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Humanismus oder Barbarei!

Humanismus oder Barbarei!

“Flächenbrand“ (2017) von Karin Leukefeld
und andere Perspektiven 2019 ff.

von Stefan Frischauf [1]

[1]

Quelle: PapyRossa-Verlag

„Wenn man aus Afghanistan zurück kommt in den Westen, dann kann nichts mehr so sein, wie es war.“

Diesen Satz von meiner Wenigkeit kann, wenn man Afghanistan durch Syrien ersetzt die einzige dort akkreditierte deutsche Journalistin Karin Leukefeld sicher auch bestätigen.

Der Krieg und die Schicksale vieler Menschen, denen man dort begegnet – das lässt einen nicht mehr los. Es verbrennt einen selbst innerlich. Dennoch verspürt man unweigerlich den Drang, darüber zu berichten. Gegen die Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die man erlebt hat, anzugehen. Darzustellen, was an einem solchen Ort falsch läuft. Was den Menschen dort angetan wird. Menschen wie Du und ich.

Auch den Tod möchte man besiegen, der sich unweigerlich immer wieder vor einem darstellt. Den eigenen wie den der anderen, deren Trauer man geteilt und darüber berichtet hat. Den man so auch immer wieder neu respektieren lernen muss.

Besiegen wird man ihn nie.
Fürchten immer.

 

Inhalt

 

1. In jedem Krieg ist „die Wahrheit“ das erste Opfer

Ganz viele schreien wild durcheinander „Mörder!“ und zeigen mit dem Finger auf das Gegenüber. Den oder die man schon lange mit großem Argwohn betrachtet hat. Gegen den oder die man dann auch bald gerne eigene „Kampfverbände“ und „Fußtruppen“ entsenden möchte. Ins Feld. In die Schlacht. Das Gemetzel.

Auch wer da vom Kriegsort berichtet, ist immer erst mit allergrößter Vorsicht zu genießen. Im Krieg kann man auch dem Verkünder von Nachrichten dort aus dem Feld nicht trauen.

Wer steuert da wie welche „Meinung“?
Auf welcher Seite steht der oder die?
Wem nützt da welche „Meinung“, die da vertreten wird?
Wer will da welche „Meinung“ mit aller Gewalt durchdrücken?
Was soll da also welcher „Meinung“ zur Vorherrschaft verhelfen?
Wer ist wirklich bei den Menschen da und interessiert sich für ihr Sein und ihr Nicht-Sein? Ihre Ängste und Nöte?

 

2. An Stelle einer Rezension

soll hier vielmehr erörtert werden, was das Dilemma ausmacht, das Karin Leukefeld im erstmals 2015 erschienenen, hier jetzt in der dritten Auflage von 2017 vorliegendem Buch „Flächenbrand“ darstellt.

„Noch selten wurde ein militärischer Konflikt quer durch politische Lager so kontrovers diskutiert wie der Krieg in Syrien. Und selten sind die Frontlinien und beteiligten Interessen in einem Krieg für die einfachen Zeitgenossen so schwer durchschaubar gewesen.“1

So beginnt im „socialnet – Das Netz für Sozialwirtschaft“ eine klug das Buch zusammenfassende Rezension von Prof. Dr. Georg Auernheimer. Der emeritierte Erziehungswissenschaftler gerade für interkulturelle Pädagogik der Uni Köln schließt seine Buchbesprechung mit dem Fazit ab:

„Eine Publikation, die nicht nur den mit Politik befassten oder an Politik interessierten zu empfehlen ist, sondern unter anderem auch Leser*innen aus sozialen Berufen oder Ehrenamtlichen, die sich in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren. Wer der Darstellung der Verfasserin Misstrauen entgegenbringt, sollte sich immerhin damit auseinandersetzen. Manchen wird dazu z.B. ihre kritische Haltung gegenüber den von Kurden angeführten SDF (Demokratische Kräfte Syriens), die hierzulande viel Sympathie genießen, veranlassen.“1

Für mich persönlich als 2010 vom Hindukusch, aus Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrten „Aufbauhelfer“ dort, fasst dieses Fazit recht gut das Dilemma eines „Kriegsheimkehrers“ zusammen: Man wünscht sich nichts sehnlicher als endlich wieder einen Rückweg eines solchen Landes, in dem man auch eine Art „Heimat“ verspürt auf einen Weg, der nicht von Krieg und Zerstörung, sondern von Hoffnung und Zuversicht getragen ist.

Die Bewertung der Rolle einzelner (verführter, höchst vulnerabler) Akteure dort – in diesem Falle etwa der Kurden ordnet man damit zwangsläufig dieser wichtigsten Option unter: der Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit von Seiten der großen, überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung.
„Täter“ und „Opfer“? Irgendwann sieht man, dass es nur noch Opfer gibt. Auch unter vormaligen Tätern. Dass die Spirale der Gewalt durchbrochen werden muss. Endlich.

 

3. Man wünscht allen und sich einfach nur, dass die Grausamkeiten aufhören

Insofern lese ich Karin Leukefelds Buch eben auch mit einer ganz anderen Prämisse. Mit ganz anderen Augen:

Es handelt sich unter anderem auch um ein akribisch zusammengetragenes Zeugnis von hysterisiert überinterpretierten und bald dann „gezielt gesteuerten Missverständnissen“, das hier ausgebreitet wird.

„Menschlich Allzu-menschlich“? Vielleicht.
Zum Teil aber auch scheint Vieles da, was den Krieg weiter anfacht auch von einer erschütternden Boshaftigkeit.
Oder von Unfähigkeit und Unwillen, die Dinge friedlich zu regeln?
Man weiß es nicht. Aber: es scheint bisweilen zum Verzweifeln.

Einzelne, höchst vulnerable Volksgruppen wie etwa die ohnehin im Exil lebenden Palästinenser geraten so einmal mehr unter die Räder. Um nicht zu sagen: sie werden zum Teil zwischen den Fronten zerrieben. Einmal mehr.

„Eine Tragödie geschah und wir durchlebten noch einmal, was 1948 geschehen war, die Diaspora. Im Yarmuk-Lager lebten damals bis zu 800.000 Menschen. Und in nur einem Tag mussten 80 Prozent dieser Menschen das Lager verlassen.“2

So zitiert Karin Leukefeld einen ehemaligen Bewohner dieses größten Flüchtlingslagers in der palästinensiaschen Diaspora. 1957 von den UN gepachtet, damals 8 km vom Stadtzentrum von Damaskus gelegen war es nun ein pulsierender Stadtteil der syrischen Hauptstadt geworden, der aber im Laufe des Jahres 2012 immer mehr zwischen die verschiedenen Frontlinien geriet und dann im Dezember desselben Jahres den geschilderten Exodus erlebte.

Und dieses Schicksal blüht leider derzeit mehr denn je einer anderen höchst vulnerablen Volksgruppe: den Kurden im Norden.

Ob und wann die Türkei in ihrem eigenen nationalen „Kampf gegen kurdischen Terror“, die syrische Regierung mit russischen und iranischen Partnern und die US da mit den vielen „Kampfverbänden“ dazwischen zu Waffenstillstandsvereinbarungen kommen können und wollen: das ist derzeit einmal mehr eine der vielen Ungewissheiten eines solchen Krieges.

Der, wie Geza Törö sagt, „nicht Mitglied der Atlantikbrücke“ darstellende Weserkurier aus Bremen berichtet am 28. Dezember 2018, „Moskau stoppt Erdogan“  und stellt abschließend fest: „Russland, das den syrischen Luftraum ab sofort konkurrenzlos beherrscht, hat Ankara unzweideutig vor einem Angriff gewarnt, und syrische Regimetruppen sind in die von einem kurdisch-arabischen Bündnis beherrschte Stadt Manbidsch eingerückt, die Erdogan zuerst attackieren wollte. Das sind gute Nachrichten, denn damit dürften neues Blutvergießen, ethnische Säuberungen und ein weiterer Exodus der Christen abgewendet werden.“3

Im Gegensatz zu den US vor Trump scheint Russland, insbesondere Putin aus den Afghanistan-Erfahrungen und den Verheerungen von Machtvakuen in gescheiterten oder zum Scheitern gebrachten Staaten gelernt zu haben.

Jedoch in Anbetracht der vielfältigen, sich nun also auch in Regierungskreisen und Medien abzeichnenden Grabenkämpfen nach US-Präsident Trumps eigenmächtiger Abzugsbekundung von US-Truppen aus Syrien sind natürlich weitere Grabenkämpfe mit entsprechender Außenwirkung zu befürchten.
Doch das wird hier einmal mehr deutlich:
Trump ist nur das „Symptom, nicht die Erkrankung“.

Viele der regionalen, wie der internationalen / globalen Akteure scheinen da von dem unbändigen Willen besessen, ungelöste Probleme bei sich zu Hause nach außen zu tragen.
Willen oder Unfähigkeit? Gezielte Projektion oder Flucht vor der eigenen Verantwortung? Ablenkung von den eigenen ungelösten Themen?

Was bedingt die Entscheidungen bei denjenigen, die da „Entscheidungsträger“ sind? Politikern, die ja verantwortlich sind für das „Wohl ihres Volkes“? Da alle sich irgendwie als demokratisch legitimiert wähnen oder schimpfen: „ihrer Wähler“? Eigentlich auch für ein friedliches Zusammenleben der Völker untereinander. Sollte man meinen.

 

4. (Neo-)Postkoloniales: Frankreichs „neues Selbstverständnis“?

Besonders markant ist die „postkoloniale Komponente“, die da bei Ausbruch des Krieges 2011 die Rolle vom damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy im Élysée-Palast in Paris kennzeichnet. Karin Leukefeld schildert einige Begebenheiten, die ganz deutlich auf gezielte und gesteuerte Konflikte zwischen dem Präsidenten und seinem Beraterstab einerseits und dem französischen Außenminister und dem Botschafter in Syrien andererseits und französischen Inlands- und Auslandsgeheimdiensten hinweisen.

Wie kaum anders zu erwarten ist das im Oktober 2014 von den französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot herausgebrachte Buch “Les Chemins de Damas” (deutsch “Die Straße nach Damaskus”) dazu nicht ins Deutsche übersetzt. Auch in deutschen „Leitmedien“ wird es nicht besprochen. Nur bei Heise Telepolis wird es kurz erörtert.4

Karin Leukefeld schreibt von „politischem Sprengstoff“, wo „bis dahin geheim gehaltene Informationen über die Syrienpolitik Frankreichs“5 von 2011 bis heute aufgedeckt werden.

„Eine Szene aus dem Frühjahr 2011 beschreibt, wie der damalige französische Botschafter in Syrien, Éric Chevallier, vom damaligen Präsidentenberater Nicolas Galey bei einer Besprechung am Quay d’Orsay (Außeniministerium) abgefertigt wurde. Als Chevallier erklärte, dass seiner Meinung nach die Position von Präsident Bashar al-Assad stabil und nicht gefährdet sei, habe ihn Galey angefahren: ‚Hören Sie auf, solchen Quatsch zu erzählen.’ Man müsse sich ‚nicht an Fakten halten, sondern über unsere Nasenspitze hinausblicken’, wird Galey zitiert, der damals Präsident Nicolas Sarkozy in Fragen des Nahen und Mittleren Ostens beriet. Alle Anwesenden seien ‚schockiert über die unerhörte Feindseligkeit’ gewesen, mit der Galey den Botschafter angefahren hätte. Hervé Ladsous, damaliger Stabschef im Außenministerium, erinnerte sich, dass der Präsidentenberater offenbar ‚nicht zu dem Treffen gekommen war, um gemeinsam die Sachlage zu erörtern, sondern um einen speziellen Auftrag zu erfüllen. Es ging um die politische Vorgabe, ‚dass der Sturz von Assad unvermeidlich ist’, so Ladsous.

Eine andere Meinung sei nicht toleriert worden.

Die Formel ‚der Sturz von Assad ist unvermeidlich’ wurde damals übereinstimmend von den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, der Türkei, Katar und Saudi-Arabien übernommen. Kurz darauf schlossen sie sich in der Kerngruppe der ‚Freunde Syriens’ zusammen und begannen am UN-Sicherheitsrat vorbei, gegenüber Syrien ihre eigene Interventionspolitik zu organisieren.“5

Weiter schildert Karin Leukefeld, dass diese Konflikte zwischen Botschaftern und Kundigen vor Ort und den jeweiligen Machtzentralen insbesondere in Europa keine Ausnahme waren. In einem Gespräch Ende 2014 mit Ali  Haidar, seit 2012 in Damaskus Minister für nationale Versöhnung sagt dieser:

„Die meisten Botschafter waren überrascht, als ihre Außenminister diesen Schwenk vollzogen, obwohl ihnen ja die Berichte aus den Botschaften hier vorlagen. Ich kenne einen europäischen Botschafter, der geweint hat, als seine Regierung ihn aus Syrien abzog. Er sagte damals, das sei eine Verschwörung gegen alle Staaten, nicht nur gegen Syrien. Das waren seine eigenen Worte.“5

 

5. Eitelkeiten und Profilierungssüchte: Das weiße Haus mit Hillary Clinton im Außenamt

Julian Assange, dessen weiteres Schicksal frei nach dem Motto „Tötet den Botschafter!“ ja derzeit, zum Jahreswechsel 2018/19 wieder sehr ungewiss ist, hat schon viel über Hillary Clintons höchst eigenmächtige Rolle im US-Außenministerium zu ihrer Amtszeit dort in der Regierung Obama mit Wikileaks aufgedeckt.

In Karin Leukefelds Schilderungen wird offenkundig, dass der Vize des ersten afro-amerikanischen US-Präsidenten Joe Biden, der im Gegensatz zum politischen Newcomer Obama so wie Clinton sehr gut im politisch-unternehmerisch-medialen Establishment vernetzt ist, da immer wieder mit gemäßigten Positionen und bald auch mit frühen Warnungen vor „falschen Freunden“ weitaus „ausgewogener“ daherkommt als die damalige Chefin im Außenamt.

H.R. Clinton als Außenministerin der ersten Obama-Administration von 2010 bis 2013  steht damit in der „würdigen Nachfolge“ der ersten afro-amerikanischen Frau im Außenamt in der zweiten Bush-Administration 2005 bis 2009, C. Rice.

Karin Leukefeld erläutert das im Kapitel zum Irak folgendermaßen:

„Der damalige US-Vizepräsident Dick Cheney entwickelte die Idee des „kreativen Chaos“ (US-Außenministerin Condoleezza Rice zur Zerstörung des Iraks) mit Prinz Bandar bin Sultan fort, wie Anfang 2007 der kenntnisreiche US-amerikanische Journalist Seymour Hersh in der Zeitschrift „The New Yorker“ schrieb.6

Cheney und Bandar wollten den infolge des Libanonkrieges 2006 gewachsenen Einfluss des Irans, Syriens und der Hisbollah im Nahen Osten zurückdrängen, dafür sollten religiöse und ethnische Gruppen in der Region gegeneinander ausgespielt werden. Basierend auf einem jahrhundertealten Religionsstreit unter den Muslimen, sollten Sunniten gegen die Schiiten aufgewiegelt werden.“7

Genannter Bandar bin Sultan,  Neffe des früheren saudi-arabischen Königs Abdullah war von 1983 bis 2005 Botschafter in den US und zudem langjähriger saudischer Geheimdienstchef. George W. Bush nannte ihn scherzhaft auch „Bandar Bush“.

Seymour Hersh beschreibt seine Rolle 2007 eindringlich und selbst Wikipedia notiert da manches frank und frei:

„In Washington war hinlänglich bekannt, dass Bandar so eng mit George Bush und den führenden Köpfen seiner Regierung zusammenarbeitete (darunter James Baker, Dick Cheney, General Colin Powell), dass er praktisch selbst Regierungs-mitglied wurde. … Kein arabischer Botschafter –  vielleicht überhaupt kein Botschafter hatte jemals so großen Einfluss in Washington wie Bandar. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hatte er sich für beide Seiten unentbehrlich gemacht, so diente er seinem König als persönlicher Bote und dem Weißen Haus als Laufbursche.“8

6. Anfang 2017: „Ausblick“ Karin Leukefeld

„Es ist menschlich, angesichts grausamer Bilder und Anschuldigungen emotional aufgewühlt, zornig zu sein. In der komplizierten Kriegszone Syrien allerdings – in der es nationale, regionale und internationale staatliche und noch viel mehr nicht staatliche Akteure und Interessen gibt – eskalieren solche Kampagnen das Geschehen. Positive Entwicklungen wie Dialog, Waffenstillstände, politische Verhandlungen werden behindert, blockiert, vielleicht unmöglich gemacht. Sieger sind extremistische Positionen, weil sie am Krieg mit verdienen. …

Die Waffen für die Kriege im Nahen und Mittleren Osten gehen nicht aus. Russland und Iran unterstützen vertragsgemäß die syrische Armee, irreguläre Kampfgruppen werden weiter von den Golfstaaten mit Waffen aus Europa und den USA beliefert.9

Sowohl Saudi-Arabien, als auch Katar erhöhten ihre Waffeneinfuhr zwischen 2012 und 2016 um mehr als 200 Prozent.

Wenn die völkerrechtlich legitimierte syrische Regierung weiter militärisch bekämpft, wirtschaftlich isoliert, politisch und medial als Feind markiert und nicht als Partner für den Frieden angesprochen wird, ist ein Ende des Krieges nicht absehbar.
Die Syrer zahlen dafür seit 2011 den höchsten Preis.“10

 

7. 2018: Saudi-Arabien und der Iran – Ausweitung des Flächenbrandes im Jemen?

Die grausame Ermordung des kritischen saudischen Journalisten Jamal Kashoggi durch ein Kommando aus dem Hause Saud hat in der „westlichen Wertegemeinschaft“ zumindest vorübergehend etwas den Fokus auf den „Partner“ Saudi-Arabien erweitert.

Der seit 2015 geführte Krieg im Jemen, der in den hiesigen Medien auch verstärkt auf die Konfrontation zwischen Schia und Sunna, zwischen Iran und Saudis reduziert wird jedoch ist wie jeder Krieg ein immer wieder völlig aus dem Rampenlicht verschwindendes Geschehen. Der Überfall des reichsten Landes der arabischen Halbinsel, des absolutistisch regierten Königreiches auf das ärmste Land der Region da erfährt so eine seltsam oberflächliche „Legitimation in der öffentlichen Meinung“.

Der Stop der Waffenexporte an Saudi-Arabien von Seiten Berlins wird erst groß verkündet, dann auf zwei Monate befristet. Weiterer Verlauf eher ungewiss. Rechnet man mit der Vergesslichkeit der „öffentlichen Meinung“?

Weitere Konfliktebenen und staatliche und nicht staatliche Akteure und einzelne Entscheidungsträger darin und die jeweiligen Interessenskonflikte und Kriegsursachen bleiben unerwähnt.
„Intrigen und Ränke am Hof“ – besser an den vielen Höfen wurden ohnehin immer tunlichst verschwiegen.

„Naturgesetz“. Der Iran, „größte Bedrohung des Weltfriedens“ als Unterstützer des Huthi-Regimes im Jemen:
In Anbetracht der medialen Steuerung von Nachrichten im Orkus der „Leitmedien“ zeichnet sich so eher eine „Verdrängung des sich solchermaßen diskret ausweitenden Flächenbrandes“ ab.

„Alles gut. Weit weg.“
So scheinen viele hinter den Linien der „öffentlichen Meinung“ zu denken. Die Debatten über „Migranten und Flüchtlinge“ jedoch verheißen da schärfere Auseinandersetzungen. Mit welchen Folgen im „post-demokratischen Alltag“?

„Die Geschäfte müssen laufen.“
So scheinen wiederum viele vor und in den Linien der „öffentlichen Meinung“ zu denken. Und dies auch in Anbetracht ihrer medialen Stimmgewalt lauthals immer wieder zu verkünden. Lange Zeit aus dem Bühnenhintergrund. Derzeit auf der vordersten Ebene der Bühne, direkt vor dem Orchestergraben.

 

8. Berlin und Paris: (Neo-) Postkoloniales Wegducken unter die Doktrinen des „Kriegs gegen den Terror“?

Im Gegensatz zu Paris, wo zumindest das vorher zitierte Buch der beiden Journalisten Chesnot und Malbrunot11 viele brisante Details des einer Gleichschaltung ähnelnden, 2011 durchgeboxten Plans vom „Regimewechsel in Damaskus mit aller Gewalt“ eine etwas breitere Öffentlichkeit für diese eher „post-demokratische und beratungsresistente“ Situation „am Hofe“ geschaffen hat, findet man aus Berliner Regierungskreisen und der dortigen Verwaltung keine Verlautbarungen, die über einfache Statements hinausgehen.

Der große Partner der „Grande Nation“ da in Mitteleuropa hat natürlich keine solche koloniale Vergangenheit zumal dort in Syrien. Traditionell hat aber Deutschland, haben sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR immer gute Beziehungen zur „arabischen Welt“ gepflegt. Man kann sagen:
zur gesamten muslimischen Welt.
Ganz gleich ob Sunna oder Schia oder andere lokale muslimische Glaubensgemeinschaften da jeweils vorherrschen.

Dennoch wiegt das Erbe des „Kampfes der Kulturen“ sehr schwer. Und es erfordert ehrliche, tiefe vertrauensbildende Maßnahmen, um einen „wirklich Frieden versprechenden Waffenstillstand für Syrien und die Region“ anzustreben.

 

9. 2019: Sudan – früherer „Schurkenstaat“ G.W.Bushs. Ausweitung des Flächenbrandes?

Karin Leukefelds Buch „Flächenbrand“ verdeutlicht auch, wie flexibel „Pläne zum Systemwechsel“ im Nahen und Mittleren Osten seit den 1980er Jahren von Seiten verschiedener US-Regierungen der jeweiligen strategischen Situation angepasst werden. Wie immer wieder auf Fragmente von älteren „Planwerken und Gedankenspielen“ zur Neugliederung der Region und ihrer Völker zurückgegriffen wird. Und wie dabei besonders die „Eindämmung“ des Iran und von Russland und China in ihren jeweiligen Macht- und Einflusssphären erfolgen soll.

Am 25. Dezember 2018 berichtet die Tagesschau über die Unruhen im Sudan. „Zunächst ging es nur um höhere Brotpreise – inzwischen rufen die Demonstranten zur Revolution auf. Wie gefährlich wird das für Diktator al-Baschir? Die Sorge vor einem Bürgerkrieg im Sudan wächst.“12

Das Land in der Sahelzone am weißen und blauen Nil, mit der Nubischen Wüste östlich vom Nil zum Roten Meer und der Lybischen Wüste westlich davon wurde von George W. Bush als „Schurkenstaat“ bezeichnet. In den auch von Karin Leukefeld notierten Äußerungen des ehemaligen NATO-Oberbefehlshabers und Vier-Sterne-Generals der US-Army a.D. Wesley Clark steht auch der Sudan auf der Liste der „sieben Länder, die in fünf Jahren zu überfallen und die Regierungen zu stürzen“ sind.  Clark bringt im Jahr 2007 die „Pläne der Bush-Administration“ im unmittelbaren Anschluss an die Anschläge vom 11. September 2001 mit früheren geostrategischen Hinweisen von Politikern von 1991 und den Mitgliedern der Denkfabrik „Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert“ von 2000 in der Regierung zusammen.

Die Schilderung der „Pläne“ der Bush-Administration, die er wenige Wochen nach 9/11 beiläufig von einem Offizier vom „Vereinigten Generalstab“ (Joint Chiefs of Staff) im Pentagon erfahren hat, lässt ihn zunächst konsterniert zurück. Im Jahr 2007 dann spricht er von einem „politischen Staatsstreich“.13

Bis März 2015 war der Sudan eines der wenigen arabisch-sunnitischen Länder mit guten Beziehungen zum Iran. Dann jedoch brach man mit dem schiitischen Gottesstaat und wurde Teil der saudischen Koalition im Jemen. Gleichwohl unterhält man gute Beziehungen zu Katar und der Türkei und unterstützte die Muslimbrüderschaft während der Staatskrise in Ägypten 2013/14  und dem Bürgerkrieg in Libyen 2014/15.

Meine Wenigkeit ist schon 2010 auf einem Flug zwischen Kabul und Frankfurt ehemaligen US-Army-Mitgliedern begegnet, die sich intensiv mit dem Sudan beschäftigten. Wahrscheinlich DIA- oder CIA-Mitarbeiter. Eine lange, sehr interessante Unterhaltung.

In Anbetracht der „Flexibilität alter Planwerke“ nach dem, was Gen. a.D. Wesley Clark als Staatsstreich des „Projektes für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert“ in der Bush-Administration bezeichnet und was ja auch in Stratfor und anderen „Denkfabriken des Imperiums“ weiter gesponnen wird, kann man gespannt sein, wie sich die Lage im Sudan nun entwickeln wird.

In Anbetracht der spätestens seit 2001 dauerhaft virulenten Deflationskrise als ökonomiegeschichtliche Phase allergrößter Kriegshäufigkeit werden gerade die Falken im politisch-unternehmerischen Teil des Militärisch-(finanz-)industriellen Komplexes gerade der US und der ehemaligen Kolonialmacht  UK wahrscheinlich bald neue Absatzmargen zwischen Arabern und Schwarzafrikanern – Sunniten (rund 70 % der Sudanesen), Anhängern ethnischer Religionen (rund 25 %) und Christen (rund 5 %) innerhalb der einzelnen Volksgruppen der Sudanaraber, Nubier, Nuer und anderer ausmachen.

Diktator al-Baschir wird ihnen das leider erleichtern.
Den Menschen im Sudan ist es nicht zu wünschen.
Aber es ist zu befürchten.

 

10. 2019: Syrien. Beginn des Wiederaufbaus?

Ende 2018 werden die „Kosten von Krieg und Wiederaufbau“ diskutiert. Der außenpolitische Sprecher der Grünen Omid Nouripour sagt im Interview mit der Deutschen Welle, dass die Hilfe dabei der „einzige Hebel für Deutschland, politische Forderungen und Bedingungen an Syrien zu stellen“ sei.14

Frage: Geht das überhaupt, während andernorts noch die Stellvertreterkriege weitergehen?
Im Hinblick auf „faire internationale Zusammenarbeit“?
Auf „vertrauensbildende Maßnahmen“, um mit den Syrern zusammen wirklich ihr Land wieder aufzubauen?

„Die Angaben über die Kosten zum Wiederaufbau gehen weit auseinander. Während der scheidende UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, von rund 250 Milliarden US-Dollar spricht, beziffert das syrische Regime die Summe mit 400 Milliarden US-Dollar. Aber auch die Summe von 1,2 Billionen US-Dollar steht im Raum. Experten gehen zudem davon aus, dass die Beseitigung der Kriegsschäden mindestens ein Jahrzehnt dauern wird.“ 14

Als Architekt und Ingenieur mit Erfahrungen sowohl bei der (Kosten-)Planung allgemein auf allen Maßstabsebenen als auch in der „Aufbauhilfe“ in Afghanistan will ich mich zu solchen „Zahlenspielen“ und „Zeitangaben“ nicht äußern.
Nur so viel: Das genannte Jahrzehnt zur „Beseitigung der Kriegsschäden“ wäre als erste Phase des Wiederaufbaus zu bezeichnen. Dabei sind maßgeblich überhaupt sozio-ökonomische und ökologische Infrastrukturkonzepte zu entwickeln, die zudem den Bestand im (bau-)historischen Sinne evaluiert und Themen von Rekonstruktion und Wiederherstellung auch maßgeblicher Teile des gebauten „kollektiven Gedächtnisses“ in diese Themenkomplexe einfügt.
Insbesondere, wie der Wiederaufbau dann mit dem syrischen Volk in den verschiedenen Provinzen und Städten unter Einbindung aller Gruppen vollzogen und organisiert werden kann.
Mit besonderem Gewicht dann auch auf „Allmende“: den Umgang mit Gütern des Allgemeinwohls am jeweiligen Ort.
Und vieles mehr.

Bei den jetzigen, hier dargelegten „Perspektiven“ könnte man da polemisch hinzufügen: es scheint, als ob der „politische Staatsstreich“, von dem Wesley Clark spricht, weiter geht.
Die entsprechende „Beratungsresistenz“ scheinbar auch.

Der folgende Abschnitt, in dem „Positionen“ der führenden Insassinnen von Kanzleramt und Verteidigungsministerium zitiert werden, verdeutlicht das. Es heißt da dann auch:
„Doch wie eine Nachkriegsordnung aussehen könnte, das weiß noch niemand.“14

Das (partei-) politische Geschacher indes mehrerer zitierter deutscher Nahost- oder Außenpolitik-Experten und die zitierten Positionen Assads und auch seines Schutzpatrons Putin verdeutlichen, wie groß das Misstrauen ist.

„Nahost-Experte Guido Steinberg hält eine deutsche Beteiligung am Wiederaufbau Syriens – egal unter welchen Umständen – für falsch. Aber Moral sei eben bis heute keine etablierte Kategorie der internationalen Beziehungen.“14

Die Expertenaussage aus den Reihen der mehr oder weniger bundeseigenen „Stiftung Wissenschaft und Politik“ verdeutlicht das Dilemma einmal mehr: „Moral“ ist ein Idealbild, das ein(e) jede(r) nach seinen (ihren) „Werten“ bestimmt.
Diese „Werte“ jedoch sind von Interessen geleitet.

Der Inhalt eines solchen „Interessen geleiteten Idealbildes“ zu diesem Zeitpunkt kann nur situativ dem „Realismus auf dem Boden der Tatsachen“ gemäß der Interessen zwischen verschiedenen Partnern angepasst und vermittelt werden.
Vertrauen und Sicherheit sind Pinsel und Farbe bei Erstellung dieses „realistischen Bildes“.
Bei Darstellung von Licht und Schatten, Objekt und Hintergrund darauf. „Das Recht“ bildet dabei die Leinwand, den auf den Rahmen aufgezogenen Malgrund für das Bild.

Völker- und Menschenrecht – internationale Beziehungen jedoch bedürfen nach einem solchen Krieg einer grundlegenden Neuordnung.
Wenn die Bereitschaft dazu dargestellt wird, dann kann man mit Assad und seiner Regierung durchaus auch begründet eine neue Verfassung mit und für das syrische Volk ausarbeiten.
Und eine Vertrauensbasis zur Zusammenarbeit auch beim Wiederaufbau ermöglichen.

Das gilt zudem für Afghanistan nicht minder.
Es gilt für die historische Situation, in der wir uns befinden.
Weltweit.

Von der Bereitschaft dazu sind wir noch weit entfernt.

Krieg ist eine menschliche Extremerfahrung, die mit der Zeit gerne verdrängt wird. Auch der Grünen-Abgeordnete und frühere Iran-Flüchtling Omid Nouripour hat diese Erfahrung irgendwann in seinem Leben gemacht. Insofern soll ihm diese Empathie mit dieser Extremerfahrung auch nicht abgesprochen werden.

Der gesamte Konflikt seit 2001 mit dem „heftigsten Schauplatz Syrien“ ab 2011 ist jedoch gekennzeichnet durch stetige aggressive Verdrängungsprozesse. Auch hierzulande.

Es ist noch immer so, wie John Maynard Keynes es in seiner Schrift „Krieg und Frieden“ zum Versailler Vertrag 1920 ausdrückte: Jeder fühlt sich als (moralischer) Sieger. Und alle halten diese Position völlig starr ein. Keiner zeigt auch die leiseste Spur von Demut. Gerade auch gegenüber den vielen Menschen, die von 2001 bis 2018 den Kriegen zum Opfer fielen.
Alles ist weiterhin von Machtspielen geprägt.15

Dies betrifft ganz besonders die „westliche Wertegemeinschaft“.
Bei Russland und Syrien weiß ich es nicht.
Die Aussagen des Offiziers vom „Vereinigten Generalstab“ (Joint Chiefs of Staff) im Pentagon jedoch, den der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber und US-General a.D. Wesley Clark 10 Tage nach 9/11 und dann noch einmal sechs Wochen später getroffen hat, sprechen eigentlich für sich. Auch das Zitat:

„Und Sie kennen diesen alten Spruch, der besagt: ‚Wenn das einzige Werkzeug, das Du hast ein Hammer ist, dann muss jedes Problem zu einem Eisennagel werden.’“13

In einer solchen Haltung sind „Interessensausgleiche“ und „faire Verhandlungen“ nicht möglich.
Die „westliche Wertegemeinschaft“ scheint sich das bedingungslose Recht anzumaßen, Hammer und Nagel zu benutzen, scheint aber keine Zange parat zu haben, um den krumm geschlagenen Nagel aus der Wand heraus zu ziehen.
Stattdessen scheint man lieber auf die Wand schimpfen zu wollen. Schon Konfuzius soll ja gesagt haben:
„Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.“
Bisher ist diese entsprechende Bereitschaft der sich selbst so definierenden „westlichen Wertegemeinschaft“ nicht zu erkennen.

Inzwischen taucht zudem auch schon die nächste Generation innerhalb der „Krieg führenden Eliten“ dort auf. Und auch da sind kaum Zeichen von Läuterung und Demut zu erkennen, wenn Liz Cheney, die Tochter von Dick Cheney in den CBS-News als dritthöchste Republikanerin im US-Repräsentantenhaus Trumps eigenmächtigen Rückzug aus Syrien in der Art eines „politischen Gefechtsfeldtouristen“ tadelt.16

Ränke und Intrigen an den verschiedenen Höfen gehen weiter.
Für diejenigen, die da den Hammer in der Hand halten, und deren Höflinge und Günstlinge sind ja bisher auch keine amtlichen, geschweige denn strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten.

11. 2011-2018: Hätte es Chancen für einen „demokratischen Umbau“ Syriens ohne den Krieg gegeben?

Die Frage ist hypothetisch. Und rhetorisch zugleich.
„Moral“ indes, die sich gleich zu Anfang nur mit Zahlen:
Zeit- und Geldwerten bemessen lassen will, ist wertlos.
Eine solche „Politik“ nicht minder.

Man gebe die Frage weiter an die letzten noch lebenden Trümmerfrauen und -männer in Deutschland und Europa nach dem 2. Weltkrieg. Man wird ganz verschiedene Antworten erhalten. Auch von den Nachgeborenen.
Je nach Stand, gesellschaftlicher Klasse und Bildung.
Sowohl vor, als auch nach dem Krieg.

Man reiche die Frage weiter an die Völker Sudans.
Und erst Recht: die Völker Afghanistans.

Bashar al-Assad, Nicola Sarkozy, Hillary Clinton, Dick Cheney,  Bandar bin Sultan und auch Umar al-Baschir und viele andere: keiner davon ist ein „Waisenknabe oder -mädchen“.
Keiner davon ist schuldlos.
Jede(r) tut jedoch weiterhin so, als wäre der oder die andere alleine verantwortlich für das Leid, Not und Elend der anderen.
Über die, und vor allem: mit den Angehörigen der Opfer spricht man kaum.

Wie schon gesagt: zu Russland und Syrien kann ich das von hier aus nicht sagen. Karin Leukefeld zitiert ja mehrmals in ihrem Buch Ali  Haidar, seit 2012 in Damaskus Minister für nationale Versöhnung. Sie bezeichnet ihn auch als Teil der syrischen Opposition. Wahrscheinlich zur herrschenden Baath-Partei.

Insofern gelten die meisten folgenden Darstellungen der selbst ernannten und selbst ermächtigten westlichen „Wertegemeinschaft“ und ihren Vertretern. Darunter ja auch die „gewählten Vertreter“ des grundgesetzlichen Souveräns in Deutschland.

Die „öffentliche Meinung“ in diesem Drama wird da weiterhin hinter’s Licht geführt. Das Murren und ihr Unmut jedoch werden immer lauter. Unüberhörbar. Tragödie oder Komödie?

Für die meisten, die in diesem Krieg in Syrien alles verloren haben, stellt sich diese Frage derzeit kaum. Ihre Liebsten, ihre Heimat. Auch die schönen Erinnerungen benötigen Zeit, um wiederzukehren. Um die Wunden langsam verheilen zu lassen.

Postfaktisch-postdemokratisches Stimmengewirr auf der Bühne: „Spiegel-Leitmedien-Bauernopfer“ Claas Relotius’ „Einzelfallschilderung“:
„’Bei Gott, ich hätte das nie schreiben dürfen’;
Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann“17
reduziert das Geschehen auf ein rührseliges Stück.
Eine Biedermeier-Posse. Schmierentragikomödie.
Relotius ist einer von vielen, die mehr weglassen und den Rest
„ausschmückend aufhübschen“, um ja keine „falschen Fragen“
zulassen zu müssen. „Symptom, nicht Erkrankung“.

Hier und bei Karin Leukefeld geäußertes Lesen zwischen den Zeilen wird weiterhin abgebügelt und ignoriert und dann im Notfall bald mit Keulen wie „Verschwörungstheorie“ abgetan.
Und das nicht erst seit dem Syrienkrieg.
Das spätestens seit dem 11. September 2001.

Hat sich jemals ein „politischer Praktiker“ hierzulande zu manchen „kongruenten Interessenslagen und sachdienlichen Hinweisen dazu“ seitdem geäußert?

Der Mord am Thronfolger von Österreich-Ungarn Franz Ferdinand Carl Ludwig Joseph Maria von Österreich-Este am 28. Juni 2014 durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip in Sarajewo löste die Julikrise aus, die dann zum 1. Weltkrieg führte. Der Flügelschlag eines Schmetterlings, der eine Gerölllawine ins Tal donnern ließ.18

In „120 Anschlägen pro Minute“ dokumentieren die Einstürzenden Neubauten in „Lament – Klagelied:
Der 1. Weltkrieg“ den Verlauf dieses Krieges und den Kriegseintritt der verschiedenen Nationen.
Jeder percussive Anschlag ist ein Tag im Kriegsverlauf 1914-18.
„Ihr müsst verstehen: Jeder Schlag, den Ihr hört ist ein Tag im ersten Weltkrieg, an dessen Abend einmal mehr hunderte oder tausende von Toten zu beklagen sind“,
wie Blixa Bargeld zur Erläuterung vor dem Stück Ende 2014, also hundert Jahre danach sagt. Dass der Weltkrieg als erster Teil des Infernos der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht am 11. November 1918, mit dem letzten Anschlag hier auf eines der Rohre endete, das haben wir erst später erfahren.
Wissen wir es aber auch?19

 

12. „Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will. Alles verschwindet!“

Diesen Ausspruch des Malers Paul Cezanne aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt Paul Virilio seiner 1991 erschienenen „Ästhetik des Verschwindens“  voran.

„Die Unsichtbarkeit von Geschwindigkeit hat uns die Fähigkeit zur Erinnerung genommen.

Die Alltagserfahrung ist obligat – jemand hat etwas im Fernsehen gesehen, weiß aber nicht mehr, was. Sehen nicht mehr als Begreifen und Wahrnehmung, sondern als Desinformation. Tempo als Ortlosigkeit. “20

So fasst Fritz J. Raddatz die Kerngedanken dieser Ästhetik des französichen Philosophen zusammen.

Im Zeitalter des Smartphones sind wir da noch ein paar Schritte weiter als 1991.

„Eine weitere wichtige Frage von Virilios Medientheorie, neben der Dromologie, ist die Frage nach der Wahrnehmung. Die wesentliche These ist hierbei die Erlernbarkeit der Wahrnehmung und des Sehens und daraus folgend das Verlernen dieser Dinge durch die Geschwindigkeit der Medien.“21

Dies verdeutlicht jedoch auch, dass wir um das Überleben unserer selbst willen und als Species dieser Herausforderung begegnen müssen. Wir müssen also diese Wahrnehmung lernen. Nicht das Medium Smartphone, das Harald Lesch da als „digitalen Diktator“22 bezeichnet, soll uns beherrschen, sondern wir müssen das Chaos der Tyrannis der Echtzeit und der damit implizierten Gleichzeitigkeit vieler Geschehnisse auf vielen (Maßstab-)Ebenen beherrschen lernen.
Und es ist eine ganz maßgebliche Aufgabe politischer Entscheidungsträger, diese Prozesse der politischen Willensbildung im demokratischen Prozess – im Alltag eines funktionierenden Rechtsstaates zu steuern.
Und die öffentliche Meinung nicht hinter’s Licht zu führen.

Auch Peter Weiss’ 1971 bis 1981 verfasste, die Geschichte des antifaschistischen Widerstands im dritten Reich schildernde „Ästhetik des Widerstands“ entwickelt anhand von Betrachtungen von Kunstwerken aus verschiedenen Epochen – „des Pergamonaltars, Géricaults ‚Floß der Medusa’ und Picassos ‚Guernica’ eine eigene ‚Kunst des Bilderansehns’“.23

 

13. „Die Ästhetik des Aufdeckens“ und das „Museum des Unfalls“

Julian Assange und Chelsea Manning und andere „Whistleblower“ – also „Flüsterer unbequemer Wahrheiten“ begründen da ja eigentlich auch so etwas wie eine „neue Ästhetik des Aufdeckens“, die weit aus dem Soufflesenkasten der politischen Bühnen herausragt.

Auch im Sinne des erweiterten Kunstbegriffes von Joseph Beuys sind ihre Arbeiten wichtiger Teil eines vom Architekten, Urbanisten und Philosophen Paul Virilio geforderten „Museums des Unfalls“:

„Ich glaube, daß der Unfall für die menschliche Wissenschaft das ist, was die Sünde für die menschliche Natur war. Er stellt ein bestimmtes Verhältnis zum Tod dar, das heißt, er enthüllt die Identität des Objekts.”24

 Die Enthüllungen der Kleider der nackten Kaiser an den verschiedenen „post-demokratischen Höfen“ und ihrer Höflinge und Günstlinge bedürfen jedoch auch strafrechtlicher Konsequenzen. Im jeweiligen nationalen wie im internationalen, also „globalen“ Rechtsraum.
Die Darstellung der einzelnen Kollektionen von „Des Kaisers neuen Kleidern“ frei nach dem Märchen von Hans-Christian Andersen ist da eher eine der vielen Aufgaben für ein Paul Virilio zu widmendes „Museum des Unfalls“.

Beides – die strafrechtliche Verfolgung wie die künstlerische Aufarbeitung könnten aber bald zumindest in Teilen geschehen.

 

14. „Humanismus oder Barbarei“

Der Titel hier greift dabei natürlich die berühmte Entscheidungsfrage der 1871 in Zamość, im „Zwischenzustand“ des Königreichs Polen / Kongresspolen / Weichselland als Rozalia Luksenburg geborenen und am 15. Januar 1919 in Berlin von Freikorps-Offizieren ermordeten Rosa Luxemburg auf. 25

„Sozialismus oder Barbarei“ ist aber auch ursprünglich ein 1916 von ihr verfasster Text zur „Krise der Sozialdemokratie“. In den Wirren und Schlachten des Krieges sagt sie:

„Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme,
im eigenen Eisen gefangen;
die Geister, die man rief,
kann man nicht mehr bannen.“26

Am 18. Dezember 2018 stellt der US-amerikanische, an der Universität Missouri (Kansas City) lehrende Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Instituts für langfristige Wirtschaftsentwicklung (ISLET) in New York City Michael Hudson diese Frage erneut in den Raum.27

Befinden wir uns also in einer
Vor- oder einer Nachkriegssituation?
Oder „irgendwo dazwischen“?
Befinden wir uns in einer vor- oder einer nachrevolutionären
Situation?  Oder „irgendwo dazwischen“?
Befinden wir uns vor, in oder nach dem großen „Crash“?

WAS IST ZU TUN?

Sicher sind da auch bürgerliche Kräfte einzubinden. Bürgerliche Kräfte, die leidvolle Erfahrungen mit den Versuchen des Sozialismus gemacht haben.
Dennoch – auch Rosa Luxemburg betont 1916:

„Aber die deutsche Sozialdemokratie war nicht bloß der stärkste
Vortrupp, sie war das denkende Hirn der Internationale.“26

Die Aufklärung und ihre viel beschworenen „Werte“ sind denn auch Werte des Menschseins. Mithin des Humanismus. Und die Sozialdemokraten sind in Deutschland mindestens genauso traditionsreich wie die Liberalen.

In seiner Weihnachtsansprache hat der Bundespräsident davon gesprochen, dass man zur Überwindung der tiefen Gräben in der Gesellschaft vielleicht im Jahr 2019 einmal auf diejenigen zugehen sollte, die man vorher immer gemieden hat.
Ihnen Gehör schenken solle.

Als langjähriger Sozialdemokrat ist Frank-Walter Steinmeier ja von Amts wegen als Staatsoberhaupt und zwölfter Bundespräsident der Bundesrepublik durchaus ähnlich wie der ursprünglich konservative Sprecher John Bercow im britischen Unterhaus einer gewissen Neutralität verpflichtet.
Was Bercow im Zuge des Brexit und Mays Scharaden dazu derzeit auch manchmal sehr schwer fällt.

Insofern – vielleicht findet der Bundespräsident ja mal Zeit für ein Gespräch. Vielleicht gemeinsam mit Susi Neumann und Marco Bülow. Unter Sozialdemokraten. Trotz alledem. Vielleicht ja auch dieses Gespräch gemeinsam mit Karin Leukefeld.

Schließlich geht es darum, überhaupt das Thema der „sozialen Marktwirtschaft“ wieder neu zu bestimmen.
Mit Blick von innen und außen.
Und dabei viele durchaus begründete Erfahrungswerte zu Wort kommen zu lassen. Stimmen anzuhören.

Schließlich gilt Frank-Walter Steinmeier als damaliger Chef des Bundeskanzleramtes unter Gerhard Schröder auch als eine der maßgeblichen Stimmen beim „Nein! – Non!“ zwischen Deutschland und Frankreich zur Teilnahme am Angriff der „Koalition der Willigen“ 2003 auf den Irak. Wo ja seinerzeit die Partnerschaft zwischen Kanzler Gerhard Schröder und dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, der sich vor den Korruptionsvorwürfen aus seiner Zeit als Pariser Bürgermeister in den Élysée-Palast gerettet hatte funktionierte.

Was ihm in Frankreich jedoch nur einen leichten Aufschub gewährte: 2011 wurde Chirac wegen Veruntreuung öffentlicher Mittel und illegaler Parteienfinanzierung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung veurteilt. Und zumindest mit ähnlichen strafrechtlichen Verfahren ist auch Nicolas Sarkozy derzeit konfrontiert. Da sollte aber noch Einiges dazukommen in seinem Falle.

Vielleicht stirbt die Hoffnung auf Veränderung
und Läuterung ja doch zuletzt.
Vielleicht ja auch dieses Gespräch mit Manaf Hassan.
Und Manfred Hulverscheidt.
Und Andreas Heil. Und Gabriele Baumann.
Und Eddie Lange. Und Anthony Rieck.
Und Heinz Peglau. Und Sava Stomporowski.
Und Ludger Elmer. Und Andreas Schlutter.
Und Franco Clemens. Und Sebastian Köpcke.

Und manchen anderen,
die hier genannt werden.
Und die nicht genannt werden.
Hier und vorher.

Vielleicht eben auch als „runder Tisch“,
an dem manches langjährige parlamentarische und
regierungstechnische Tabu entschiedener erörtert wird
als zuletzt auf den ausgebremsten mutlosen
Pfaden der „Alternativlosigkeit“.

Und wo dann auch pragmatischere Lösungen dargelegt werden können. Von den Böden der handfesten Tatsachen her.

Vielleicht stirbt die Hoffnung auf Veränderung
und Läuterung ja doch zuletzt.

„Ich warte.“
„– immer noch“.28

 

Anmerkungen

Endnotes:
  1. [Image]: https://shop.papyrossa.de/WebRoot/Store23/Shops/26606d05-ee0e-4961-b7af-7c5ca222edb7/5489/D2F3/88B4/745B/2DDB/0A48/355D/D38D/577-4.jpg
  2. https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4559&page=4#a8: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4559&page=4#a8
  3. https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4559&page=2#a5: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4559&page=2#a5
  4. Humanismus oder Barbarei!: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4817
  5. Anfang 2017: „Ausblick“ Karin Leukefeld: /?p=4817&print=0&page=2
  6. 2011-2018: Hätte es Chancen für einen „demokratischen Umbau“ Syriens ohne den Krieg gegeben?: /?p=4817&print=0&page=3