{"id":689,"date":"2014-09-01T13:07:28","date_gmt":"2014-09-01T12:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=689"},"modified":"2014-09-01T13:07:28","modified_gmt":"2014-09-01T12:07:28","slug":"frankreich-am-scheideweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=689","title":{"rendered":"Frankreich am Scheideweg"},"content":{"rendered":"<p>Michael Schlecht ist Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag. Er ist der wirtschaftspolitische Sprecher der Linken, einer der wenigen Volkswirte, die ich zur Zeit in der deutschen Politik finden kann.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4ssig ver\u00f6ffentlicht er seine <a href=\"http:\/\/www.michael-schlecht-mdb.de\/positionen\">Positionspapiere<\/a> in einem Blog, das neue mit dem Titel \u201ePrek\u00e4re Besch\u00e4ftigung\u201c.<\/p>\n<p>Im August 2013 erschien sein Papier \u201e<a href=\"http:\/\/www.michael-schlecht-mdb.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Frankreichpapier.pdf\">Frankreich am Scheideweg<\/a>\u201c. Er beschreibt die Ursachen der wirtschaftlichen Krise in Frankreich: seit der Einf\u00fchrung des Euros hat sich die Handelsbilanz zunehmend verschlechtert, die Arbeitslosigkeit hat einen H\u00f6chststand erreicht.<!--more--><\/p>\n<p>So haben sich seit 2008 die Raten der Arbeitslosigkeit in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich entwickelt, die deutsche liegt im Jahre 2013 bei 5%, die franz\u00f6sische betr\u00e4gt dagegen 11% &#8211; 2008 lagen beide L\u00e4nder mit 7,5% noch gleichauf.<\/p>\n<p>Dabei war die Produktivit\u00e4t der Wirtschaft in den Jahren 2000 bis 2012 in beiden L\u00e4ndern fast im gleichen Ma\u00dfe gestiegen: die Summe der hergestellten G\u00fcter und Dienstleistungen wies in beiden L\u00e4ndern ein Plus um 14% auf, in Deutschland produziert in einer konstant gebliebenen Anzahl von Arbeitsstunden, die Franzosen ben\u00f6tigten gerade mal 2% mehr Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Wirklich unterschiedlich in beiden L\u00e4ndern ist aber die Reallohnentwicklung gewesen: Zwischen 2000 und 2012 verzeichnet Frankreich ein Plus von 12%, Deutschlands Reall\u00f6hne sind in diesem Zeitraum um 1% gefallen.<br \/>\nVerantwortlich daf\u00fcr sind u.a. die Existenz eines gesetzlichen Mindestlohns von 9,50 \u20ac\/h in Frankreich und die rapide Zunahme der Prek\u00e4r- und Teilzeitbesch\u00e4ftigung in Deutschland, politisch forciert durch die Agenda 2010.<\/p>\n<p>Eine unter Volkswirten unumstrittene Regel der Einkommenspolitik \u2013 Lohnsteigerungen m\u00fcssen der Zunahme der Produktivit\u00e4t plus Inflationsrate entsprechen, denn dann sind sie verteilungspolitisch neutral \u2013 ist in Frankreich beachtet, in Deutschland missachtet worden. Bei uns ist die Lohnquote, der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen, gesunken. Dementsprechend ist die Profitquote gestiegen. Die Ungleichheit nimmt gerade in Deutschland besonders zu.<\/p>\n<p>F\u00fchrt man nun Produktivit\u00e4tsentwicklung und Lohnentwicklung zusammen, so erhalten wir die Lohnst\u00fcckkosten als Ausdruck der Wettbewerbsf\u00e4higkeit eines Landes, oder sagen wir besser, der Unternehmen, die in diesem Land produzieren.<br \/>\nFakt ist, europaweit sind die Lohnst\u00fcckkosten um 28% (wieder im Zeitraum zwischen 2000 und 2012) gestiegen und in Frankreich genau um diese gleiche Gr\u00f6\u00dfenordnung &#8211; in Deutschland waren es lediglich 9%.<br \/>\nDie Entwicklung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit Frankreichs spiegelt sich wider in der Handelsbilanz des Landes:<\/p>\n<ul>\n<li>War diese noch im Jahre 2002 ausgeglichen, so ist 2012 ein Minus von 82 Mrd \u20ac zu verzeichnen (Exporte: 442 Mrd \u20ac, Importe 524 Mrd \u20ac).<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Davon entfallen 28 Mrd \u20ac auf den Handel mit Deutschland (Exporte: 72 Mrd \u20ac, Importe 100 Mrd \u20ac)<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Zudem hat Frankreich Exportanteile verloren gegen\u00fcber den S\u00fcdl\u00e4ndern Europas, die aufgrund der Troika-Politik von EU, EZB und IWF um den Preis hoher Arbeitslosigkeit drastische Sozial- und Lohnk\u00fcrzungen hinnehmen mussten, dadurch aber allm\u00e4hlich ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit wieder verbessern konnten.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Und auch auf dem Weltmarkt \u2013 au\u00dferhalb der EU \u2013 haben franz\u00f6sische gegen\u00fcber deutschen Unternehmen an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verloren. Deutsche Exporte in den au\u00dfereurop\u00e4ischen Dollarraum sind zwischen 2000 und 2010 um 85% gestiegen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Soweit sind diese Zahlen eindeutig, aber was ich mich frage: Gibt es auch andere, z.B. strukturelle Gr\u00fcnde f\u00fcr den schlechten Zustand der franz\u00f6sischen Wirtschaft, vor allem im Vergleich zu Deutschland?<\/p>\n<p>Die SZ stellt am 28.8.14 im Wirtschaftsteil den neuen franz\u00f6sischen Wirtschaftsminister, Emmanuel Macron, vor: \u201eDen dicken Katalog an Sozialauflagen f\u00fcr Firmen, die mehr als 49 Mitarbeiter besch\u00e4ftigen, will Macron entschlacken. Diese Auflagen gelten als ein Grund, warum Frankreich keinen starken Mittelstand hat.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22261#h05\">Orlando Pascheit<\/a> erinnert auf den NachDenkSeiten an die schleichende Deindustrialisierung Frankreichs. Deutsche Unternehmen haben danach mehr und mehr ihre Vorfertigung ins Ausland verlagert und montieren daheim, w\u00e4hrend Frankreich den umgekehrten Weg gegangen sei, also die Endfertigung ins Ausland verlagert habe. Frankreich fehle es zudem an einem wettbewerbsf\u00e4higen Mittelstand, in Deutschland gebe es 1300 mittelst\u00e4ndische Weltmarktf\u00fchrer, in Frankreich gerade 75.<\/p>\n<p>Auch Michael Schlecht findet die \u201erasante Deindustrialisierung in Frankreich bedenklich\u201c: Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Gesamtwirtschaft habe in den letzten 10 Jahre abgenommen, von 18% auf 12,5%. In Deutschland betrage dieser Anteil immerhin 26%.<\/p>\n<p>Da der Dienstleistungssektor in Frankreich dementsprechend gewachsen ist, dieser aber in der Regel unproduktiver sei als die verarbeitende Wirtschaft, habe Frankreich, so f\u00fchrt Schlecht aus, umso mehr in der Produktivit\u00e4t mit Deutschland mitgehalten, obwohl die strukturelle Seite sich zu seinem Nachteil entwickelt habe.<\/p>\n<p>Was wird die neue franz\u00f6sische Regierung tun? Der neue Wirtschaftsminister plant, die Unternehmen um 30 Mrd \u20ac zu entlasten und mindestens 50 Mrd \u20ac im Staatshaushalt einzusparen.<\/p>\n<p>Michael Schlecht wagt einen Ausblick:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eFrankreich wird sich offiziell dem Diktat der Troika [Sparpolitik, Fiskalpakt] nie unterwerfen. Daher hat es nur zwei M\u00f6glichkeiten auf das Lohndumping Deutschlands zu reagieren: die \u201afreiwillige\u2018 \u00dcbernahme des deutschen Exportmodells in einer Agenda 2020, oder Deutschland in einem \u201aAufstand der S\u00fcdl\u00e4nder\u2018 zu einem Ende der exportorientierten Lohnzur\u00fcckhaltung zu zwingen. In der politischen Praxis wird ein bisschen von beidem umgesetzt werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>In Deutschland wird derweil \u00fcber eine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14262\">Agenda 2020<\/a> nachgedacht. Das bedeutet nichts Gutes f\u00fcr Frankreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_689 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_689')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_689').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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