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Österliche Gedanken

Ostern. Ein guter Anlass die Verwandten zu Besuch zu haben – oder sie zu besuchen. So sind wir von München in die Oberpfalz gefahren. Mit dem Auto nach Burglengenfeld und zurück. Soweit eine Banalität. Aber ich habe hinten gesessen und Zeit gehabt, Zeit für Gedanken.
Die Benzinkosten für die Hin- und Rückfahrt haben bei ca. 40 € gelegen. Preislich also ungefähr gleichauf mit dem Bayern-Ticket für drei Personen. Aber wir hätten entweder ab Regensburg mit dem Bus fahren oder uns in Maxhütte-Haidhof am Bahnhof abholen lassen müssen. Alles in allem hätte die Fahrt von Haustür zu Haustür jeweils etwa drei Stunden 15 Minuten statt eine Stunde 40 Minuten gedauert, ganz zu schweigen davon, dass es am Sonntag vormittags keinen Bus im Stundentakt und abends nach acht gleich gar keinen Bus mehr gibt. Da fällt es einem leicht, die persönlich richtige aber ökologisch fragwürdige Entscheidung zu treffen. Die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrsmittel ist halt nicht darauf ausgelegt, eine bayerische Stadt mit über 13.000 Einwohnern gut anzubinden. Es gibt zwar noch eine Bahnstrecke (seit 1994 wurden ja immerhin 5.400 Bahnkilometer stillgelegt), aber seit 1967 nur noch genutzt für den Güterverkehr ins Zementwerk.

“Adults keep saying we owe it to the young people, to give them hope. But I don’t want your hope. I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel the fear I feel every day. I want you to act. I want you to act as you would in a crisis. I want you to act as if the house is on fire, because it is.”

Greta Thunberg auf dem diesjährigen Weltwirtschafsforum in Davos

Im Wetterbericht wurde vor der Waldbrandgefahr in den bayerischen Wäldern gewarnt, Beobachtungsflüge wurden für Ostern angeordnet. Und sowohl in Franken als auch in Niederbayern ist es zu kleineren Bränden gekommen. Zu Ostern. Im April. Mal sehen, was da noch auf uns im Sommer zukommt.

[1]

Foto: GLOBAL 2000

Der menschengemachte Klimawandel findet statt. Wir wissen es, wir kennen die Fakten. Wir wissen, dass unser Ressourcenverbrauch zu hoch ist – und dennoch boomt der Verkauf von SUVs mit einem Leergewicht von mehr als zwei Tonnen. Wir wissen, dass Einwegverpackungen eine Ressourcenverschwendung darstellen – aber sie sind ja auch praktisch (und praktisch überall). Wir wissen, dass wir mit unserem Lebensstil auf Kosten der Menschen im Globalen Süden leben, die unsere Kleidung in Sweat-Shops zusammennähen und unseren Elektroschrott auf Müllhalden in Ghana ohne jeglichen Schutz zerlegen, um Metallschrott zu gewinnen, dessen Verkauf das Essen von morgen ermöglicht. “Wir leben über die Verhältnisse anderer” (Lessenich: Neben uns die Sintflut [1]) und wir leben über die Möglichkeiten unseres Planeten (der Earth Overshoot Day 2018 [2] war bereits am 1. August).

“Die Klimakrise stellt für die Stabilität der Ökosysteme unseres Planeten und für Millionen von Menschen eine existenzielle Bedrohung dar. Eine ungebremste Erderwärmung ist eine enorme Gefahr für Frieden und Wohlstand weltweit.

Seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Erde laut IPCC bereits um circa ein Grad Celsius erwärmt. Es bleibt daher wenig Zeit, den Klimawandel aufzuhalten und so zu verhindern, dass die Kipppunkte im Klimasystem überschritten werden. Tun wir das nicht, werden die verursachten Schäden weit höhere Kosten mit sich bringen als alle Investitionen in konkrete Maßnahmen zur Vermeidung der Klimakatastrophe.”

Die SchülerInnen von Fridays For Future [3] bringen es auf den Punkt – und was machen wir? Wir freuen uns, dass unsere Kinder sich engagieren (wir tun es ja oft nicht mehr), wir belächeln sie (wir haben schließlich auch nichts erreicht). Da sind FDP und AfD klarer, sie erkennen die Gefahr für das herrschende ökonomische System und greifen sie an. Wir halten sie für naiv, denn sie wollen ja, dass die PolitikerInnen das einhalten, was sie sich im Pariser Klimaabkommen vorgenommen haben. Wer kann denn auf die dämliche Idee kommen, PolitikerInnen an ihre Beschlüsse zu erinnern und die Umsetzung einzufordern? Himmel, worauf wollen wir eigentlich noch warten, bis wir unseren Zynismus/unsere Hoffnungslosigkeit/unsere Angst/unsere Bequemlichkeit/unsere Bequemlichkeit überwinden?

Fridays For Future und Extinction Rebellion [4] sind Teil, vielleicht auch noch Vorboten einer globalen Klimabewegung, die dringend notwendig ist. Und machen wir uns nichts vor: wir treffen in der Klimafrage gerade so grundlegende Entscheidungen, dass wir gewiss sein können vieles Gewohnte infrage stellen zu müssen. Entweder durch freiwillige Entscheidung oder durch Anpassung an katastrophale Veränderungen. Und auch einer zweiten Sache können wir gewiss sein:

“Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Klimawandel schweigen.”
Clemens Berger im Standard [5].

De Trend ist uns seit bald 50 Jahren [6] bekannt – und seit 30 Jahren herrscht Gewissheit. Der Kapitalismus hat den Klimawandel in Gang gesetzt und befördert ihn durch seinen Zwang zum Wachstum – um den Preis der Zerstörung seiner  – und unserer – Grundlagen.

Wir brauchen zwingend ein anderes Modell, wie wir die Gesellschaft organisieren. Sozial ausgewogen und ökologisch zukunftsfest. Da werden wir uns von einigen Gewohnheiten trennen müssen. Wir brauchen mit dem Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs eine Mobilitätswende. Das Auto muss eine vorherrschende Rolle verlieren. es macht da Sinn, wo Bahn, Bus und Anruf-Sammel-Taxi in der Fläche nicht funktionieren. Mittelfristig muss gelten: Nur ein Auto, das nicht gebaut wird, ist ein gutes Auto. Der Wandel ist zu gestalten, nicht zuletzt deshalb, weil in der Automoblibranche viele Arbeitsplätze wegfallen müssen und dies sozialverträglich zu gestalten ist. Der Ausstieg aus der Kohle ist zu forcieren, zuerst – also in den nächsten zwei bis drei Jahren – gehören Braunkohlekraftwerke abgeschaltet – bis 2030 alle Kohlekraftwerke. Anders wird das Gegensteuern nicht funktionieren. Ökologisches Umsteuern und Sozialpolitik müssen zusammengedacht werden, dazu braucht es einer Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums weg von den Reichen und Vermögenden und es braucht eine deutliche Arbeitszeitverkürzung mit Lohn- und Personalausgleich [7]. Es braucht günstigen Wohnraum[2], die Liste lässt sich noch verlängern. Einige Vorschläge haben wir auf dem Blog schon gemacht, z.B. hier[3] oder hier[4].

Aber so eine Autofahrt ist zeitlich dann doch begrenzt. Und so geht mir auf der Rückfahrt dann noch ein Gedanke durch den Kopf. So nett die lieben Eltern und Schwiegereltern ja auch sind, in ihrem Weltbild hat oft die CSU einen festen Stammplatz. Und sie dürfen wählen gehen, viele der SchülerInnen von Fridays For Future dagegen nicht. Nun, sie werden die schlmmsten Auswüchse vielleicht auch nicht mehr erleben, unsere Kinder schon. Ein Punkt sollte sie aber mit Sorge umtreiben. Wenn die herrschende Politik noch weiter fortgesetzt wird, werden sie in fünf oder zehn Jahren keine geduldige Pflegekraft haben, die sich gerne Zeit nehmen wird sie zu pflegen, zu versorgen und mit ihnen zu reden. Denn auch gute Pflege für alle lässt sich nicht mit kapitalistischen Gewinnerwartungen in Einklang bringen. Also reden wir mit der älteren Generation vielleicht neben dem Klima mehr über ihre persönliche Zukunft, wie sie in Würde altern können und dürfen.

Ostersonntag waren es gerade noch fünf Wochen bis zur Europawahl. Es wäre doch etwas, wenn wir diese Wahl zu einer Abstimmung pro #FridaysForFuture und pro #ExtinctionRebellion machen könnten. Schließlich ist Ostern ja auch ein Fest der Hoffnung.

Bildquelle: GLOBAL 2000 [8] |CC BY-NC-ND 2.0 [9]

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Endnotes:
  1. [Image]: https://live.staticflickr.com/4090/4953919238_2475a9592f_b.jpg
  2. günstigen Wohnraum: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4930
  3. hier: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4856
  4. hier: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4774
  5. Beitrag versenden: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=4934&wp_email_popup=1