden. Fluchtursachen bekämpfen ist ebenso nicht vereinbar mit Waffenlieferungen z.B. an Saudi-Arabien und die Türkei wie mit Handelsabkommen, die vorrangig deutschen Unternehmensinteressen und Exportstrategien nutzen, aber den Menschen in den Ländern des globalen Südens keine Entwicklungsperspektive für ein selbständiges Leben ohne Armut bieten.

    Antworten
    1. Stefan Frischauf

      Danke Dir, Andreas. Für Interesse und Kommentar.
      Viele Themen werden wir mit diesen Ländern und ihrem “Wachstumshunger” genauso offensiv angehen müssen wie wir das Thema des “Wachstumsverdrusses” in anderen Ländern erörtern müssen.
      Eine Neudefinition von “Arbeit” vor diesem Hintergrund ist der Kern des Ganzen.
      Und – diese Debatten sind lange überfällig.
      Die Regierungsbildung in Italien, das seinen größten “Braindrain” seit WK 2 erlebt und dringend Sanierungs- und Umbaukonzepte für marode Infrastrukturen auf allen Ebenen benötigt, um gut ausgebildeten jungen Menschen Perspektiven auch im Lande zu ermöglichen nur zum Beispiel. Und Chinas nun rasant sich beschleunigender Aufstieg erfordert erst Recht “global” völlig neue Positionierungen. Auf allen Ebenen.
      Der Blick über den Tellerrand und das Interesse an Kulturen und ihren Wandlungen ist für uns in Europa wie für die pragmatische Entwicklung “globaler Solidarität” statt stetiger Ausgrenzung überlebensnötig.

      Antworten
  2. Pingback: „Populismus“ und der persönliche Mangel an Glück | Nachdenken in München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.