Humanismus oder Barbarei!

Humanismus oder Barbarei!

“Flächenbrand“ (2017) von Karin Leukefeld
und andere Perspektiven 2019 ff.

von Stefan Frischauf

Quelle: PapyRossa-Verlag

„Wenn man aus Afghanistan zurück kommt in den Westen, dann kann nichts mehr so sein, wie es war.“

Diesen Satz von meiner Wenigkeit kann, wenn man Afghanistan durch Syrien ersetzt die einzige dort akkreditierte deutsche Journalistin Karin Leukefeld sicher auch bestätigen.

Der Krieg und die Schicksale vieler Menschen, denen man dort begegnet – das lässt einen nicht mehr los. Es verbrennt einen selbst innerlich. Dennoch verspürt man unweigerlich den Drang, darüber zu berichten. Gegen die Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die man erlebt hat, anzugehen. Darzustellen, was an einem solchen Ort falsch läuft. Was den Menschen dort angetan wird. Menschen wie Du und ich.

Auch den Tod möchte man besiegen, der sich unweigerlich immer wieder vor einem darstellt. Den eigenen wie den der anderen, deren Trauer man geteilt und darüber berichtet hat. Den man so auch immer wieder neu respektieren lernen muss.

Besiegen wird man ihn nie.
Fürchten immer.

 

Inhalt

 

1. In jedem Krieg ist „die Wahrheit“ das erste Opfer

Ganz viele schreien wild durcheinander „Mörder!“ und zeigen mit dem Finger auf das Gegenüber. Den oder die man schon lange mit großem Argwohn betrachtet hat. Gegen den oder die man dann auch bald gerne eigene „Kampfverbände“ und „Fußtruppen“ entsenden möchte. Ins Feld. In die Schlacht. Das Gemetzel.

Auch wer da vom Kriegsort berichtet, ist immer erst mit allergrößter Vorsicht zu genießen. Im Krieg kann man auch dem Verkünder von Nachrichten dort aus dem Feld nicht trauen.

Wer steuert da wie welche „Meinung“?
Auf welcher Seite steht der oder die?
Wem nützt da welche „Meinung“, die da vertreten wird?
Wer will da welche „Meinung“ mit aller Gewalt durchdrücken?
Was soll da also welcher „Meinung“ zur Vorherrschaft verhelfen?
Wer ist wirklich bei den Menschen da und interessiert sich für ihr Sein und ihr Nicht-Sein? Ihre Ängste und Nöte?

 

2. An Stelle einer Rezension

soll hier vielmehr erörtert werden, was das Dilemma ausmacht, das Karin Leukefeld im erstmals 2015 erschienenen, hier jetzt in der dritten Auflage von 2017 vorliegendem Buch „Flächenbrand“ darstellt.

„Noch selten wurde ein militärischer Konflikt quer durch politische Lager so kontrovers diskutiert wie der Krieg in Syrien. Und selten sind die Frontlinien und beteiligten Interessen in einem Krieg für die einfachen Zeitgenossen so schwer durchschaubar gewesen.“1

So beginnt im „socialnet – Das Netz für Sozialwirtschaft“ eine klug das Buch zusammenfassende Rezension von Prof. Dr. Georg Auernheimer. Der emeritierte Erziehungswissenschaftler gerade für interkulturelle Pädagogik der Uni Köln schließt seine Buchbesprechung mit dem Fazit ab:

„Eine Publikation, die nicht nur den mit Politik befassten oder an Politik interessierten zu empfehlen ist, sondern unter anderem auch Leser*innen aus sozialen Berufen oder Ehrenamtlichen, die sich in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren. Wer der Darstellung der Verfasserin Misstrauen entgegenbringt, sollte sich immerhin damit auseinandersetzen. Manchen wird dazu z.B. ihre kritische Haltung gegenüber den von Kurden angeführten SDF (Demokratische Kräfte Syriens), die hierzulande viel Sympathie genießen, veranlassen.“1

Für mich persönlich als 2010 vom Hindukusch, aus Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrten „Aufbauhelfer“ dort, fasst dieses Fazit recht gut das Dilemma eines „Kriegsheimkehrers“ zusammen: Man wünscht sich nichts sehnlicher als endlich wieder einen Rückweg eines solchen Landes, in dem man auch eine Art „Heimat“ verspürt auf einen Weg, der nicht von Krieg und Zerstörung, sondern von Hoffnung und Zuversicht getragen ist.

Die Bewertung der Rolle einzelner (verführter, höchst vulnerabler) Akteure dort – in diesem Falle etwa der Kurden ordnet man damit zwangsläufig dieser wichtigsten Option unter: der Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit von Seiten der großen, überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung.
„Täter“ und „Opfer“? Irgendwann sieht man, dass es nur noch Opfer gibt. Auch unter vormaligen Tätern. Dass die Spirale der Gewalt durchbrochen werden muss. Endlich.

 

3. Man wünscht allen und sich einfach nur, dass die Grausamkeiten aufhören

Insofern lese ich Karin Leukefelds Buch eben auch mit einer ganz anderen Prämisse. Mit ganz anderen Augen:

Es handelt sich unter anderem auch um ein akribisch zusammengetragenes Zeugnis von hysterisiert überinterpretierten und bald dann „gezielt gesteuerten Missverständnissen“, das hier ausgebreitet wird.

„Menschlich Allzu-menschlich“? Vielleicht.
Zum Teil aber auch scheint Vieles da, was den Krieg weiter anfacht auch von einer erschütternden Boshaftigkeit.
Oder von Unfähigkeit und Unwillen, die Dinge friedlich zu regeln?
Man weiß es nicht. Aber: es scheint bisweilen zum Verzweifeln.

Einzelne, höchst vulnerable Volksgruppen wie etwa die ohnehin im Exil lebenden Palästinenser geraten so einmal mehr unter die Räder. Um nicht zu sagen: sie werden zum Teil zwischen den Fronten zerrieben. Einmal mehr.

„Eine Tragödie geschah und wir durchlebten noch einmal, was 1948 geschehen war, die Diaspora. Im Yarmuk-Lager lebten damals bis zu 800.000 Menschen. Und in nur einem Tag mussten 80 Prozent dieser Menschen das Lager verlassen.“2

So zitiert Karin Leukefeld einen ehemaligen Bewohner dieses größten Flüchtlingslagers in der palästinensiaschen Diaspora. 1957 von den UN gepachtet, damals 8 km vom Stadtzentrum von Damaskus gelegen war es nun ein pulsierender Stadtteil der syrischen Hauptstadt geworden, der aber im Laufe des Jahres 2012 immer mehr zwischen die verschiedenen Frontlinien geriet und dann im Dezember desselben Jahres den geschilderten Exodus erlebte.

Und dieses Schicksal blüht leider derzeit mehr denn je einer anderen höchst vulnerablen Volksgruppe: den Kurden im Norden.

Ob und wann die Türkei in ihrem eigenen nationalen „Kampf gegen kurdischen Terror“, die syrische Regierung mit russischen und iranischen Partnern und die US da mit den vielen „Kampfverbänden“ dazwischen zu Waffenstillstandsvereinbarungen kommen können und wollen: das ist derzeit einmal mehr eine der vielen Ungewissheiten eines solchen Krieges.

Der, wie Geza Törö sagt, „nicht Mitglied der Atlantikbrücke“ darstellende Weserkurier aus Bremen berichtet am 28. Dezember 2018, „Moskau stoppt Erdogan“  und stellt abschließend fest: „Russland, das den syrischen Luftraum ab sofort konkurrenzlos beherrscht, hat Ankara unzweideutig vor einem Angriff gewarnt, und syrische Regimetruppen sind in die von einem kurdisch-arabischen Bündnis beherrschte Stadt Manbidsch eingerückt, die Erdogan zuerst attackieren wollte. Das sind gute Nachrichten, denn damit dürften neues Blutvergießen, ethnische Säuberungen und ein weiterer Exodus der Christen abgewendet werden.“3

Im Gegensatz zu den US vor Trump scheint Russland, insbesondere Putin aus den Afghanistan-Erfahrungen und den Verheerungen von Machtvakuen in gescheiterten oder zum Scheitern gebrachten Staaten gelernt zu haben.

Jedoch in Anbetracht der vielfältigen, sich nun also auch in Regierungskreisen und Medien abzeichnenden Grabenkämpfen nach US-Präsident Trumps eigenmächtiger Abzugsbekundung von US-Truppen aus Syrien sind natürlich weitere Grabenkämpfe mit entsprechender Außenwirkung zu befürchten.
Doch das wird hier einmal mehr deutlich:
Trump ist nur das „Symptom, nicht die Erkrankung“.

Viele der regionalen, wie der internationalen / globalen Akteure scheinen da von dem unbändigen Willen besessen, ungelöste Probleme bei sich zu Hause nach außen zu tragen.
Willen oder Unfähigkeit? Gezielte Projektion oder Flucht vor der eigenen Verantwortung? Ablenkung von den eigenen ungelösten Themen?

Was bedingt die Entscheidungen bei denjenigen, die da „Entscheidungsträger“ sind? Politikern, die ja verantwortlich sind für das „Wohl ihres Volkes“? Da alle sich irgendwie als demokratisch legitimiert wähnen oder schimpfen: „ihrer Wähler“? Eigentlich auch für ein friedliches Zusammenleben der Völker untereinander. Sollte man meinen.

 

4. (Neo-)Postkoloniales: Frankreichs „neues Selbstverständnis“?

Besonders markant ist die „postkoloniale Komponente“, die da bei Ausbruch des Krieges 2011 die Rolle vom damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy im Élysée-Palast in Paris kennzeichnet. Karin Leukefeld schildert einige Begebenheiten, die ganz deutlich auf gezielte und gesteuerte Konflikte zwischen dem Präsidenten und seinem Beraterstab einerseits und dem französischen Außenminister und dem Botschafter in Syrien andererseits und französischen Inlands- und Auslandsgeheimdiensten hinweisen.

Wie kaum anders zu erwarten ist das im Oktober 2014 von den französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot herausgebrachte Buch “Les Chemins de Damas” (deutsch “Die Straße nach Damaskus”) dazu nicht ins Deutsche übersetzt. Auch in deutschen „Leitmedien“ wird es nicht besprochen. Nur bei Heise Telepolis wird es kurz erörtert.4

Karin Leukefeld schreibt von „politischem Sprengstoff“, wo „bis dahin geheim gehaltene Informationen über die Syrienpolitik Frankreichs“5 von 2011 bis heute aufgedeckt werden.

„Eine Szene aus dem Frühjahr 2011 beschreibt, wie der damalige französische Botschafter in Syrien, Éric Chevallier, vom damaligen Präsidentenberater Nicolas Galey bei einer Besprechung am Quay d’Orsay (Außeniministerium) abgefertigt wurde. Als Chevallier erklärte, dass seiner Meinung nach die Position von Präsident Bashar al-Assad stabil und nicht gefährdet sei, habe ihn Galey angefahren: ‚Hören Sie auf, solchen Quatsch zu erzählen.’ Man müsse sich ‚nicht an Fakten halten, sondern über unsere Nasenspitze hinausblicken’, wird Galey zitiert, der damals Präsident Nicolas Sarkozy in Fragen des Nahen und Mittleren Ostens beriet. Alle Anwesenden seien ‚schockiert über die unerhörte Feindseligkeit’ gewesen, mit der Galey den Botschafter angefahren hätte. Hervé Ladsous, damaliger Stabschef im Außenministerium, erinnerte sich, dass der Präsidentenberater offenbar ‚nicht zu dem Treffen gekommen war, um gemeinsam die Sachlage zu erörtern, sondern um einen speziellen Auftrag zu erfüllen. Es ging um die politische Vorgabe, ‚dass der Sturz von Assad unvermeidlich ist’, so Ladsous.

Eine andere Meinung sei nicht toleriert worden.

Die Formel ‚der Sturz von Assad ist unvermeidlich’ wurde damals übereinstimmend von den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, der Türkei, Katar und Saudi-Arabien übernommen. Kurz darauf schlossen sie sich in der Kerngruppe der ‚Freunde Syriens’ zusammen und begannen am UN-Sicherheitsrat vorbei, gegenüber Syrien ihre eigene Interventionspolitik zu organisieren.“5

Weiter schildert Karin Leukefeld, dass diese Konflikte zwischen Botschaftern und Kundigen vor Ort und den jeweiligen Machtzentralen insbesondere in Europa keine Ausnahme waren. In einem Gespräch Ende 2014 mit Ali  Haidar, seit 2012 in Damaskus Minister für nationale Versöhnung sagt dieser:

„Die meisten Botschafter waren überrascht, als ihre Außenminister diesen Schwenk vollzogen, obwohl ihnen ja die Berichte aus den Botschaften hier vorlagen. Ich kenne einen europäischen Botschafter, der geweint hat, als seine Regierung ihn aus Syrien abzog. Er sagte damals, das sei eine Verschwörung gegen alle Staaten, nicht nur gegen Syrien. Das waren seine eigenen Worte.“5

 

5. Eitelkeiten und Profilierungssüchte: Das weiße Haus mit Hillary Clinton im Außenamt

Julian Assange, dessen weiteres Schicksal frei nach dem Motto „Tötet den Botschafter!“ ja derzeit, zum Jahreswechsel 2018/19 wieder sehr ungewiss ist, hat schon viel über Hillary Clintons höchst eigenmächtige Rolle im US-Außenministerium zu ihrer Amtszeit dort in der Regierung Obama mit Wikileaks aufgedeckt.

In Karin Leukefelds Schilderungen wird offenkundig, dass der Vize des ersten afro-amerikanischen US-Präsidenten Joe Biden, der im Gegensatz zum politischen Newcomer Obama so wie Clinton sehr gut im politisch-unternehmerisch-medialen Establishment vernetzt ist, da immer wieder mit gemäßigten Positionen und bald auch mit frühen Warnungen vor „falschen Freunden“ weitaus „ausgewogener“ daherkommt als die damalige Chefin im Außenamt.

H.R. Clinton als Außenministerin der ersten Obama-Administration von 2010 bis 2013  steht damit in der „würdigen Nachfolge“ der ersten afro-amerikanischen Frau im Außenamt in der zweiten Bush-Administration 2005 bis 2009, C. Rice.

Karin Leukefeld erläutert das im Kapitel zum Irak folgendermaßen:

„Der damalige US-Vizepräsident Dick Cheney entwickelte die Idee des „kreativen Chaos“ (US-Außenministerin Condoleezza Rice zur Zerstörung des Iraks) mit Prinz Bandar bin Sultan fort, wie Anfang 2007 der kenntnisreiche US-amerikanische Journalist Seymour Hersh in der Zeitschrift „The New Yorker“ schrieb.6

Cheney und Bandar wollten den infolge des Libanonkrieges 2006 gewachsenen Einfluss des Irans, Syriens und der Hisbollah im Nahen Osten zurückdrängen, dafür sollten religiöse und ethnische Gruppen in der Region gegeneinander ausgespielt werden. Basierend auf einem jahrhundertealten Religionsstreit unter den Muslimen, sollten Sunniten gegen die Schiiten aufgewiegelt werden.“7

Genannter Bandar bin Sultan,  Neffe des früheren saudi-arabischen Königs Abdullah war von 1983 bis 2005 Botschafter in den US und zudem langjähriger saudischer Geheimdienstchef. George W. Bush nannte ihn scherzhaft auch „Bandar Bush“.

Seymour Hersh beschreibt seine Rolle 2007 eindringlich und selbst Wikipedia notiert da manches frank und frei:

„In Washington war hinlänglich bekannt, dass Bandar so eng mit George Bush und den führenden Köpfen seiner Regierung zusammenarbeitete (darunter James Baker, Dick Cheney, General Colin Powell), dass er praktisch selbst Regierungs-mitglied wurde. … Kein arabischer Botschafter –  vielleicht überhaupt kein Botschafter hatte jemals so großen Einfluss in Washington wie Bandar. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hatte er sich für beide Seiten unentbehrlich gemacht, so diente er seinem König als persönlicher Bote und dem Weißen Haus als Laufbursche.“8

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