Antisemitismus-Vorwürfe

Die Süddeutsche Zeitung hat die Zusammenarbeit mit den Karikaturisten Dieter Hanitzsch beendet, nachdem sie folgende Zeichnung von ihm am Dienstag, 15.05.2018 gedruckt hatte:

Quelle: Süddeutsche Zeitung/Dieter Hanitzsch

Das eine, was ich in der vergangenen Woche zunächst meinte gelernt zu haben, ist der Punkt, dass nachfolgende Variation der Karikatur offenbar für viele, die sich darüber aufgeregt haben, nicht antisemitisch gewesen wäre:

Collage unter Verwendung einer Karikatur von Kate Salley Palmer

Gesichtsmerkmale überzeichnen durfte man als Karikaturist bei Kohl und Genscher, darf man bei Merkel, Putin und Trump, aber bei einem israelischen Ministerpräsidenten wird gleich kollektiviert, dass es sich bei einer satirischen Überzeichnung gegen die Juden richtet, also antisemitisch ist.

Befremdet hat mich dann aber doch, wer das Ganze maßgeblich skandalisiert hat, unser Qualitäts- und Leitmedium schlechthin, nämlich BILD:

Dazu zweimal auf Twitter mit Links auf die Schlagzeilen im Online-Angebot:

Mich hat die Sache ein wenig mehr beschäftigt und ich habe lange gezögert, ob und wie ich dazu etwas schreibe. Die Zeichnung ist ja erschienen, nachdem am Rande der Feierlichkeiten im Gazastreifen über fünfzig Menschen starben, erschossen von israelischen Scharfschützen, wie medico berichtet. Ärzte ohne Grenzen beklagen, dass sich bei den Gaza-Protesten am Montag Schussverletzungen in Brust und Kopf häuften.

Weiter: die Worte “Nächstes Jahr in Jerusalem” werden traditionell am Ende des Yom-Kippur- und des Pessach-Fests gesungen und besitzen im Judentum eine religiöse Bedeutung. Ausgesprochen wurde sie aber von der ESC-Gewinnerin Netta – und aufgegriffen von Netanjahu, der gesagt hat: “Netta, du bist ein echter Schatz. Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!” (Quelle: Netta Barzilai: Shitstorm nach Jerusalem-Ansage). Dazu, also dass es sich um ein Originalzitat von Netanjahu handelt, was Hanitzsch ihm da als Sprechblase verpasst hat, habe ich nichts gelesen in Anbetracht der Vielzahl von Beiträgen und Interviews, die in diesem Zusammenhang erschienen sind.

Dennoch sind mir einige Beiträge aufgefallen, auf die ich hier verlinken möchte:

“Süddeutsche Zeitung”-Karikatur: Typisch jüdisch? Typisch Hanitzsch! – SPIEGEL ONLINE
Zitat:

“Dieter Hanitzsch soll jetzt Antisemit ein? Echt? Gut, möglich ist ja vieles, aber Hanitzsch ist einer, der jahrzehntelang praktisch Hand in Hand mit Dieter Hildebrandt durch die Gegend gesprungen ist – das wäre schon sehr überraschend.
Wesentlich mehr Sinn ergibt eine andere Betrachtungsweise: Ich abonniere seit inzwischen 16 Jahren die “Süddeutsche Zeitung”. Und nach 16 Jahren mit Karikaturen von Hanitzsch bin ich ziemlich sicher: Der Mann ist kein Antisemit. Er ist nur hoffnungslos überschätzt.”

Empörung über Karikatur in “Süddeutscher Zeitung” – “Ich erkenne keinen Antisemitismus”
Interessante Aussagen von Wolfgang Benz, langjähriger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Zitat:

“Ich erkenne keinen Antisemitismus in dieser Karikatur. Aber selbstverständlich: Zwei Experten in Sachen Judenfeindschaft ergibt mindestens drei unterschiedliche Meinungen. (…)
Das Bild, diese Karikatur ist auf jeden Fall ziemlich unfreundlich gegenüber dem Ministerpräsidenten des Landes Israel. Ist das identisch mit Antisemitismus? Ist das identisch mit judenfeindlich? Ist das, wie die Bild-Zeitung vermutet, identisch mit Nazi-Juden-Feindschaft? Ich glaube, da muss man doch sehr stark differenzieren.”

Im Online-Auftritt vom Freitag ist dann ein Interview erschienen, dass ich deswegen interessant finde, weil es hier “über den schmalen Grat zwischen Antisemitismus, Israelhass und Solidarität mit Palästinensern in Deutschland” geht. Der Interviewte, Yossi Bartal, findet die Karikatur zwar antisemitisch (sh. auch Nase und Ohren ganz oben), legt aber – selbst in Jerusalem  geboren – differenziert dar, wie schwierig es ist in Deutschland die israelische Politik zu kritisieren ohne selbst in die Kritik zu geraten. Hier ein Auszug:

“Sie können muslimischen Antisemitismus deshalb nachvollziehen?

Man muss vorsichtig sein mit den Begriffen. Was ich nachvollziehen kann, ist der Hass einiger Palästinenser auf den Staat Israel. Wie ich den Hass der Kurden auf den türkischen Staat nachvollziehen kann, der sie unterdrückt.

Wie kann man einen Staat hassen?

Ganz einfach: wenn der Staat, wie dies aktuell in Gaza passiert, als tödlicher Staat wahrgenommen wird. Mindestens 59 Palästinenser wurden vom israelischen Militär getötet, weil sie an der Grenze von Gaza protestierten, 2700 wurden verletzt. Dieser Staat, das ist für Palästinenser der Stiefel im Gesicht. Dass Israel mehr als nur Repression bedeutet, ist mir als jüdischer Israeli klar, aber diese Erkenntnis von Menschen zu fordern, die seit 70 Jahren von diesem Staat systematisch unterdrückt werden, finde ich extrem zynisch.”

Ganz anders – jetzt ohne Bezug zur Karikatur von Hanitzsch – argumentiert Nirit Sommerfeld, die ebenfalls in Israel geboren wurde und in Grafing lebt.

“Ich besuchte immer häufiger die „Besetzten Gebiete“, also Palästina oder besser gesagt die 22 Prozent, die davon übrig geblieben sind und die wir heute als ‚Westbank’ kennen. Dieses Palästina ist zur Hälfte mit illegalen jüdischen Siedlungen bebaut, mit Checkpoints durchsetzt und von einer bis zu acht Meter hohen Trennmauer umzingelt. Die Menschen leben dort unter israelischem Militärrecht – die palästinensischen Menschen, wohlgemerkt. Die jüdischen Menschen – wir nennen sie Siedler – genießen die demokratischen Rechte aller jüdisch-israelischen Staatsbürger.
PalästinenserInnen können kein selbstbestimmtes Leben führen, buchstäblich jeder Schritt ihres Lebens, jeder Augenblick bei Tag und bei Nacht, ist bestimmt durch eine mittlerweile 51-jährige Militärbesatzung. (…)
Doch es geht schon lange nicht mehr allein um Kritik am Staate Israel, die noch am einfachsten als „Antisemitismus“ gelabelt und mit vermeintlich gutem deutschen Politiker-Gewissen abgewürgt werden kann. Es geht um die Beschneidung demokratischer Grundrechte, die über die Hintertüre Einzug hält und sich langsam wie ein Krebsgeschwür ausbreitet.”
(Quelle: Das Ende der Redefreiheit | Rubikon)

Damit schließt sich dann doch weder der Kreis zu Dieter Hanitzsch, denn seine Redefreiheit ist der Zeichenstift, wovon ihn nun zumindest in der SZ die Chefredaktion abhält. Zum anderen landen wir hier auch bei BDS (Boycott, Divestment, Sanctions). Boykott-Aufrufe werden gleichgesetzt mit der Nazi-Parole “Kauft nicht bei Juden”, auf die persönlichen Folgen geht Nirit Sommerfeld in ihrem Beitrag ein.

Warum schreibe ich das Ganze überhaupt? Vielleicht, weil Nirit Sommerfeld Recht haben könnte? Ihre Sorge, dass demokratische Grundrechte beschnitten werden, teile ich vor allem im Hinblick auf legitime Kritik an der Politik der israelischen Regierung. Zumal Netanjahu zusammen mit Trump die Konfrontation mit dem Iran zu suchen scheint und Saudi-Arabien an deren Seite steht. Wer soll denn bitte den gewünschten “Regime Change” im Iran verhindern? Es reicht ja offenbar noch nicht, dass Afghanistan, Irak, Jemen, Libyen und Syrien destabilisiert sind.

Darüber hinaus taucht hier wieder einmal das Bild des linken Antisemitismus auf (den es natürlich gibt, wenn es sich z.B. um Israelhass statt -kritik handelt). Gerade die sog. Antideutschen (“Antideutsche sind eine aus verschiedenen Teilen der radikalen Linken hervorgegangene politische Strömung in Deutschland. Sie wenden sich gegen einen spezifisch deutschen Nationalismus, der insbesondere im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erstarkt sei. Weitere antideutsche Positionen sind Solidarität mit Israel sowie Gegnerschaft zu Antizionismus, Antiamerikanismus, Islamismus, bestimmten („regressiven“) Formen des Antikapitalismus und Antiimperialismus.” Quelle: Wikipedia) schießen hier sehr schnell gegen Attac, die “neue Friedensbewegung” und alle, die sich kritisch zu Israel äußern bzw. solidarisch mit Palästinensern zeigen wollen (und dies dennoch nicht unkritisch gegenüber den Palästinensern tun).

Insgesamt wird eine Linke, eine im tieferen Sinne demokratische und solidarisch orientierte Bewegung damit geschwächt, werden doch immer wieder Ressourcen durch innere Auseinandersetzungen gebunden anstatt sich mit den Folgen des ausbeuterischen, umweltzerstörenden und kriegerischen globalen Kapitalismus und der Konkurrenz zwischen darin eingebetteten Staaten zu beschäftigen.

Gut, die SZ steht jetzt nicht im Verdacht zur Linken zu gehören. Und dennoch trifft sie die Antisemitismus-Keule wohl zu Unrecht. Die Empfindlichkeit der Redaktion allerdings, die zur Beendigung der Zusammenarbeit geführt hat, ist wiederum auch bezeichnend für eine Gesellschaft, in der eine Karikatur ein solches Empörungsvolumen auslösen kann, die aber nichts gegen strukturellen Rassismus tut, die die AfD mittlerweile auf zweistellige Wahlergebnisse hochgespült hat.

Da gefällt mir sehr die Haltung von Tobias Riegel auf den NachDenkSeiten, wenn er schreibt:

Wenn die oben beschriebene – durch die deutsche Geschichte gerechtfertigte – „Ungleichbehandlung“ des Antisemitismus ein bestimmtes Maß überschreitet, wird sie zur Heuchelei. Und dann kann man die „Süddeutsche Zeitung“ durchaus fragen, warum die Beleidigung des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan als „Ziegenficker“ ein Beitrag zur „Kunstfreiheit“ sein soll, die Darstellung Netanjahus mit großen Ohren aber ein schweres Delikt. Oder man könnte Außenminister Heiko Maas fragen, warum er sich höchst emotional zu einem Fall äußert, bei dem ein jüdisches Mädchen an einer Berliner Schule gemobbt worden sein soll, wenn er sich gleichzeitig (als Außenminister) noch nie zum täglichen Schul-Mobbing gegen andere Minderheiten geäußert hat.

Hier soll keineswegs die gleiche Strenge gegen islamfeindliche Karikaturen gefordert werden, die gegen „antisemitische“ Werke praktiziert wird. Im Gegenteil – alle sollen ihr Fett wegbekommen. Und: Mehr Gelassenheit auf allen Seiten ist gefragt. Wäre es nicht an der Zeit, die extremen Empfindlichkeiten, die vielen gesellschaftlichen Gruppen hierzulande medial anerzogen wurden, behutsam wieder zurückzufahren? Justiziable Äußerungen gegen Juden oder andere Minderheiten müssen streng geahndet werden. Aber abgesehen davon: Das hysterische mediale Eintreten gegen jede verbale oder künstlerische „Entgleisung“ kann sich in ihrer Wirkung auch verkehren – die Hypersensibilität bedeutet dann keinen Schutz mehr für die betroffene Gruppe, sondern das Gegenteil: Wenn Worte übermäßig aufgeladen werden, verschlimmert das auch die Verletzung bei den Betroffenen, wenn diese Worte gebraucht werden.

Der Begriff Antisemitismus ist zudem unscharf, vgl. die ausführliche Darstellung bei Wikipedia. Und deshalb versteht selbst jede/r reflektierte und politisch bewusst denkende Mensch im Zweifel darunter etwas anderes. Und die besondere Empfindlichkeit, die es in Deutschland zu Recht gibt, ist leider viel zu schnell emotional, wodurch die Antisemitismus-Keule so leicht als Waffe eingesetzt werden kann. Stattdessen wäre doch gerade eine gelingende Kombination aus Sensibilität und Rationalität hilfreich, konstruktive Debatten zu führen. Aber das passt ja nicht in die heutige Aufmerksamkeitsökonomie und liefert keine Schlagzeilen.


Anmerkung in eigener Sache:
Wir respektieren grundsätzlich das Urheberrecht. Allerdings ist die Karikatur von Dieter Hanitzsch und die Reaktion der Süddeutschen Zeitung Gegenstand einer breiten Debatte. Insofern überwiegt hier unseres Erachtens das öffentliche Interesse, was eine Wiedergabe in unseren Augen gerechtfertigt erscheinen lässt. Und die bearbeitete Grafik unter Verwendung einer Zeichnung der amerikanischen politischen Karikaturistin Kate Salley Palmer dient lediglich zur Verdeutlichung und soll die Werke der beiden Künstler in keiner Weise schmälern.

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8 Gedanken zu „Antisemitismus-Vorwürfe

  1. Willi

    Stehen nicht sämtliche Antisemitismus-Vorwürfe für eine Art Gehirnwäsche, für eine Art Denkverbot? Jegliche Kritik – auch nur der Anschein von Kritik oder auch eine unterstellte Kritik – sind strengstens untersagt. Das gilt immer, ohne eine Prüfung, ob die Kritik evtl. berechtigt ist. Gibt es einen rationalen Grund, weshalb man im Zusammenhang mit Israel keine Kritik äußern darf, selbst wenn bei neutraler Betrachtung durchaus Grund zur Kritik besteht?

    Den Juden ist in Deutschland schon im Mittelalter immer wieder und ganz besonders im Dritten Reich furchtbares Unrecht angetan worden. Das kann man nicht verleugnen, und das ist eine moralische Verpflichtung insbesondere für alle Deutschen, so etwas nie wieder zu tun! Daran gibt es für mich keine Zweifel.

    Aber gibt das dem israelischen Staat das Recht, sich im Gegensatz zu jeglicher internationaler Rechtsordnung zu verhalten? Die Behandlung der Palästinenser (immerhin seit langer Zeit die Bewohner und Eigentümer des Gebietes, das jetzt Israel heißt) und die zunehmende Aneignung von deren Grund und Boden dürfte wohl kaum im Sinne der Menschenrechte und des Völkerrechts sein. Grund zur Kritik in Hülle und Fülle!

    Aber jeglicher Versuch einer vorsichtigen Kritik (aktuell in Form von wenigen Federstrichen) wird sofort mit dem Bann “Antisemitismus” belegt. Dabei ist nicht mal klar, was dieser Begriff wirklich bedeutet. Auch Wikipedia liefert (wie im Beitrag verlinkt) keine eindeutige Aussage, was Semiten sind. Auch Araber könnten Semiten sein. Deshalb ist dieser pauschale Begriff “Antisemitismus” für mich ein Unwort. Wer den Begriff ernsthaft benutzt, dessen diesbezügliche Aussage nehme ich nicht mehr ernst. Die SZ hat wohl den Begriff nicht benutzt. Aber mit dem Rauswurf des Karikaturisten Hanitzsch hat sie sich für mich erneut disqualifiziert.

    Wenn jemand Kritik im Zusammenhang mit Israel äußert sollte klar sein, gegen was oder wen sich diese Kritik richtet. Gegen die jüdische Religion: Dann wäre man ein Antizionist. Gegen die israelische Regierung, den israelischen Staat: Dann wäre vielleicht der Begriff “Antiisraelit” zutreffend. Aber “Antisemit” ist für mich ein politischer Kampfbegriff ohne jede konkrete Aussage.

    Überlegen Sie mal als Vergleich: Unsere Politiker benutzen gerne die Begriffe “Europa”, gerne auch “mehr Europa”. Meinen diese Leute wirklich “Europa”? Ich glaube eher, dass diese Leute im Erdkunde-Unterricht nicht aufgepasst haben: Europa geht bis zum Ural, Moskau gehört zu Europa! Das ist aber meistens nicht so gemeint. Und: Kann man “Antieuropäer” sein? Also gegen einen Kontinent? Warum benutzen diese Leute nicht die Begriffe, die sie eigentlich meinen, also “EU” oder “Eurozone”?

    Resümee: Ich bin gegen Denkverbote und für möglichst eindeutige Begriffe.

    Willi

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  2. Andreas Schlutter

    Hallo Willi,

    ein paar Punkte will ich kurz klarstellen. In meinen Augen gibt es handfesten Antisemitismus, der ist auch als solcher zu benennen. Zu Teilen ist das die Arbeitsdefinition der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) auch sehr hilfreich:

    „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die man als ‚Judenhass‘ bezeichnen kann.
    Rhetorische und physische Manifestationen von Antisemitismus sind gegen jüdische oder nichtjüdische Individuen und/oder gegen ihr Eigentum, gegen Institutionen der jüdischen Gemeinden und gegen religiöse Einrichtungen gerichtet.
    Außerdem können solche Manifestationen gegen den Staat Israel – angesehen als jüdische Gemeinschaft – gerichtet sein.
    Antisemitismus klagt Juden häufig der Verschwörung zum Schaden der Menschheit an und wird oft benutzt, um Jüdinnen und Juden dafür verantwortlich zu machen, ‚wenn etwas falsch läuft‘. Er drückt sich in Worten, in schriftlicher und visueller Form und in Taten aus und verwendet dazu unheilvolle Stereotypen und negative Charakterzüge.“ (zit. nach Wikipedia)

    Im zweiten Teil der Definition liegt m.E. das Problem, nämlich die Unschärfe, wo der Staat Israel mit der jüdischen Gemeinschaft gleichgesetzt wird. In der Arbeitsdefinition (ebenfalls bei Wikipedia nachzulesen) folgen dann auch nützliche Beispiele. Das Problem ist, dass Kritik an der Politik des Staates Israel z.B. in der innerdeutschen Debatte schnell des Antisemitismus verdächtigt wird. Das kann – wenn das Existenzrecht Israels z.B. nicht anerkannt wird – durchaus vollends gerechtfertigt sein. Es wird aber auch benutzt, um Kritik zu delegitimieren. Und dann fängt m.E. das Problem an. Israels Siedlungspolitik ist m.E. nicht zu rechtfertigen, der Umgang mit den Palästinensern in der Westbank und v.a. in Gaza ist selbstredend zu kritisieren. Schwierig ist dabei natürlich, wenn im Menschenrechtsrat Staaten, die selber die Menschenrechte nicht einhalten, Israel deshalb verurteilen.
    In Deutschland, so meine Beobachtung, ist der Grat dessen, was diskutiert werden darf, mittlerweile schmaler geworden. Josef Joffe, Mitherausgeber der Zeit (dass ich den mal positiv zitiere) hat anlässlich eines Angriffs von Henryk M. Broder auf Jakob Augstein vor fünf Jahren geschrieben:

    Es ist heute schlimmer, jemanden einen Antisemiten zu nennen, als einer zu sein. (Quelle: Zeit Online)

    Weder Augstein noch Hanitzsch sind Antisemiten, genauso wenig wie (liberale, linke, friedenspolitisch engagierte) Juden und Jüdinnen, die es wagen ihre Kritik an der Politk der Regierung Netanjahu klar zu formulieren. Auffällig finde ich auch, wie schnell z.B. die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch Antisemitismus-Vorwürfe wie jetzt gegen Dieter Hanitzsch erhebt.
    Ein Wort noch zum Begriff Antizionismus: der Begriff richtet sich – anders als du schreibst – nicht gegen die Religion, sondern gegen das Recht der Juden auf einen eigenen Staat. Antizionisten stellen also den Staat Israel in Frage.

    Antworten
    1. Willi

      Hallo Andreas,
      Dein Zitat aus der Arbeitsdefinition der EUMC bezieht sich bezieht sich ganz überwiegend auf Juden, Jüdinnen und den jüdischen Staat, also auf die Religion. Mir ist es aber ganz wichtig, dass meine Kritik (und wahrscheinlich auch die vieler anderer Leute) absolut nichts mit einer Religion zu tun hat! Wenn israelische Soldaten gezielt unbewaffnete Demonstranten erschießen, die sich noch dazu auf ihrem eigenen Gebiet befinden, dann hat das vermutlich nichts mit der jüdischen Religion zu tun. Es ist Mord, und der ist hoffentlich auch in Israel verboten. Und wenn Israel iranische Stellungen in Syrien bombardiert ist das ein völkerrechtswidriger Angriff auf einen anderen Staat. Ich betrachte diese Konflikte nicht aus religiöser Sicht (jeder mag glauben, was er will), sondern aus rechtlicher Sicht, Staatsrecht, Menschenrecht, Völkerrecht, … Keine Religion kann ein Recht oberhalb dieser Rechtsgrundsätze setzen.

      “In Deutschland, so meine Beobachtung, ist der Grat dessen, was diskutiert werden darf, mittlerweile schmaler geworden.” Das ist genau das, was ich nicht akzeptiere und was ich als Denkverbote bezeichnet habe. Sind wir denn Marionetten, die freiwillig auf ihr Recht zur Meinungsäußerung verzichten? Wenn andere versuchen, kritische Meinungen zu diffamieren, sollten wir dann nicht erst recht darauf bestehen, unsere Meinung zu sagen? Wenn die USA völkerrechtswidrige Kriege anzetteln sagen wir das, auch wenn ein Teil der deutschen Bevölkerung das nicht wahrhaben will. Wenn Israel das Völkerrecht bricht (nur als Beispiel) sollten wir das genauso sagen. Das hat nichts mit einer Religion oder mit Antisemitismus oder mit Hass auf die israelische Bevölkerung zu tun, das ist schlicht und einfach ein Verbrechen!

      Zu Deinem letzten Absatz: Danke für den Hinweis. Ich will nicht das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Da hat nach dem 2. Weltkrieg die internationale Gemeinschaft versagt, indem sie den Israelis das Gebiet zugesprochen hat ohne dafür zu sorgen, dass die angestammte Bevölkerung ausreichend abgesichert ist. (Das ist ein eigenes kompliziertes Thema.)
      Willi

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      1. Andreas Schlutter

        Ich gebe dir ja Recht darin, dass gerade im der Vermengung von Religion und Staat die Problematik der Antisemitismus-Definition liegt. Kritik an der israelischen Politik muss möglich sein ohne dem Antisemitismus-Vorwurf ausgesetzt zu sein. Allerdings definiert sich Israel ja als Staat des jüdischen Volkes. Wobei diese Definition wiederum nichts damit zu tun hat, wer in Israel geboren wird bzw. seit Jahrzehnten lebt. Die Religionszugehörigkeit ist hier Referenzpunkt für Volk. Diese Unschärfe, die historisch bedingt ist und ganz viel mit dem Rassismus europäischer Staaten zu tun hat, ist es vielleicht auch, was es so schwierig macht damit vernünftig umzugehen.

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        1. Willi

          Soll diese Definition von Israel jetzt bedeuten, dass alle Kritik an der israelischen Regierung bzw. des israelischen Staates sich gegen “alle Juden” richtet? Gilt das nur für Juden, die in Israel leben (Staatsbürger sind) oder auch für Juden in anderen Ländern der Welt? Und sind – im Gegensatz zu den Juden – in Israel lebende Palästinenser frei von dieser Kollektivschuld?
          Aus der Definition “Israel als Staat des jüdischen Volkes” abzuleiten, dass eine Kritik an der israelischen Regierung gleichzeitig eine Verunglimpfung des Judentums ist, halte ich für abwegig. Wenn jemand die Merkel kritisiert fühle ich mich auch nicht betroffen.
          Willi

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  3. Peter

    Hallo, man kann das Thema benutzen, um über viele Aspekte und Definitionen zu diskutieren und damit am eigentlichen Kern vorbei diskutieren. In meinem Verständnis ist doch der eigentliche Skandal der, dass eine deutsche Tageszeitung, die selbst für sich in Anspruch nimmt, mit Qualitätsjournalismus zu werben (und ihn ja durchaus auch liefert), sich von solchen billgen Vorwürfen beeindrucken lässt, um sich von einem jahrelang anerkannten Karikaturisten zu trennen. Wie sehr unsere Medien Interessen-gesteuert sind, haben wir doch genau in diesem Umfeld wieder erlebt. Da wird vom Recht Israels auf Selbstverteidigung geschwafelt und im gleichen Atemzug werden die Fakten genannt. Auf palästinensischer Seite mehr als 50 Tote, mehr als 2.000 Verletze und auf Seiten Israels? – Null.
    Wer hat sich da gegen wen verteidigt? – Häufig reicht es, nur genau zu zu hören oder genau hin zu sehen und vor allem sich die Gedankengänge nicht vorschreiben zu lassen – Nachdenken eben!

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    1. Andreas Schlutter

      Handelnde – neben der Bild-Zeitung – waren übrigens Charlotte Knobloch in einem offenen Brief an die SZ-Chefredaktion: „Sie haben sich mit der Veröffentlichung dieser Karikatur dafür entschieden, einen harmlosen ESC-Sieg zur Bedrohung der Welt durch das Judentum umzudeuten – und nichts weiter. Wie anders soll eine Bombe mit Davidsstern zu verstehen sein?“ und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der – wiederum gegenüber der Bild-Zeitung – kritisierte, dass die Darstellung „Assoziationen an die unerträglichen Zeichnungen der nationalsozialistischen Propaganda“ wecke.
      Ich gebe dir Recht, Peter, was den eigentlichen Skandal ausmacht. Aber rund um Israel gibt es eine riesengroße Tabuzone in Deutschland – und die Süddeutsche ist in den letzten Jahren des Öfteren in die Kritik geraten. Deshalb funktioniert ja der Antisemitismus-Vorwurf so gut, weil viele – wie hier die SZ-Chefredaktion – windelweich reagieren.

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  4. Andreas Schlutter

    Aus den Videohinweisen der NachDenkSeiten vom 30. Mai 2018:

    Moshe Zuckermann: “Ich bin kein selbsthassender Jude”
    Ein brillanter Vortrag des berühmten Soziologen und Historikers aus Tel Aviv. Mit aktuellen, politischen, historischen und gesellschaftstheoretischen Bezügen. Der Antisemitismus ist eine der verruchtesten Formen moderner Ideologien, worüber immer wieder aufgeklärt werden muss. Antiaufklärerisch wird der Anti-Antisemitismus, wenn er politisch missbraucht und instrumentalisiert wird.
    Man kann direkt zu den einzelnen Punkten klicken.
    (1) Aufregung über die Karrikatur in der Süddeutschen Zeitung (Min. 8:02)
    (2) Die Aktion “Berlin trägt Kippa” (Min. 15:43)
    (3) Drei ganz verschiedene Kategorien: Judentum, Zionismus, Israel (Min 27:32)
    (4) Natalie Gutman verweigert die Annahme des “Genesis”-Preises aus politischen Gründen (Min 34:55)
    (5) Die historische Sackgasse des Zionismus (Min 1:05:54)
    (6) Beteiligt sich an der Diskussion: Clemens Messerschmidt, der Wasserexperte für Israel und Palästina (Min 1:22:29)
    (7) Beteiligt sich an der Diskussion: Kerstin Cademartori von der LAG Gerechter Frieden in Nahost der LINKEN Niedersachsen (Min 1:30:46)
    Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel-Aviv geboren. Lebte zwischen 1960 und 1970 in Deutschland (Frankfurt am Main). Nach der Rückkehr nach Israel Studium der Soziologie, Politologie und Geschichte an der Universität Tel-Aviv. Lehrte seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas (TAU). 2000-2005 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte (TAU). 2009-2013 akademischer Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien. Seit Oktober 2017 emeritiert.
    Veranstaltet von: Deutsch-Palästinensische Gesellschaft Bremen e.V., Israelisches Komitee gegen Hauszerstörung (ICAHD), AK Nahost Bremen, Bremer Friedensforum, Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (biz), Kairos Palästina Solidaritätsnetz Gruppe Bremen.
    Moderation: Detlef Griesche. Video: Sönke Hundt
    Mehr Infos: nahost-forum-bremen.de
    Quelle: weltnetzTV

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