{"id":5037,"date":"2019-06-30T19:59:59","date_gmt":"2019-06-30T17:59:59","guid":{"rendered":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=5037"},"modified":"2019-06-30T23:26:59","modified_gmt":"2019-06-30T21:26:59","slug":"infrastrukturen-und-interessensausgleiche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=5037","title":{"rendered":"Infrastrukturen und Interessensausgleiche"},"content":{"rendered":"<h4>Vorkehrungen zu rasanten Ver\u00e4nderungen<br \/>\nund mehr Mut zu \u201esozialdemokratischen Ans\u00e4tzen\u201c<\/h4>\n<p><strong>von <\/strong><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.stefanfrischauf.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Stefan Frischauf<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht ein Ruck durch das Land.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Klimawandel ist da!\u201c \u201eWir m\u00fcssen uns dagegen stellen!\u201c \u201eSelbstwirksam und voller Kraft k\u00f6nnen wir es schaffen!\u201c \u201eJede und jeder bei sich selbst zuerst \u2013 dann schaffen wir das! Gemeinsam!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eDie Kinder und Jugendlichen von \u201eFridays for Future\u201c da, die freitags die Schule schw\u00e4nzen f\u00fcr ihre und unsere Zukunft haben ja Recht: Es geht um unsere Zukunft! Und da m\u00fcssen wir alle eng beieinander stehen. Dann k\u00f6nnen wir es schaffen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Botschaft h\u00f6r\u00b4\u00a0ich\u00a0wohl,\u00a0allein mir fehlt der Glaube\u201c \u2013 l\u00e4sst Goethe den Faust sprechen.<br \/>\nEs erinnert zu vieles an die \u201eWillkommenskultur\u201c. Den Mauerfall. Medial gesch\u00fcrte und von politischen Sch\u00f6nwetterreden rosa und hellblau gef\u00e4rbte Euphorien und Hysterien. Und mittendrin immer das Credo: \u201eWir schaffen das!\u201c &#8211; \u201eAlles wird besser!\u201c<br \/>\n80 Millionen f\u00fcr Europa! Und bald die ganze Welt!<br \/>\nDie Ern\u00fcchterung folgt bald. Aber: \u201edie Guten\u201c werden weiter das Credo mantraartig beschw\u00f6ren. \u201eDie Entt\u00e4uschten\u201c werden T\u00e4ter und Opfer f\u00fcr ihre Selbstt\u00e4uschung suchen.<br \/>\nTeile und Herrsche, Folge \u221e\u221e\u221e. Also ausweglose Endlosschleife?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir uns das noch lange leisten?<br \/>\nUnd: wer ist wir? Oder \u2013 wer sind WIR?<!--more--><\/p>\n<h3>Allgemeines Sprachgewirr<\/h3>\n<p>Der Begriff der \u201eInfrastruktur\u201c wird wie so viele Begriffe von vielen Seiten verschieden betrachtet.<br \/>\nHistorisch zu Beginn des Industriezeitalters im Franz\u00f6sischen Unterbau, Nivellement im Eisenbahnbau\u00a0 und \u201ealle Erdarbeiten zur Urbarmachung der B\u00f6den\u201c<sup>1<\/sup>, im Englischen dann alle \u201eimmobilen Bauten und Einrichtungen, die der Mobilisierung und Bereithaltung der Heere dienten\u201c<sup>1<\/sup> f\u00fchrt der Weg zu NATO-Definitionen der 1950er \/ 1960er Jahre, wo von \u201eImmobilien und \u00a0diversen Einrichtungen der milit\u00e4rischen Kommunikation, Logistik und Abschreckung\u201c <sup>1<\/sup> im Zusammenhang mit \u201eInfrastruktur\u201c die Rede ist.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNeben der personalen Infrastruktur, dem\u00a0Humankapital, umfasst Infrastruktur alle langlebigen Einrichtungen materieller oder\u00a0institutioneller\u00a0Art, die das Funktionieren einer\u00a0arbeitsteiligen\u00a0Volkswirtschaft\u00a0beg\u00fcnstigen.\u201c<sup>1<\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Das \u201eGabler Wirtschaftslexikon\u201c definiert \u201eInfrastruktur\u201c so:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGrundausstattung einer Volkswirtschaft (eines Landes, einer Region) mit Einrichtungen, die zum volkswirtschaftlichen\u00a0Kapitalstock\u00a0gerechnet werden k\u00f6nnen, die aber f\u00fcr die private Wirtschaftst\u00e4tigkeit den Charakter von Vorleistungen haben.<\/p>\n<p><strong><em>Klassische\u00a0Beispiele<\/em>\u00a0<\/strong>sind Verkehrsnetze (Stra\u00dfen, Schienen- und Wasserwege) sowie Ver- und Entsorgungseinrichtungen (Energie, Wasser, Kommunikationsnetze), ohne deren Existenz eine privatwirtschaftliche G\u00fcterproduktion oder Leistungserstellung nicht oder zumindest nur mit geringerer Effizienz m\u00f6glich w\u00e4re\u00a0<em>(wirtschaftsnahe Infrastruktur).<\/em>\u201c<sup>2<\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Insofern versteht denn auch jeder in Zeiten wie diesen zu allererst darunter das, was er oder sie verstehen will. Verst\u00e4ndigungsbereitschaft und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Interessensausgleiche jedoch beginnen dort, wo es sowohl von wissenschaftlicher Seite als auch von politischer Seite von einem \u201eEntweder-oder\u201c\u00a0 zu einem \u201eSowohl-als auch\u201c wird. Und wo zudem die Beteiligten dann in einem transparent dargestellten demokratischen Entscheidungsprozess abw\u00e4gen, was und wie gro\u00df Investitionssummen in welche langlebigen Strukturen kurz- mittel- und vor allem dann auch langfristig f\u00fcr welche Anteile der jeweiligen Bev\u00f6lkerung (\u00fcber-) lebensnotwendig sind. Wie also ein Plan effizient aufgestellt und flexibel und zielstrebig verfolgt und umgesetzt wird.<br \/>\nEin Plan, der Sanierung und Modernisierung ebenso wie Anpassung an spezielle, vielleicht auch erst neu geweckte \u201ezukunftstaugliche\u201c Erfordernisse, also Umbau und Erweiterung vorsieht. Der somit Aktions- und Reaktionskr\u00e4fte integriert.<br \/>\nInsofern sollen hier erst einmal Beispiele aus j\u00fcngster Zeit kurz beleuchtet werden.<\/p>\n<h3>Italien: Spannbeton und monet\u00e4re Flexibilit\u00e4t<\/h3>\n<p>Der Einsturz der Autobahnbr\u00fccke Ponte Morandi im August 2018 in Genua ist sicher in erster Linie auf die schon in der ersten \u00c4ra Berlusconi Anfang der 1990er Jahre eingeleitete Privatisierung \u00f6ffentlicher Angelegenheiten und auf die verantwortungslose Einsparung = Profitmaximierung bei der Wartung zur\u00fcckzuf\u00fchren. 25% Rendite f\u00fcr die Seite der Anteilseigner der Betreibergesellschaften, in diesem Fall haupts\u00e4chlich die Familie Benetton stehen da auch weiterhin zu Buche.<sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Wie bei weiterem Fortbestand dieser Zust\u00e4nde auch nur im Geringsten an \u201eUmbau zu Klimaneutralit\u00e4t\u201c oder \u201eKlimaanpassung 2020-2050\u201c gedacht werden kann: das k\u00f6nnen weder die Entscheidungstr\u00e4ger in Rom, noch in Br\u00fcssel auch nur ansatzweise verraten. Immerhin: kein \u201eFliegenschiss\u201c. Italien war immer ein innovatives Land, eine gro\u00dfe Volkswirtschaft mit vielen Themen, in denen es auch zu Recht f\u00fchrende Positionen und entsprechende Mitsprache beanspruchte. Von Leonardo bis Olivetti. Und mehr.<\/p>\n<p>Als der weise alte Mann der italienischen \u00d6konomie und Chef der B\u00f6rsenaufsicht dort, Paolo Savona Mitte Juni 2019 seinen \u201ePlan B\u201c von 2015 \u00f6ffentlich darstellt und darin eine Staatsverschuldung von bis zu 200% des BIP f\u00fcr ertr\u00e4glich h\u00e4lt , \u201esolange diese durch Vertrauen und Ersparnisse gesichert ist,\u201c\u00a0wirken seine Rede und auch die Berichterstattung des Corriere della Sera sehr akzentuiert. Es scheint, dass viele, ganz gleich welcher politischer Tendenz auch innerhalb der &#8220;Querfrontregierung&#8221; zwischen M5S und Lega auf eine solche Ansage dieses Granden gewartet haben.<sup>4<\/sup><\/p>\n<p>Aber Sergio Benvenuto hebt mit \u201eF\u00fcnf Sterne vergl\u00fchen\u201c gleichfalls einen beeindruckenden Abgesang auf den italienischen \u201eQualunquismo\u201c an. Und er zeigt dabei eindringlich auf, wie die italienische Spielart des \u201ePopulismus\u201c der \u201eFront des Kleinen Mannes\u201c schon vor Mussolini auftauchte und auch 1946 dann irgendwann von rechts, aus dem b\u00fcrgerlichen Lager assimiliert wurde. Eine Analyse, die gerade \u201elinken Dampfplauderern\u201c, die derzeit Salvini in Italien einfach aufgrund seines \u201eAnti-Br\u00fcssel-Kurses\u201c zumindest passiv unterst\u00fctzen, zu denken geben sollte.<sup>5<\/sup><\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter meldet sich nach Savona, 82 dann auch Diego Fusaro, 46. Die italienische Offensive aus einem breiten aufger\u00fcckten Mittelfeld heraus geht weiter. Der Artikel \u201eDer Alptraum vom Kapitalismus ist wahr geworden \u2013 Acht Milliard\u00e4re sind so reich wie die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung\u201c vom Januar 2017 wird dabei von Heise Telepolis neu lanciert.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDiego Fusaro, 1983 in Turin geboren, lehrt Philosophie an der Mail\u00e4nder Universit\u00e4t. Als unabh\u00e4ngiger Freidenker, intellektueller Dissident, der politisch weder rechts noch links anzusetzen ist, verbl\u00fcfft er seit geraumer Zeit ganz Italien mit seiner eigenwilligen, neoidealistischen Auslegung des Marxschen Gedanken.&#8221;<sup>6<\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>&#8220;Neo-Idealismus&#8221; bei der Beschreibung Diego Fusaros sollte da besser durch &#8220;Neo-Realismus&#8221; ersetzt werden.\u00a0Vielleicht ist das Ganze aber auch ein \u201eRealismus der Verzweiflung\u201c.<br \/>\nWahrscheinlich ist Claudio Sozzanis auf Hegels Idealismus zielender Einwand:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs gilt, auch die Klassiker wieder vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>da doch berechtigt. In jedem Falle, Realismus oder Idealismus hin oder her sind zu allererst pragmatisches Vorgehen \u2013 und die Weichenstellungen daf\u00fcr gefordert.<\/p>\n<h3>Auch die US-Basis Ramstein ist \u201eInfrastruktur\u201c<\/h3>\n<p>Aus hier voran gestellten Definitionen wird deutlich, dass die gerade f\u00fcr die US-Drohnenkriege dringendst erforderliche Milit\u00e4rbasis im pf\u00e4lzischen Ramstein auch \u201eInfrastruktur im ureigenen Sinne\u201c ist.<br \/>\nJust da aber wird das Ausma\u00df des Kernkonfliktes und der allgemeinen Verdr\u00e4ngung deutlich.<br \/>\n\u201eGerman Angst\u201c und Heinrich Manns \u201eUntertan\u201c reichen sich die zitternde Hand. Unter f\u00fcrsorglicher Aufsicht von Alexander und Margarete Mitscherlichs \u201eUnf\u00e4higkeit zu trauern\u201c.<\/p>\n<p>Einer meiner beiden Gro\u00dfv\u00e4ter verabscheute Gewalt. Und damit auch die Nazis. Aber wie so viele mutige \u00dcberlebensk\u00fcnstler im Stile eines Roberto Benigni (\u201eDas Leben ist sch\u00f6n!\u201c) wand er sich und die vielk\u00f6pfige Familie meines Vaters durch das Schreckensregime. Und bald nach WK2 arbeitete er auf dem benachbarten Flugplatz Haan im Hunsr\u00fcck bei den Amerikanern. Bis zu seinem fr\u00fchen Tode, acht Monate vor meiner Geburt. Aber die Mehrheit war so wie mein anderer Gro\u00dfvater. Die jubelten auch noch kurz vor dem von Bruno Ganz unnachahmlich dargestellten \u201eUntergang\u201c dem widerlichen Schreihals aus Braunau zu. Diesen Mann, meinen anderen Opa lernte ich als kleiner Junge kennen und lieben. Aber irgendwie sp\u00fcrte ich ja immer, dass er als T\u00e4ter \u2013 eher als Mitl\u00e4ufer auch ein tragisches Opfer war. Seine darunter leidende tapfere Frau indes war die erste gro\u00dfe Liebe dieses kleinen Jungen.<\/p>\n<p>Viele Menschen in Deutschland f\u00fcrchten sich nun vor dem \u201e3. Weltkrieg\u201c. Und sie sprechen diese Angst auch aus. Paul Virilio, 1932 in Paris geborener Sohn eines italienischen Fl\u00fcchtlings vor Mussolinis Schergen und einer aus Paris stammenden Mutter, der als kleiner Junge die Bombardierungen der Alliierten im Keller in Nantes im besetzten Frankreich erlebte, bezeichnete schon den ersten Golfkrieg 1991 mit seiner f\u00fcrchterlichen Propaganda von \u201eklinischen Angriffen\u201c als \u201ekleinen 3. Weltkrieg\u201c.<sup>7<\/sup><\/p>\n<p>Das \u201eImperium des Chaos\u201c, wie Pepe Escobar die US immer nennt, vermag in seinem Untergang nicht von der Nadel des \u201eMilit\u00e4risch-Industriellen Komplexes\u201c zu lassen. Sp\u00e4testens nach meiner R\u00fcckkehr aus Afghanistan 2010 ahne ich, dass unsere fr\u00fchere Schutzmacht am Ende ist. Dass sie als scheiterndes Imperium nicht f\u00e4hig ist, einen sinnf\u00e4lligen Umbau anzugehen. Das wird immer deutlicher.<\/p>\n<p>Was aber macht der deutsche Untertan?<br \/>\nJulian Assanges und Chelsea Mannings Schicksale stehen symptomatisch f\u00fcr das Unma\u00df der Verdr\u00e4ngung. Ohne die beiden h\u00e4tte es wahrscheinlich niemals \u00fcberhaupt eine Debatte \u00fcber den Drohnenkrieg der US gegeben. Und \u00fcber die Bedeutung Ramsteins als Steuerungszentrale in Europa f\u00fcr das automatisierte und ferngesteuerte T\u00f6ten. Mit nicht ermessenem, v\u00f6llig verdr\u00e4ngtem zivilen \u201eKollateralschaden\u201c. Alles Terroristen! Na klar.<\/p>\n<p>Alexander Issajewitsch Solschenizyn als sowjetischer Dissident durfte noch die Gnade von Glasnost und Perestroika erleben. Obama, der f\u00fcr viele in Europa immer noch der \u201eHeilsbringer\u201c ist, hat die Drohnenkriege erst ma\u00dfgeblich gestartet. Privat und auf den Fluren im Wei\u00dfen Haus und anderswo mag er sicher ein netter Kerl (gewesen) sein. Aber das Oval Office ist in diesen Tagen nichts anderes als ein \u201eGef\u00e4ngnis des Tiefen Staates\u201c. Und Ramstein muss bei Trumps und prim\u00e4r Boltons S\u00e4belrasseln nun gegen den Iran einmal mehr in seiner Bedeutung f\u00fcr die US-Kriegsf\u00fchrung im Nahen Osten eindringlich nachdenklich betrachtet werden. Was die Nachdenkseiten ja auch tun.<br \/>\nWas aber viel weiter gehen muss.<sup>8<\/sup><\/p>\n<h3>Gro\u00dfbritannien \u2013 ein anderes zersplitterndes Imperium im Niedergang<\/h3>\n<p>Zweifelsohne w\u00e4re mit Rory Stewart f\u00fcr Br\u00fcssel ein &#8220;moderaterer Verhandler f\u00fcr den Brexit\u201c in Sicht gewesen. Ein urspr\u00fcnglicher &#8220;Remainer&#8221; zudem. Aber wahrscheinlich wird Boris Johnson &#8211; BJ es eher machen. In der Tory-Fraktion wird der harte Kurs nun deutlich favorisiert. Ganz gleich, was die Parteimitglieder darunter, geschweige denn &#8220;das Wahlvolk&#8221; dazu sagen.<\/p>\n<p>Genug geredet. Dass die Tories da bei den internen Wahlen vieles manipuliert haben \u2013 sp\u00e4testens seit der Wahl George W. Bushs ins Wei\u00dfe Haus im November 2000 sollte man sich \u00fcber \u201eUnregelm\u00e4\u00dfigkeiten\u201c bei \u201edemokratischen Wahlen im freien Westen\u201c nicht mehr wundern.<sup>9<\/sup><\/p>\n<div style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Nouruz_2010.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-right: 20px;\" src=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Nouruz_2010.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"420\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">HRH der Prince of Wales, also Charles links, Rory Stewart rechts, meine sonnenverbrannte Wenigkeit nach Schneewandern bei Bamiyan (wo die gro\u00dfen Buddha-H\u00f6hlen sind) \u00fcber das persische Neujahr (21. M\u00e4rz) Nouruz 2010 mit gr\u00fcner Krawatte in der Mitte<\/p><\/div>\n<p>Dass Rory diplomatisches und strategisches Geschick besitzt und klug und mutig ist \u2013 das hat er zur Gen\u00fcge bewiesen. Zu meiner Arbeit 2009 \/ 10 in Kabul mit ihm sage ich immer noch, dass es sich um die gr\u00f6\u00dfte berufliche \u2013 und zum Teil auch gr\u00f6\u00dfte menschliche Herausforderung meines Lebens \u2013 aber auch um das schmerzhafteste Scheitern handelt. Insofern war ich immer etwas kritisch auch mit den Ergebnissen der Arbeit der von ihm im Auftrag von HRH Prince Charles gegr\u00fcndeten &#8220;NGO&#8221; dort.<br \/>\nLetztlich offenbarte sich da der Zwist zwischen &#8220;konservativer&#8221;, heute auch &#8220;neoliberaler&#8221; Entwicklungsarbeit und einem eher &#8220;sozialdemokratischen Ansatz&#8221;.<\/p>\n<p>Shoshana Stewart, Rory\u2019s Ehefrau und meine damalige direkte Vorgesetzte und durchaus auch eine gute Freundin erl\u00e4utert in einem sehr lebendigen Vortrag vor der London Business School<br \/>\n\u201eDas Geheimnis von Entwicklung ist Stolz \u2013 und Business\u201c.<sup>10<\/sup><\/p>\n<p>Der Haken dabei trat deutlich zutage, als ich einmal einen Diskurs mit Rory zum komplexen Thema \u201eNachhaltigkeit\u201c hatte. Als erfahrener deutscher Architekt mit Vertiefung St\u00e4dtebau und Ingenieur, mit &#8220;Infrastruktur&#8221; dort in einem Altstadtviertel Kabuls betraut,\u00a0der also mehr oder weniger Wasserbau, Sanierung und Regenerierung eines kriegszerst\u00f6rten Altstadtteils \u201evon technischer Seite\u201c her koordinierte ein strittiges Thema. Die Einsetzung einer Kommission, die &#8220;rudiment\u00e4res Baurecht&#8221; festsetzen sollte, mit dem das Gemeinwohl gesch\u00fctzt und vor Privatrecht gesetzt werden \u2013 aber auch Kompensationsformen beschlossen werden sollten, musste ich immer wieder von meinen Vorgesetzten fordern. Es gab also da gen\u00fcgend Konfliktpotenzial. Der junge polyglotte k\u00f6lsche Afghane als \u201eHead of Architecture\u201c, der den aus D\u00fcsseldorf stammenden Querdenker daf\u00fcr nach Kabul geholt hatte, war ja leider auch nicht mehr da.<\/p>\n<p>In diesem Gespr\u00e4ch wurde klar, dass f\u00fcr Rory Stewart die auf dem alten deutschen Begriff aus der Forstwirtschaft basierende \u201eSustainability\u201c prim\u00e4r Gestaltung und Verkauf von aufw\u00e4ndigen Auftragsarbeiten f\u00fcr Holzschnitzereien an Kunden vom Golf und westliche diplomatische Vertretungen dort betraf. Holzschnitzereien, die traditionell die Hauptfassaden der Kabuler Hofh\u00e4user nicht nur in diesem Viertel ausschm\u00fcckten. F\u00fcr mich betraf dies auch die mindestens drei anderen Ansichten dieser Hofh\u00e4user und besonders die Bewohner derselben. Denn nur so und mit diesem Ansatz gab es Realisierungschancen f\u00fcr eine an ma\u00dfgebliche &#8220;Kriegs- und Fluchtursachen&#8221; herangehende dezentrale, &#8220;nachhaltige urbane Wasserwirtschaft&#8221; an einem solchen Ort. Ein Modell, das damit auch \u00fcbertragbar auf andere Orte zu einem umfassenden dezentral strukturierten, pragmatisch verfolgten Wiederaufbauprogramm werden konnte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Haus-Aga-Khan-Trust.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Haus-Aga-Khan-Trust.jpg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/a><\/p>\n<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Nuristani-Schnitzereien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Nuristani-Schnitzereien.jpg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Hier beispielhaft eine solche Ansicht, in diesem Falle ein Haus des Aga Khan Trust for Culture (AKTC) im S\u00fcden der Altstadt von Kabul und ein genauerer Blick auf Kabuli und Nuristani-Schnitzereien dort.<\/p><\/div>\n<p>Als sp\u00e4ter trotz massiver Unterst\u00fctzung aus Teilen des Ministeriums f\u00fcr St\u00e4dtebau in Kabul, der Weltbank und des IWF die B\u00fcrgschaften f\u00fcr diese neuen Standards und die zu erwartenden Kostensteigerungen nicht gew\u00e4hrt wurden, waren wir da aber bald auf verlorenem Posten. Dass eine solche &#8220;Pufferung&#8221; der Mehrkosten mit &#8220;\u00f6ffentlichen Geldern&#8221; landauf, landab\u00a0die Regel ist, das verdeutlichen solche Projekte wie die architektonisch st\u00e4dtebaulich zweifelsohne herausragende Elbphilharmonie (Faktor 8 bei den Baukosten gegen\u00fcber dem ersten Kostenanschlag), BER und Humboldt-Forum (z.B.).<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmten &#8220;99 %&#8221; haben da keine Lobby. Dies jedoch ist fatal, wenn man sich ansieht, welchen Herausforderungen wir gegen\u00fcberstehen. Nicht nur in Kabul &#8211; global. Davon k\u00f6nnen viele, die f\u00fcr &#8220;Fridays for Future&#8221; und &#8220;Extinction Rebellion&#8221; auf die Stra\u00dfe gehen auch kaum eine Ahnung haben. Diejenigen, die jetzt aus Sorge um den Planeten (oder um sich und uns auf dem Planeten) gr\u00fcn w\u00e4hlen auch nicht. Weil dar\u00fcber auch kaum berichtet wird. Weil das &#8220;neoliberale Dogma&#8221; tief sitzt und &#8220;Alternativlosigkeit&#8221; so stetig weiterverwaltet wird. &#8220;Alternativlosigkeit&#8221;, die letztlich auch zunehmende &#8220;Schutzlosigkeit&#8221; der 99% gegen\u00fcber den Gewalten &#8211; Klimawandel, Krieg, Terrorismus u.v.a. bedeutet. Die aber damit auch Lebensr\u00e4ume aufgibt und zumindest &#8220;laissez-faire&#8221; an ihrer Zerst\u00f6rung mitwirkt.<br \/>\nIch pers\u00f6nlich w\u00fcrde diesen vor rund zehn Jahren begonnenen Diskurs mit Rory gerne weiterf\u00fchren.<br \/>\nEin Talk von Rory vom April 2018 in Yale zu \u201eGescheiterte Staaten \u2013 und wie man sie stabilisieren kann\u201c verdeutlicht dies zudem. <sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Es gibt einige Punkte, bei denen ich mit Rory v\u00f6llig \u00fcbereinstimme. Insbesondere, was die Wichtigkeit einer weitest m\u00f6glichen \u201eBefriedung\u201c Afghanistans betrifft. Dies aufgrund seiner geostrategischen Position heute und dem Erbe des \u201egro\u00dfen Spiels\u201c des 19. Jahrhunderts zwischen dem zaristischen Russland und dem britischen K\u00f6nigreich mit Britisch-Indien als \u201eStatthalter vor Ort\u201c. Insofern auch der unmittelbaren Nachbarschaft zu gleichfalls h\u00f6chst fragilen verfeindeten Atomm\u00e4chten: Indien und Pakistan einerseits. Aber auch China andererseits. Wobei eine viel kl\u00fcgere, weitsichtigere Partnerschaft mit China unbedingt vonn\u00f6ten ist.<sup>12<\/sup><\/p>\n<p>Aber darauf hoffen darf und kann ich eigentlich nicht. Oder hat sich ein ZEIT- oder Spiegel-Reporter jemals solcher Themen und solcher Ma\u00dfnahmen dezidierter angenommen? Rory, der jetzt in den Journaillen hier sicher nicht zu Unrecht als Hoffnungstr\u00e4ger im UK dargestellt wird, hat gesagt, er w\u00fcrde einer Regierung Boris Johnson nicht dienen.<br \/>\nSo oder so aber wird Rory Stewart fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine zunehmend wichtige Rolle in der britischen \u2013 und der internationalen Politik spielen.<sup>13<\/sup><\/p>\n<h3>\u201eSozialdemokratische Ans\u00e4tze\u201c. What the \u2013 Sozialdemokratie?<\/h3>\n<p>Ein kluger Kopf, Hellmut Lotz sagt, dass manche Tories auch den Brexit durchziehen w\u00fcrden, wenn Belfast schon brennen und Schottland sich vom UK verabschieden w\u00fcrde. Was nicht nur in Glasgow und Edinburgh sicher auch bald f\u00fcr manche \u201eErhitzung\u201c sorgen w\u00fcrde. Bornierter Nationalismus f\u00fchrt immer zu Kriegen und Auseinandersetzungen. Nicht nur an den Grenzen. Auch dann zunehmend im Inneren. Wir ben\u00f6tigen dann auch keine \u201eal Qaida\u201c mehr, um uns die H\u00f6lle auf Erden zu machen.<\/p>\n<p>Besonders hier im kleinteiligen Europa mit seinen vielen V\u00f6lkerschaften und seinem j\u00fcngeren geschichtlichen Erbe jedoch ben\u00f6tigen wir Ausgleichsbewegungen. Auf allen Ebenen und in alle Richtungen. Horizontal in der Fl\u00e4che wie vertikal in den jeweiligen Machtverh\u00e4ltnissen. \u00d6konomisch wie soziologisch, kulturell wie \u00f6kologisch. Und mehr.<br \/>\nInsofern: Ich mag keine \u201eApokalypsen-Darstellungen\u201c. Es gibt immer Wege. Daf\u00fcr jedoch bedarf es der aktiven Annahme des \u201eAnthropoz\u00e4ns\u201c und der daraus resultierenden Verantwortung der die B\u00fcrger anf\u00fchrenden, mit ihren Entscheidungen betrauten Personen.<sup>14 <\/sup><\/p>\n<p>Es bedarf insofern nicht \u201ceiner Idee\u201d, sondern einer Strategie, eines Konzeptes (= Summe verschiedener, in diese Richtung zielender Ideen), um auch gerade Um-, (Mit-)welt- und Klimaschutz im Interesse der Vielen gegen einige Wenige \u00fcberhaupt Geltung zu verschaffen.<br \/>\nUnd genau das ist es auch, was z.B. der kanadisch-britische Kolumnist Umair Haque in seinen Essays zum Niedergang der US und des \u201cPredator-Kapitalismus\u201d dort nicht m\u00fcde wird, zu beschw\u00f6ren:<br \/>\ndie europ\u00e4ische Sozialdemokratie. Zum Beispiel hier in einem Essay mit dem Titel:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie H\u00e4lfte der Amerikaner sind erwiesenerma\u00dfen arm nun.<br \/>\nAmerika kollapiert, weil es das erste arme reiche Land der Welt ist.\u201c<sup>15<\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Wer oder was aber ist das noch? Die \u201eSozialdemokratie\u201c?<br \/>\nEs geht um \u201edie Sozialdemokratie\u201c als Bewegung, die mit Bahrs und Brandts Ostpolitik das Leben im Schatten des eisernen Vorhangs f\u00fcr alle ertr\u00e4glicher gemacht hat u.v.m. Die mit einer ausgleichenden Gesetzgebung \u00fcberlebenswichtige \u201cGemeing\u00fcter = Almende\u201d wie Luft und Wasser \u00fcberhaupt wieder gesch\u00fctzt hat. Auch da durchaus im Konflikt zu m\u00e4chtigen Einzel-\/ Konzerninteressen. Helmut Schmidt hat dieses Erbe durch unstete Zeiten hindurch verwaltet. Und sp\u00e4ter, als er ein \u201ealtersweiser Altkanzler\u201c war, da wurde eigentlich klar, dass er der letzte kluge Weltb\u00fcrger im Kanzleramt gewesen ist.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr jedoch muss die Sozialdemokratie hier und andernorts in Europa sich erst einmal dieses Erbes besinnen. Hierzulande zu allererst. Und sie muss den Transfer dieses eher \u201cnationalen Erbes\u201d auf eine \u201cglobale Ebene\u201d erreichen wollen. Daf\u00fcr bedarf es zu allererst des entsprechenden diplomatischen Willens. L\u00e4nder wie Afghanistan sind auch der Kern, wo es darum geht, die Widerstandsf\u00e4higkeit der Mehrheit gegen \u201cUmwelt- und Klimaver\u00e4nderungen\u201d und wirksamen Schutz und Teilhabe an den Dingen zu verst\u00e4rken. Das sind ganz wesentliche Kriegsursachen vor Ort.<br \/>\nUnd: \u201efreie M\u00e4rkte\u201c beg\u00fcnstigen in erster Linie die Zahlungskr\u00e4ftigsten. Dass diese nicht unbedingt immer viel f\u00fcr das \u201eGemeinwohl\u201c \u00fcbrig haben, ist leider eine unverr\u00fcckbare Tatsache. Zumal, wenn das auch gar nicht gefordert ist. Insofern beseitigt man so immer mehr \u201erechtsstaatliche und sozialstaatliche Prinzipien\u201c. Hier wie dort. Irgendwie jedoch werde ich das Gef\u00fchl nicht los, dass Aussagen dieser Art hierzulande auf allen Indizes und Tabulisten ganz oben stehen. Insofern die Frage:<br \/>\nBin ich ein Verfassungsfeind, wenn ich solche Themen anspreche?<br \/>\nEin Frevler, ein Ketzer oder was?<br \/>\nWarum bekomme ich nie Antworten von \u00f6ffentlichen Stellen?<br \/>\nWarum ducken sich immer mehr Menschen weg hierzulande?<\/p>\n<p>Ein wie gesagt, schon lange angek\u00fcndigtes &#8220;Jahrhundert der Kriege&#8221; wird Europa auf die eine oder andere Art &#8220;in Mitleidenschaft ziehen&#8221;. Aber was hei\u00dft das schon: &#8220;in Mitleidenschaft ziehen&#8221;? Der &#8220;Alte Kontinent wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch an dem einen oder anderen Ort &#8220;b\u00fcrgerkriegsartige Auseinandersetzungen&#8221; erleben. Und der allgemeine Niedergang der &#8220;Gemeing\u00fcter&#8221; wird schleichend weitergehen. Schubweise immer wieder verst\u00e4rkt. &#8220;Alternativlos&#8221;? Mitnichten.<\/p>\n<p>Es geht also um multinational und interkulturell abgestimmte Strategien.<br \/>\nUnd: den Willen, wirklich etwas zu \u00e4ndern. Den erstarrten Karren aus dem Dreck herauszubewegen.<br \/>\nDaf\u00fcr darf \u201eAu\u00dfenpolitik\u201c nicht national milit\u00e4risch-\u201cglobal-\u00f6konomischer\u201d Priorit\u00e4t unterliegen und der Dialog mit Mehrheitsvertretern der Zivilbev\u00f6lkerung muss in den Vordergrund treten. Damit diese \u00fcberhaupt gest\u00e4rkt werden k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eWirtschaftliche Zusammenarbeit\u201c muss sich gleichfalls diesen grundlegenden Interessen der Mehrheiten \u00f6ffnen.<br \/>\nUnd Innenpolitik muss sich genauso diesen Interessensausgleichen widmen.<br \/>\nSchlie\u00dflich geht es mehr denn je um \u201eWelt-Innenpolitik\u201c. Von Europa ausgehend.<\/p>\n<p>Dieses diplomatische Geschick und den damit verbundenen politischen Willen jedoch l\u00e4sst nicht nur die \u201cSozialdemokratie\u201d insbesondere in Deutschland seit Langem schmerzhaft vermissen.<br \/>\nDem \u201eSt\u00e4dtebau\u201c als Lehre, die da zwischen \u00d6konomie, \u00d6kologie, Soziologie, Geografie, Geschichte und Bautechnik vermittelt, kommt da eine ganz besondere Bedeutung zu. In Stadt und Region, wie ja auch Florian Hertweck in seinen 10 Thesen zur Bodenfrage betont.<sup>16<\/sup><\/p>\n<p>Was aber ist davon noch da? Also von jenem \u201esozialdemokratischen Erbe\u201c?<br \/>\nUnd wie weit ist die Verdr\u00e4ngung des Niedergangs fortgeschritten?<br \/>\nNicht nur der \u201eSozialdemokratie\u201c. Aber ganz besonders dieser.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn\u00a0die SPD\u00a0weg ist, haben\u00a0wir\u00a0ja \u00fcberhaupt nichts mehr\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Satz von Susi Neumann steht \u00fcber Allem. Sie, die auch Susi genannt werden wollte, weil sie schon als Kind nur mit \u201eSusanne\u201c von ihren Eltern gerufen wurde, wenn der Verdacht bestand, dass sie etwas ausgefressen hatte, sagte diesen Satz und \u00fcberzeugte die Granden, dass sie der Partei helfen wolle mit ihrer schnoddrig vorgebrachten, grundehrlichen Art. Die ber\u00fchmten \u201eSachzw\u00e4nge\u201c jedoch lie\u00dfen alles zerrinnen. Wie so oft. Susis Hilfe versandete mit ihrem zerbrechlichen Leben. Was bleibt von ihr, von ihren vielen stolzen MitstreiterInnen, den Putzkolonnen, die die Flure zur Altersarmut reingehalten haben \u2013 nicht nur im Ruhrpott, landauf, landab? <sup>17<\/sup><\/p>\n<p>Meine Wenigkeit ist 2013 mit den Worten: \u201eOhne eine starke SPD werden wir die Wende nie hinbekommen!\u201c gegen alle vorher bestehenden Grunds\u00e4tze meiner selbst in diese Partei eingetreten.<\/p>\n<p>Warum ich noch nicht ausgetreten bin?<br \/>\nEs interessiert mich, wie Menschen drinnen \u201eSozialdemokratie\u201c leben. Wie Verdr\u00e4ngungsprozesse in heutigen Zeiten laufen. Bis zu welcher Grenze. Zu welchem Punkt.<br \/>\nMehr als dieser Beobachterstatus und versteckte, bisweilen auch offene Anfeindungen hat man mir nie zugestanden dort. Ist auch egal. Ich trage keinem etwas nach. Ich bemerke nur, wie Diskurse versanden und so alles beim \u201elieb gewohnten Alten\u201c erstarrt bleibt.<br \/>\n\u201eGerman Angst\u201c, \u201eDie Unf\u00e4higkeit zu trauern\u201c und \u201eDer Untertan\u201c auf allen Ebenen, in allen Gremien.<br \/>\nWie gehabt. Ein \u201eK\u00e4fig voller Narren\u201c und ein \u201eKeller voller Leichen\u201c.<\/p>\n<p>\u00dcberforderung mit den Anforderungen des Alltags, dem, was da auf uns einst\u00fcrzt, ist nichts Schlimmes. Das erlebt jeder und jede mal. Zumal in Zeiten asymmetrischer Beschleunigungsvorg\u00e4nge. Und dann auch wieder entsprechenden Bremsman\u00f6vern.<br \/>\nWenn Menschen \u00fcberfordert sind, dann neigen sie dazu, mehr und mehr Dinge zu ignorieren.<br \/>\nAuch immer mehr ganz wichtige Dinge. Das kann jedem mal passieren.<br \/>\nAber es ist eine Frage von Freundlichkeit, Umgang und Stil, ob man versucht, die<br \/>\nDinge auf eine angemessene Art zu regeln. Besonders, was die Zukunft betrifft.<br \/>\n\u00dcberforderung als Dauerzustand jedoch schafft Verdr\u00e4ngung. Zynismus und Verbitterung.<br \/>\nPassivit\u00e4t und Erstarrung.<\/p>\n<p>Gerade wir hier in Mitteleuropa k\u00f6nnen uns ein solches ignorantes Gehabe zwischen den Imperien, die da zum Teil schon eingest\u00fcrzt sind und nun in einer weiteren Umbauphase feststecken (Russland 1989 und 1991 und China 1992 und 2011, als die Immobilienblase dort platzte) im transatlantischen Schatten eines viel m\u00e4chtigeren Imperiums im freien Fall nicht leisten. Gerade wir hier m\u00fcssen die Dinge viel flexibler und mutiger angehen, um uns da aus den Gefahrenzonen heraus zu bewegen. Und somit auch den Menschen, Partnern in Ost und West, Nord und S\u00fcd wieder Perspektiven f\u00fcr ein w\u00fcrdevolles und freies, ein friedliches Zusammenleben zu erm\u00f6glichen.<br \/>\n\u201eDazwischen Stehen\u201c tun wir geografisch \u2013 und damit auch geostrategisch ohnehin.<br \/>\nEin \u201eDazwischen Gehen\u201c jedoch erfordert Mut, ein Konzept. Eine Strategie.<br \/>\nEin in imperialen Machtgef\u00fcgen und scheinbar unl\u00f6sbaren technokratischen internen Z\u00e4nkereien erstarrtes Europa ist ein totes Europa. Und Deutschland hat einmal mehr einen B\u00e4renanteil an dieser als \u201eFortschritt\u201c verkauften Erstarrung.<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass die letzten \u201eSozialdemokraten\u201c als \u201eSpezialdemokraten\u201c verh\u00f6hnt nicht wie Muhammad as-Sahhaf<sup>18<\/sup> irgendwann knapp eine Generation sp\u00e4ter in irgendeinem Exil ihre Memoiren schreiben m\u00fcssen. Denn Selbstmord aus Angst vor dem Tod hat noch keinem geholfen. Vor allem nicht den Hinterbliebenen. Der Familie, die mit dieser Schmach erst einmal umgehen lernen muss.<\/p>\n<p>Einmal mehr hier ein Blumengru\u00df von meinem Hinterhof-K\u00fcchenfenster. An die Hinterbliebenen von Susi Neumann. Ihren Mann, ihre MitstreiterInnen. An die vielen Aufrechten.<br \/>\nUnd: an die Vielen, die schon zu Gr\u00fcnen und AFD abgewandert sind auch.<br \/>\n\u00dcberlegt Euch das noch mal.<br \/>\nAber: derzeit kann man Euch \/ Ihnen diesen vielleicht kurzsichtigen Schritt weg von der Sozialdemokratie wahrlich nicht ver\u00fcbeln. \u201eEs kann nur besser werden?\u201c oder \u201eSchlimmer geht immer!\u201c<br \/>\nZumindest zum Teil liegt das in unseren H\u00e4nden.<br \/>\nAber daf\u00fcr m\u00fcssen wir diese erst einmal aus dem Scho\u00df heraus bewegen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Blumengruss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Blumengruss.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"359\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dazu dann noch zwei sehr sch\u00f6ne Schlussworte von zwei ganz unterschiedlichen Menschen:<\/p>\n<ol>\n<li>Rem Koolhaas, Begr\u00fcnder vom \u201eOffice for Metropolitan Architecture\u201c in Rotterdam, erfahrener Architekt und durchaus auch immer ein \u201eAgent provocateur\u201c, nicht nur in architektonischen Dingen auf die Frage:<\/li>\n<\/ol>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eWas zeichnet einen Realisten f\u00fcr Sie aus?<br \/>\n\u201aDas mag eine etwas eigensinnige Definition sein: F\u00fcr mich ist ein Realist jemand, der eine freudvolle Beziehung zur Wirklichkeit hat.\u2019 \u201c<sup>19<\/sup><\/p>\n<\/blockquote>\n<ol start=\"2\">\n<li>Robert Plomin, britischer Genforscher und da Verfechter durchaus provokanter Thesen, Chancen und M\u00f6glichkeiten der \u201epr\u00e4ventiven Genforschung\u201c und der Anwendung denn auch der Erkenntnisse daraus auf die Verbl\u00fcffung des Interviewpartners:<\/li>\n<\/ol>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eDas klingt zu sch\u00f6n, um wahr zu sein.<br \/>\n\u201aIch bin ein Optimist. Liegt wohl in meinen Genen.\u2019 \u201c<sup>20<\/sup><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<ol>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Infrastruktur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Infrastruktur<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/definition\/infrastruktur-39955\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/definition\/infrastruktur-39955<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mcrD-b6m_bc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mcrD-b6m_bc<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.corriere.it\/economia\/finanza\/19_giugno_14\/savona-debito-200percento-pil-possibile-fiducia-risparmio-c25e4226-8e8e-11e9-aefd-b9bfecbb01f9.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.corriere.it\/economia\/finanza\/19_giugno_14\/savona-debito-200percento-pil-possibile-fiducia-risparmio-c25e4226-8e8e-11e9-aefd-b9bfecbb01f9.shtml<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.lettre.de\/archiv?tid_1=Der%20kleine%20Mann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.lettre.de\/archiv?tid_1=Der%20kleine%20Mann<\/a>, also leider im Bezahlsektor, die Geschichte der \u201eFront des Kleinen Mannes\u201c in Italien nach 1946 auch hier: <a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L%E2%80%99Uomo_qualunque\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L%E2%80%99Uomo_qualunque<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Albtraum-vom-Kapitalismus-ist-wahr-geworden-3608638.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Albtraum-vom-Kapitalismus-ist-wahr-geworden-3608638.html<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"http:\/\/www.humanist.de\/kultur\/literatur\/fernsehen\/virilio.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.humanist.de\/kultur\/literatur\/fernsehen\/virilio.html<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52644\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52644<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-06\/grossbritannien-tory-vorsitz-boris-johnson-jeremy-hunt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-06\/grossbritannien-tory-vorsitz-boris-johnson-jeremy-hunt<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7ty1PzJa_Yg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7ty1PzJa_Yg<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zMXXJqvMdk4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zMXXJqvMdk4<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4883\">https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4883<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-06\/rory-stewart-grossbritannien-tories-theresa-may-nachfolge-boris-johnson?cid=25103585#cid-25103585\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-06\/rory-stewart-grossbritannien-tories-theresa-may-nachfolge-boris-johnson?cid=25103585#cid-25103585<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/der-planet-schlaegt-zurueck\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/der-planet-schlaegt-zurueck<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/eand.co\/half-of-americans-are-effectively-poor-now-what-the-c944c518db6a\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/eand.co\/half-of-americans-are-effectively-poor-now-what-the-c944c518db6a<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4986#comments\">https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4986#comments<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.waz-online.de\/Nachrichten\/Wirtschaft\/Putzfrau-Neumann-vs.-Minister-Gabriel-Die-reinigende-Kraft-der-SPD\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.waz-online.de\/Nachrichten\/Wirtschaft\/Putzfrau-Neumann-vs.-Minister-Gabriel-Die-reinigende-Kraft-der-SPD<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Muhammad_as-Sahhaf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Muhammad_as-Sahhaf<\/a><\/li>\n<li><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.brandeins.de\/magazine\/brand-eins-wirtschaftsmagazin\/2019\/provinz\/rem-koolhaas-ich-wuerde-gern-gebaeude-fuer-maschinen-bauen?utm_source=zeit&amp;utm_medium=parkett\" target=\"_blank\" 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Gemeinsam!\u201c \u201eDie Kinder und Jugendlichen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[2,4,5],"tags":[515,551,501,102,532,157,159,177,179,516],"coauthors":[350],"class_list":["post-5037","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","category-gesellschaft","category-krieg-und-frieden","tag-afghanistan","tag-brexit","tag-italien","tag-klimawandel","tag-sozialdemokratie","tag-soziale-stadt","tag-spd","tag-umwelt","tag-usa","tag-weltkrieg"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4UEhA-1jf","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5037","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5037"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5037\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5037"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcoauthors&post=5037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}