„Glückliche Gegenwarten!“

Kriege seit 2001 und die erneute Zerrissenheit der Welt

4. Kriege seit 2001 und die erneute Zerrissenheit der Welt

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Der grausame „vergessene“ Krieg Saudi-Arabiens gegen den Jemen: der Überfall  von Seiten des reichsten Landes auf der arabischen Halbinsel gegen das ärmste Land dort ab März 2015, die „perfektionierte Weiterentwicklung“ gerade des „Drohnenkrieges“ im „Nahen und Mittleren Osten“ ab 2008 / 09, die Zerstörung Libyens, der Beginn des Syrienkrieges 2011: all diese forcierten Kriegstätigkeiten und militärischen Unterstützungsprogramme nicht immer „lupenreiner Demokraten“ fallen in die Regierungszeit Barack Obamas.

Im „Krieg gegen den Terror“, der ja eigentlich auch der globale Krieg „Reich gegen Arm“ ist, scheint jedes Mittel Recht, um eigene Machtzirkel zu sichern.

Hatte Obama nicht die Kraft, gegen die gewaltige Macht des „militärisch-industriellen Komplexes“ in den US und im Westen anzugehen oder fehlte ihm der Mut?

Und zudem auch die Unterstützung: von innen wie auch von außen?

Als am 8. September 2018 vormittags vielerorts die Sirenen heulten in einem langen und intensiven „Probealarm“ reagierten viele Bürger auch hier in Deutschland etwas verstört.

Die Verhandlungen um Idlib am darauf folgenden Tag in Teheran schaffen ja durchaus Perspektiven darauf, dass auch der Westen sich bald auf die größte Herausforderung – einen wie auch immer gearteten „Frieden“, nach rund 7-jährigem „Blitzkrieg“ in Syrien einlassen muss. Was hoffentlich dann auch Auswirkungen auf andere Kriegsorte, wie etwa Afghanistan haben wird. Dort kann man bald von 40 Jahren Kriegszustand sprechen.

In jedem Fall ist ein harter Kampf zu erwarten.

Medial und in und um Idlib selbst.8

Ein oberflächlich betrachtet bisweilen recht kritischer Artikel auf der Seite des „Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS)“ indes verdeutlicht, wie wenig vorbereitet auch das US-Establishment auf andere Möglichkeiten als den „ewigen Krieg“ gerade in diesen Regionen ist. Auch, wie wenig man zivile und militärische Perspektive gleichwertig nebeneinander zu verfolgen vermag.

Autor Anthony H. Cordesman verdeutlicht, dass man da kaum an „Frieden“ und „nachhaltigen Wiederaufbau“ zu denken vermag. Besser: dass die einmal mehr dem „Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert (PNAC)“ folgenden Akteure auch am Ende des Jahres 17 nach Auslösen des „NATO-Alarms“ am 12. September 2001 diesen Zustand für „alternativlos“ halten und entsprechend handeln.9

 

5. Große Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit und ihr Schicksal

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Auch der Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter und letzte Parteiführer der KPdSU Michail Sergejewitsch Gorbatschow  erhielt 1990 den Friedensnobelpreis.

Viele Russen machen den „Reformer“ und Begründer von „Glasnost“ und „Perestroika“ immer noch für das  Ende der Sowjetunion verantwortlich.

Der populistische Trunkenbold Boris Jelzin spielt dabei jedoch eine sicher viel unrühmlichere Rolle.

Dennoch fragt sich, ob Gorbatschows Versuch der „Reformierung“ eines solchen Imperiums wie der Sowjetunion überhaupt realistische Erfolgschancen hatte. Eine Frage, die sich nur im Rückblick stellen kann.

Zweifelsohne aber hat Gorbatschow sich seinerzeit den drängenden Fragen der Zeit gestellt und Verantwortung übernommen, wo viele heute stetig Verantwortung verschieben. Und mehr:

Er musste im Laufe der Jahre zusehen, dass die Nachfolger seiner Verhandlungspartner die mit ihm ausgehandelten Vertragswerke immer weiter aushöhlten und zu ihren Gunsten auslegten: die NATO-Osterweiterung erwies sich da auch als kritische Lücke in den Vertragswerken von seiner Seite.

Hatte man in der Not damals nicht soweit gedacht?

Lange Zeit hat Gorbatschow zu Beginn der 2010er Jahre Wladimir Putin und die mangelnde innenpolitische Entwicklung Russlands kritisiert. Seit Ausbruch des Krieges in und um sein Mutterland Ukraine 2014 jedoch betrachtet er die Machtfülle Putins als „historische Notwendigkeit“, um das völlige Verschwinden Russlands aus der Weltpolitik zu verhindern. Und er wirft deutlich den US eine gezielte Destabilisierung der Ukraine als Hauptursache für die kriegerische Eskalation dort vor. Gleichwohl hat der weise Mann 2017 einmal mehr gemeinsam mit Franz Alt einen Apell zur nuklearen Abrüstung gestartet.10

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Die Tragik der Geschichte will es, dass sich zwei Helden jüngerer Zeit, Gorbatschow und Ahmed Schah Massoud zunächst als Feinde gegenübersahen. Der „Löwe von Pandjschir“ hatte aus dieser seiner unwegsamen afghanischen Provinz mit seinen Kämpfern 13 Mal alleine sowjetische Besatzungstruppen zurückgeschlagen.

„Mädchenschulen“, eine demokratische, humanistische Lesart des Koran, furchtlose Bekämpfung auch der Drogen-Warlords: unter dem „Āmer Sāheb-e Schahīd“ – „Unser geliebter Befehlshaber und Märtyrer“12 genannten Tadschiken konnte Pandjschir auch von den Taliban nicht eingenommen werden.

Auch heute noch verehren ihn Mitglieder aller Volksgruppen in Afghanistan: Paschtunen genauso wie  Usbeken, Hazaras, Tadschiken und viele andere.

Im Frühling 2001 warb er vor dem europäischen Parlament in Brüssel für humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans.

„Auf seinem Besuch nach Europa, bei dem ihn die europäische Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine den „Pol der Freiheit in Afghanistan“ nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe. (…)

Am 9. September 2001 zündeten Abd al-Sattar und Bouraoui el Ouaer, zwei Selbstmordattentäter der al-Qaida, die sich als belgische Journalisten ausgegeben hatten, während eines Interviews mit Massoud in Tachar eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten.“ 12

Die Ermordung Massouds, die Drahtzieher, der Zeitpunkt: da sind noch sehr viele Rätsel und offene Fragen. Fragen, die denn auch gerade im Hinblick auf den Ausbau des Opium-Anbaus und die Rolle der Drogen-Warlords im Hinblick auf die bald darauf gestartete US-geführte Invasion des Westens einer Klärung harren.

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In diesem Zusammenhang sei hier der Hinweis auf eine andere Heldin, die trotz einseitigem Mandat und Auftrag immer für Ausgleich und Verständigung gearbeitet hat gestattet: Vor einigen Tagen entdeckte ich mit Schrecken und tiefer Trauer, dass diese großartige Frau schon im Dezember 2017 verstorben ist.

Eine Frau, der ich mich in den letzten Jahren zutiefst verbunden gefühlt habe. Wahrscheinlich, weil wir beide hautnah erlebt haben, was ein „asymmetrischer Krieg“ ist. Und weil wir beide das Land, in dem wir das erlebten doch zutiefst respektieren, vielleicht auch lieben lernten. Das Land und die Menschen dort.

Achmad Schah Massouds Afghanistan.

Heike Groos (* 03.08.1960 † 11.12.2017) war Bundeswehr-Stabsärztin und fünffache Mutter. Ihren Ausdruck „Gefechtsfeldtourismus“ für das Tun von Parlamentariern, die Kriegsorte besuchen und über Einsätze dort abstimmen – ich habe ihn oft verwandt. Einmal habe ich F.W. Steinmeier, damals noch Außenminister eine Frage gestellt zu Afghanistan und der Region. Seine Antwort ließ darauf schließen, dass er nicht einmal von den Kulturen dort im viel beschworenen „Kampf der Kulturen“ eine Ahnung hatte. Heiko Maas, der heute fordert, die Leute sollten im „Kampf gegen rechts vom Sofa aufstehen“ hat vom „globalen Krieg Arm gegen Reich“ insbesondere in solchen Ländern wie Afghanistan scheinbar genauso wenig verstanden wie der jetzige Bundespräsident. Von Herrn Seehofer und anderen Vertretern der Parteien mit dem C vorneweg und grün gestrichen Neocons soll hier erst gar keine Rede sein.

Ein Interview mit dem gleichfalls viel zu früh verstorbenen Roger Willemsen legt vieles von Heikes Wunden dar. Aber auch den ganz eigenen Stolz einer Mutter, die den Krieg überlebt hat und dies nicht nur ihren Kindern darlegen will.

Die andere Wege aus Bruder- und Schwestermord erschließen will für sich und die Nachgeborenen.14

Ob Heikes Website von ihren Kindern gepflegt wird oder von jemand Externen, das ist mir nicht bekannt. Ihren eigenen Nachruf möchte ich insofern hier teilen. In tiefer Trauer verneige ich mich vor einer Mutter, einer Soldatin, einer Ärztin – einem Menschen, der ein verdienst- und würdevolles Leben geführt hat:

„Der Volksmund sagt:
„Ein Mann soll ein Haus bauen,
einen Baum pflanzen
und ein Kind zeugen.“
Ich bin eine Frau
und ich arbeite in Männerwelten.
Bei der Bundeswehr,
in Krankenhäusern,
im Rettungsdienst.
Ich habe mich angepasst.
Ich habe drei Häuser gebaut,
fünf Kinder geboren,
und unzählige Bäume gepflanzt.
Aber irgendwie war das nicht genug,
also habe ich begonnen, Bücher zu schreiben.
Jeden Tag lebe ich so,
als wäre es mein letzter,
so wie Martin Luther …
„Auch wenn ich wüsste,
dass morgen die Welt zugrunde geht,
würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ 13

Es ist auch unser Auftrag, diese Wunden endlich einer Heilung zuzuführen.

Den Apfelbaum zu hegen und zu pflegen. Damit er auch bald einmal Früchte trägt.

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Einer, der immer unermüdlich auf die verheerende Wirkung von nach außen getragenen Kriegen auch für die Bevölkerung zu Hause hingewiesen hat, ist Labour Chef Jeremy Corbyn. Verdientermaßen ist er jetzt seit dem 12. September 2015 in dieser Position und hat Labour nach der „Neo-Liberalisierung“ durch Tony Blairs „New Labour“ mit vielen alten und jungen Kämpen, insbesondere dem jungen Netzwerk „Momentum“ wieder neu aufgebaut.

Schon im Januar 2003 sagte er auf einer Anti-Kriegs-Demonstration zur von langer Hand geplanten Irak-Invasion einer „Koalition von Willigen“ unter Führung der US und des UK in Washington DC:

„Es geht nicht um Frieden. Es geht nicht um Demokratie. Es geht nicht um Gerechtigkeit. Es ist ein Krieg um Öl und die Hauptgewinner werden Rüstungsproduzenten sein, die so viel Geld aus so viel Armut für so lange Zeit herausgezogen haben. Wir sind in einem der reichsten Länder der Welt und auch ich repräsentiere ein reiches Land. Wenn alles, was wir den ärmsten Menschen in den ärmsten Teilen der Welt anbieten können, die unter Wasserknappheit, schlechter Gesundheitsversorgung und AIDS Pandemien und so vielen anderen Ungerechtigkeiten leiden nur Massenzerstörungswaffen und weitere Kriege sind, dann erzeugen wir nur neue Konflikte für die Zukunft.

Eine Welt des Friedens kann nur aufgebaut werden, wenn wir eine Welt auf Basis von sozialer Gerechtigkeit sind!“ 15

Mitte Februar 2003 dann auf der größten Demonstration, die London je erlebt hat mit rund 300.000 – 700.000 Teilnehmern alleine auf den Straßen in der britischen Hauptstadt:

„Sicherlich, die Botschaft, die Menschen heute in London und Glasgow und einfache Bürger überall in diesem Land vortragen ist: ‚Warum verbraten wir Dreieinhalb Milliarden Pfund für einen Krieg, den keiner will? Wenn da gleichzeitig Afrika von einer AIDS-Pandemie heimgesucht wird, wenn ein Viertel der Kinder der Welt an Armut und Hunger sterben?’

Und wir stellen auch fest, dass das Geld für unsere eigene öffentliche Daseinsvor- und -fürsorge nicht ausreicht.

Tausende mehr Tote im Irak werden die Dinge nicht verbessern.

Stattdessen werden wir eine Spirale des Konflikts erleben, Teufelskreise von Hass, Armut und Verzweiflung, die weitere Kriege und Konflikte, Terrorismus, die Krisen und die Armut zukünftiger Generationen nach sich ziehen werden.

Unsere Botschaft hier in London, vorgetragen von den Millionen auf den Straßen ist diese: Wir möchten in einer Welt ohne Krieg leben! Der Weg, uns von der Bürde des Krieges zu befreien ist die Befreiung von der Last der Ungerechtigkeit, der Armut und der Dauerkrise, die damit verknüpft ist. Diese Bewegung gibt diese Botschaft aus an die britische Regierung: ‚Hört auf damit oder bezahlt den politischen Preis dafür!’“ 15

Den Preis zahlten bisher Labour und die britische Gesellschaft mit dem Niedergang des Gesundheitssystems im UK und vielen anderen Defiziten. Und Europa zahlt ihn gemeinsam mit dem UK auch maßgeblich mit dem „Brexit“, der viele Dinge eher „verschlimmbessern“ wird: für die „ordinary people“, wie JC sie nennt im UK ebenso wie für einfache Menschen in Europa, auf dem Kontinent hier.

Aber auch diese Zusammenhänge wird man genauso wie die Folgen des „deutschen Exportbooms“ für den deutschen „Otto Normal“ und seine Frau „Lieschen Müller“ zu verdrängen und zu verheimlichen suchen.

Im medialen Verdrängungskampf „Reich gegen Arm“ geht es auch immer wieder um die Deutungshoheit. Die Macht, (Teil-) Wahrheiten zu verbreiten und andere Bruchstücke derselben Wahrheiten zu verdrängen.

 

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Ein Gedanke zu „„Glückliche Gegenwarten!“

  1. Stefan Frischauf

    Nafeez Mosaddeq Ahmed zeigt hier exemplarisch im Dialog mit anderen progressiven und unabhängigen Experten und Kennern der Region anhand von geleakten Quellen von US-Militär-Dokumenten verschiedener hochrangiger Dienste aus den Jahren 2011-2016, dass:
    a) eine “Demokratisierung” Syriens nie wirkliche Option der US-Politik seit 2011 war,
    b) dass auch “Regime Change” nie wirklich eine Option war und man stattdessen “nur” oder “höchstens” eine Schwächung des Assad-Regimes durch “infiltrierende Unterstützung von oppositionellen Gruppen” – Jihadisten selbstverständlich inklusive erreichen wollte oder konnte,
    c) dass letztlich es alleine um eine Schwächung des schiitischen / iranischen Einflusses in der Region ging,
    d) dass man im Prinzip jetzt die Türkei als regionalen Partner dort alleine mit dem Chaos lässt.

    Dies zeigt indes, wie krank alles, was hier derzeit auch medial bei uns kolportiert und politisch debattiert wird ist:
    1. Iran und Türkei als regionale Kontrahenten in diesem Chaos stehen beide mit dem Rücken zur Wand. Sozusagen:
    kurz vor dem Staatsbankrott.
    2. Andere regionale “Luntenleger” – darunter Saudi-Arabien auf der einen und Israel auf der anderen Seite versuchen weiter aktiv diese Schwächen zu nutzen und weiter zu zündeln.
    3. “Demokratisierung” haben auch diese “lokalen Mächte” als Letztes auf der Agenda.

    Es handelt sich auch bei der zuletzt fortschreitenden Destabilisierung zwischen einem in Folge des Überfalls durch die “Koalition der Willigen” 2003 schwachen Irak gegen den ohnehin angeschlagenen Iran um “Infiltrationsmaßnahmen” verschiedener Seiten, die alles, nur nicht “nachhaltige Befriedung”, geschweige denn “demokratische Strukturen für prosperierende Völkerschaften” auf der Agenda haben.

    Man könnte jetzt also zynisch fragen, ob es sich bei der “Eskalation des syrischen Bürgerkrieges” um eine Art “Betriebsunfall der Geschichte” handelt. Darauf könnte man klug antworten, dass jeder Krieg so eine Dummheit darstellt.
    Weiterhin könnte man klug fordern, dass dieser Schwachsinn endlich aufhört. Von “Gemeinschaften”, die sich auf Werte von Aufklärung etc. berufen, sollte man dies erwarten dürfen.
    Als in einem sich demokratisch wähnenden Staat lebender Mensch, in dem die “Würde des Menschen” wichtigster Grundsatz einer Verfassung ist, sollte man eine Beendigung dieser würdelosen Scheindebatten in seinem Teil der “Wertegemeinschaft” fordern. Jetzt.
    Und ernsthafte Bemühungen, eine Nachkriegsordnung mit Partnern dort in der Region aufzubauen.
    https://mondediplo.com/outside-in/syria-democracy-documents

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