Naomi Klein: Die Entscheidung, Kapitalismus vs. Klima

S.Fischer Verlag

Ist der Klimawandel tatsächlich existent? Ist er vom Menschen gemacht? Wer beide Fragen mit Ja beantwortet, muss einräumen, dass es die menschliche Lebensweise ist, die den Klimawandel verursacht: die Art, wie wir wohnen, wie wir uns kleiden, was wir essen und wie wir uns bewegen. Dem Konsumverhalten gegenüber steht die Produktion und der Transport der Güter, erforderlich sind menschliche Arbeit, Kapital und Rohstoffe, die ausschließlich dem Wasser, dem Wald und dem Boden entnommen werden. Unabdingbar für Konsum und Produktion ist Energie, zum großen Teil gewonnen aus fossilen Brennstoffen, deren Nutzung den klimaschädigenden CO2 – Ausstoß hervorruft.

 

 

Naomi Klein sieht die nachfolgenden Eigenschaften unserer kapitalistischen Lebensweise als die wirklichen Verantwortlichen für den Klimawandel:

  • die schonungslose Ausbeutung der Ressourcen
  • die nicht befriedigend kontrollierten Unternehmensinteressen
  • der ungezügelte Freihandel
  • die forcierte Privatisierung der Güter der Daseinsvorsorge
  • die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen und
  • der Glaube an die Allmacht des Marktes

Der Titel ihres Buches fordert, wir müssen uns entscheiden, für den Kapitalismus oder für das Klima.

In der Einleitung beschreibt sie das Wesen des Klimawandels. Er ist nicht linear und nicht vorhersehbar und nicht rückgängig zu machen.

Die meisten Prognosen zum Klimawandel gehen davon aus, dass künftige Veränderungen –
die Emission von Treibhausgasen, Temperaturerhöhungen und Effekte wie der Anstieg des Meeresspiegels schrittweise eintreten werden. Dass eine bestimmte Emissionsmenge zu einem bestimmten Temperaturanstieg und dieser wiederum zu einem bestimmten, sanften und allmählichen Anstieg des Meeresspiegels führen wird. In der Erdgeschichte gibt es jedoch Beispiele dafür, dass eine relativ geringfügige Veränderung eines Klimaelements abrupte Veränderungen im gesamten System nach sich zog. Mit anderen Worten, die Erhöhung der globalen Temperaturen über eine bestimmte Schwelle hinweg könnte abrupte, unvorhersehbare und möglicherweise irreversible Veränderungen mit weitreichenden und überaus zerstörerischen Folgen auslösen. An diesem Punkt werden möglicherweise unaufhaltsame Prozesse in Gang gesetzt, selbst wenn wir der Atmosphäre kein zusätzliches CO2 mehr zuführen. Das wäre so, als würde eine Bremse einrasten und die Lenkung blockieren, so dass wir das Problem und seine Folgen nicht mehr unter Kontrolle haben. (S.9)

Beispiele für abrupte Veränderungen sind die schmelzenden Polkappen, das schmelzende Eis in Grönland oder die Auflösung von Permafrost, der Methangas freisetzt, welches mit noch größerer Wirkung als das CO2 das Klima schädigt.

Naomi Klein nennt den zeitlichen Horizont, der uns verbleibt, um das Schlimmste zu verhindern: Um die CO2-Emissionen im nächsten Jahrzehnt deutlich zu vermindern, bedarf es eines Marshallplanes, der Finanz- und Technologietransfers beinhaltet. Es bleiben noch 10 Jahre Zeit.

Aber nicht nur die Beherrschung des Klimawandels muss unser Ziel sein. Damit muss eine bessere Welt geschaffen werden:

Die für eine rasche Abkehr von fossilen Ressourcen und die Anpassung an künftige schwierige Wetterbedingungen erforderlichen Ressourcen könnten eine öffentliche Infrastruktur bescheren, die schmerzlich fehlt, von sauberem Wasser bis zur Elektrizität. Diese Zukunftsvision geht weit über die Vorstellung hinaus, den Klimawandel bloß zu überleben oder auszuhalten, ihn zu mildern oder sich daran anzupassen. Es ist eine Vision davon, wie wir die Krise kollektiv nutzen können, den Sprung in eine bessere Welt zu wagen, jedenfalls eine bessere Welt als die jetzige. (S. 16)

Der aufgezeigte Wandel würde das Problem an der Wurzel packen und ein gerechteres Weltwirtschaftssystem hervorbringen, die Kluft zwischen Arm und Reich schließen, die Demokratie von unten beleben, die Macht in die Hände vieler verteilen und das Gemeingut massiv ausweiten.

Das Positive ist, es fehlt der Welt nicht an finanziellen Mitteln und nicht an innovativem Potential:

Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Wasser ist älter als der Gebrauch fossiler Energien, wird immer billiger und effizienter und lässt sich zunehmend besser speichern. In den vergangenen 20 Jahren gab es eine wahre Explosion von nachhaltigen Produkten sowie grüner Stadtplanung. Wir haben nicht nur die technischen Hilfsmittel für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen, sondern auch unzählige Nischen, in denen ein klimafreundlicher Lebensstil erfolgreich erprobt wurde. (S. 27)

Aber es gibt große Widerstände: Die Dinge, die getan werden müssen, um die Emissionen zu reduzieren, stehen in fundamentalem Widerspruch zum deregulierten Kapitalismus, sie würden eine extreme Bedrohung für die elitäre Minderheit darstellen, die unsere Wirtschaft, die wichtigsten Medien und den politischen Prozess bestimmt.

Genannt werden die drei politischen Säulen der neuen Ära: 1) Privatisierung im öffentlichen Sektor, 2) Deregulierung des Unternehmenssektors und 3) Senkung der Unternehmenssteuern. Folgen sind die Instabilität der Finanzmärkte, die Exzesse der Superreichen, die zunehmende Armut und der marode Zustand der öffentlichen Infrastruktur. Und darüber hinaus hat der
Marktfundamentalismus die kollektive Antwort auf den Klimawandel systematisch sabotiert:

Das Kernproblem lag darin, dass das öffentliche Leben in dieser Zeit derart unter der Knute der Marktideologie stand, dass die unmittelbarsten und auf der Hand liegenden Antworten auf den Klimawandel als politisch geradezu ketzerisch erschienen. Wie konnte eine Gesellschaft zum Beispiel massiv in emissionsfreie öffentliche Verkehrsmittel und Infrastruktur investieren, wenn der öffentliche Sektor systematisch demontiert und verhökert wurde? Wie konnte der Staat die Fossilindustrie stärker regulieren, besteuern und mit Strafen belegen, wenn all diese Maßnahmen als Relikt der kommunistischen Planwirtschaft verunglimpft wurden? Und wie konnte der Sektor der erneuerbaren Energien, die die fossilen Brennstoffe ersetzen sollten, die dafür notwendigen Stütz- und Schutzmaßnahmen erhalten, als Protektionismus ein Schimpfwort war. (S. 31)

Unsere Ära ist wirtschaftlich durch zwei Faktoren geprägt: Massenexport der Güter über große Distanzen und der Export eines verschwenderischen Konsum-, Produktions- und Agrarmodells.

Naomi Klein sagt, dass es ein weiteres zeitliches Limit gibt:

Die Tür für das 2-Grad-Ziel wird sich bald schließen. 2017 wird sie unwiderruflich zufallen. (S. 36)

Somit ist erforderlich: Ein Gesinnungswandel über das Wesen menschlicher Macht, über unser Recht, immer mehr Ressourcen abzubauen. Der Kapitalismus ist in Frage zu stellen ebenso die Mentalität des Extraktivismus, also alle Rohstoffe dem Boden, dem Wasser und dem Wald zu entnehmen.

Die Klimaleugner sagen, der Klimawandel als „trojanisches Pferd“ ziele darauf ab, den Kapitalismus abzuschaffen und durch grünen Kommunitarismus zu ersetzen, er habe wenig mit dem Zustand der Welt zu tun und viel damit zu tun, den Kapitalismus in Ketten zu legen und den American Way of Life durch globale Umverteilung des Reichtums zu transformieren. Der Klimawandel sei also lediglich Mittel zum Zweck, er sei nur Ideologie.

Allerdings, die Klimaleugner sind keine Wissenschaftler, sie sind meist Hobbyforscher (Ingenieure, Ökonomen, Rechtsanwälte), sie alle glauben klüger zu sein als 97 Prozent der Klimaforscher weltweit.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen mit hierarchischen Ansichten (sie lehnen staatliche Hilfe für Arme ab, sind für Unterstützung der Industrie, glauben, dass jeder mehr oder weniger das bekommt, was er verdient) nur zu 11% den Klimawandel als großes Risiko einschätzen, während 69% der Befragten, die sich eher zu egalitären Ansichten bekennen, im Klimawandel ein hoher Risiko sehen.

Und das genau ist der Grund dafür, warum das Leugnen des Klimawandels unter eingefleischten Konservativen so sprunghaft zugenommen hat: Sie haben verstanden, dass sie, sobald sie die Existenz des Klimawandels anerkennen, die zentrale ideologische Schlacht unserer Tage verlieren werden – und die dreht sich um die Frage, ob wir unsere Gesellschaft so planen und organisieren müssen, dass sie unsere Ziele und Werte widerspiegelt, oder ob wir diese Aufgabe dem magischen Spiel der Marktkräfte überlassen. (S. 56)

Viele Konservative gehen sogar noch weiter. Sie wissen nicht mehr, wozu der Mensch auf Erden ist, wenn er sich nicht mehr die Erde untertan machen darf und er nicht mehr die Herrschaft über die Natur hat.

Exkommunisten fühlen sich beim Thema Klimawandel in den Kalten Krieg zurückversetzt. Sie vergleichen die Bemühungen, die Erderwärmung zu verhindern, mit den Bestrebungen kommunistischer Planwirtschaftler, die gesamte Gesellschaft zu kontrollieren.

Wirtschaftliches Interesse an der Fossilindustrie bestimmt häufig die Einstellung zum Klimawandel, und so ist auch bei Wissenschaftlern: Nur 47 Prozent der Wirtschaftsgeologen, die Landschaften auf ihre Eignung für die Ausbeutung von Rohstoffen untersuchen, glauben an den menschengemachten Klimawandel gegenüber den 97 Prozent der aktiven Klimaforscher.

Man kann einen Mann nur schwer dazu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht. (S.63)

Die soziale Stellung der Klimaleugner ist wirtschaftlich privilegiert und sollten sie sich wirklich getäuscht haben, ist ihr Risiko, etwas zu verlieren, nicht wirklich hoch. Zumindest die reichen Menschen in den Industriestaaten werden sich gegen ein paar Grad Erwärmung schützen können. Die reichen Länder werden ihre Großstädte mit aufwendigen Dämmen schützen können. Sie werden immer mehr Hightech-Festungen errichten und eine restriktive Immigrationspolitik forcieren.

Und die Chance des Kapitals liegt auf der Hand:

Wenn kleine Bauernhöfe und Fischerdörfer durch die Hitzebelastung und brutale Stürme ausgelöscht werden, geht das Land an große Baukonzerne über, die riesige Häfen, Luxus-Ferienanlagen und industrielle Landwirtschaftsbetriebe darauf errichten. Ehemals autarke Landbewohner verlieren ihr Land und sind gezwungen, in bereits überfüllte städtische Slums zu ziehen – zu ihrem eigenen Schutz, wie man ihnen vormacht. (S. 66)

Naomi Klein befürchtet, der Klimawandel werde kein großer Gleichmacher sein, der alle betrifft, Arm und Reich, sondern er wird die Gesellschaften weiter spalten, in die Wohlhabenden und die Habenichtse. Die einen können sich mit ihrem Vermögen einen wirksamen Schutz gegen die Extreme der Natur kaufen, die anderen müssen auf die Unterstützung des Staates, der aber immer weniger funktioniert, setzen.

Und diejenigen, deren Werte und Ziele sich verstärkt in Kategorien der Macht, der Leistung, von Status und Image ausdrücken, haben obendrein, so glaubt Naomi Klein, eine eher negative Einstellung zum Umweltschutz, verhalten sich weniger umweltfreundlich und sehen meistens nicht einmal das Problem der knappen Ressourcen.

Naomi Klein schließt das erste Kapitel mit dem Fazit, dass wir politisch, physisch und kulturell gekettet sind, um auf die anstehenden Herausforderungen angemessen zu reagieren – politisch, weil unser Wirtschaftsmodell in Frage gestellt ist, physisch, weil die reichste und mächtigste Industrie aller Zeiten, die Öl- und Gasindustrie vor dem Untergang steht und kulturell, weil wir glauben, über der Natur zu stehen und wir deren Grenzen nicht anerkennen wollen.

Das Kapitel 2 wirft spannende Fragen auf:
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Privatisierung von Energieversorgungsunternehmen und dem Klimawandel und wie würde er aussehen?
Was hat Freihandel mit dem Klimawandel zu tun? Der Klimawandel spielt heute bei den TTIP – Gegnern argumentativ kaum eine Rolle.
Inwieweit treibt die Ungleichheit den Klimawandel?

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2 Gedanken zu „Naomi Klein: Die Entscheidung, Kapitalismus vs. Klima

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