{"id":4944,"date":"2019-05-01T19:17:49","date_gmt":"2019-05-01T17:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4944"},"modified":"2019-06-06T23:36:53","modified_gmt":"2019-06-06T21:36:53","slug":"gute-arbeit-eine-richtige-forderung-der-gewerkschaften-aber-springen-wir-nicht-zu-kurz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4944","title":{"rendered":"Gute Arbeit &#8211; eine richtige Forderung der Gewerkschaften, aber springen wir nicht zu kurz?"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/fridays-for-future-4161573_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/fridays-for-future-4161573_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"321\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Foto: NiklasPntk<\/p><\/div>\n<p>Vorweg: ich bin aus \u00dcberzeugung Gewerkschaftsmitglied, und das seit fast 30 Jahren. Zu Anfang des Jahres 1990 bin ich in die \u00f6tv eingetreten &#8211; und ich war stolz auf meine Gewerkschaft, als es 1992 zum <span class=\"article-heading__kicker\">l\u00e4ngsten Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst in der Geschichte der Bundesrepublik kam. Und lang habe ich davon profitiert, dass die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu k\u00fcrzeren Arbeitszeiten gef\u00fchrt haben, auch wenn es im sozialen Bereich nie weniger als 38,5 Stunden pro Woche geworden sind. Und selbstverst\u00e4ndlich bin ich heute raus auf die Stra\u00dfe gegangen um an Demo und Kundgebung teilzunehmen.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span class=\"article-heading__kicker\">Gewerkschaften m\u00fcssen sich neben angemessenen Lohnerh\u00f6hungen immer um die Verbesserung der Arbeitsbedingen k\u00fcmmern, schlie\u00dflich sind wir die eine Selbsthilfeorganisation, der es gelingen kann, die schlimmsten Ausw\u00fcchse der Ausbeutung im Kapitalismus abzuwehren. Und jeder Arbeitnehmer, jede Arbeitnehmerin, der bzw. die nicht gewerkschaftlich organisiert ist, darf sich \u00fcber schlechte Arbeitsbedingungen oder geringe Bezahlung nicht wundern. Wer sein Recht auf Widerstand durch solidarisches Handeln verzichtet, braucht von guter Arbeit auch nicht tr\u00e4umen. It&#8217;s capitalism, isn&#8217;t it?<br \/>\n<\/span><!--more--><\/p>\n<p>Gute Arbeit. Das ist ein Leitbild, dass sich die Gewerkschaften zu Recht auf ihre Fahne schreiben &#8211; und es ist nun seit gut 10 Jahren auch ein Index, der regelm\u00e4\u00dfig vom DGB erhoben wird:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften haben \u201eGute Arbeit\u201c zu ihrem Leitbild f\u00fcr die Entwicklung der Arbeitswelt gemacht. Gute Arbeit bedeutet: faires Einkommen, berufliche und soziale Sicherheit sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz, der hilft, gesund das Rentenalter zu erreichen. Weitere Aspekte Guter Arbeit sind ein respektvoller und wertsch\u00e4tzender Umgang zwischen den Besch\u00e4ftigten einschlie\u00dflich der Vorgesetzten, umfassender und klarer Informationsfluss, ausgewogene Arbeitszeiten und gute betriebliche Qualifizierungs- und Entwicklungsm\u00f6glichkeiten. Auch Arbeitnehmermitbestimmung ist elementarer Bestandteil des Leitbilds. Der Begriff \u201eGute Arbeit\u201c geht auf den englischen Begriff \u201eDecent Work\u201c zur\u00fcck, der w\u00f6rtlich so viel wie \u201emenschenw\u00fcrdige Arbeit\u201c bedeutet. Die Internationale Arbeitsorganisation IAO hat mit der \u201eDecent Work Agenda\u201c ihre Grunds\u00e4tze und Priorit\u00e4ten f\u00fcr die menschenw\u00fcrdige Gestaltung der weltweiten Arbeits- und Lebensbedingungen formuliert.&#8221;<\/p>\n<p>Quelle: <a title=\"\" href=\"https:\/\/index-gute-arbeit.dgb.de\/dgb-index-gute-arbeit\/was-ist-der-index\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Was ist der Index?<\/a> -&gt; Glossar &#8220;Gute Arbeit&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das unterschreibe ich auch sofort. Insofern sind Kampagnen und Tarifkonflikte zur besseren Personalausstattung in der Pflege auch konsequent richtig und notwendig. Auch die Anklage der Ausbeutungsbedingungen in der Branche der Paketzusteller ist dringend notwendig. Eine gesetzliche Regulierung \u00fcber die sogenannte Nachunternehmerhaftung wie nun von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in die Diskussion gebracht, ist f\u00fcr mich zwingend.<\/p>\n<p>Es hat mal eine Zeit gegeben, da war die Utopie der Gewerkschaften noch die Befreiung in der (Lohn-)Arbeit und die von der (Lohn-)Arbeit. Auch \u00d6konomen wie <a title=\"\" href=\"http:\/\/www.sokratischer-marktplatz.de\/pdf\/Text_Keynes_Enkelkinder.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Maynard Keynes<\/a> haben die Vorstellung gehabt, dass wir im 21. Jahrhundert deutlich weniger als 35 oder 40 Stunden arbeiten. Und w\u00e4hrend der Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche in den 1980er Jahren sagte der <a title=\"\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5154618\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">katholische\u00a0<\/a><span class=\"body\" role=\"main\">Sozialphilosophe Nell-Breuning zum gewerkschaftsnahen Soziologen Oskar Negt: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span class=\"body\" role=\"main\">&#8220;Junger Freund, sie k\u00e4mpfen f\u00fcr 35 Stunden. Dabei w\u00e4ren 10 Stunden v\u00f6llig ausreichend, wenn die Menschen vern\u00fcnftig mit ihren Ressourcen umgingen.&#8221;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Gute Arbeit ist also, wie es heute die <a title=\"\" href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Bw6qKTJlZ34\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DGB-Jugend auf der Maikundgebung in M\u00fcnchen<\/a> zu Recht gesagt hat, eine, bei der wir zunehmend weniger abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigt arbeiten werden. Sie ist auch Arbeit, bei der wir mit 25-30 Stunden pro Woche (oder weniger) unsere eigene Existenz gut gesichert wissen. Aber dennoch fehlt mir da was, was zwingend in die gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ein Arbeitsplatz in einem Kohlekraftwerk, in der R\u00fcstungsindustrie kann niemals Gute Arbeit sein, selbst wenn die oben genannten Kriterien erf\u00fcllt sind. Und ob es in der Agrarchemie oder der Automobilindustrie in einem umfassenderen Sinn Gute Arbeit gibt bzw. geben kann, w\u00fcrde ich auch in Zweifel ziehen wollen. Gute Arbeit kann nur solche sein, die der &#8220;Lebensdienlichkeit der Wirtschaft&#8221; <a title=\"\" href=\"https:\/\/szshop.sueddeutsche.de\/Buecher\/Politik-Wirtschaft\/Heribert-Prantl\/Wir-sind-viele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Heribert Prantl<\/a>) verpflichtet ist. Prantl hat sich vor acht Jahren in seiner Anklage gegen den Finanzkapitalismus zu Recht mit der sozialen Frage besch\u00e4ftigt und vor dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft gewarnt. Was er aber au\u00dfer Acht gelassen hat, ist, dass dies zugleich mit der \u00f6kologischen Frage verbunden werden muss. Lebensdienlichkeit ist ein sch\u00f6ner und treffender Begriff, aber er muss global gedacht werden und die nachfolgenden Generationen mit einbeziehen. Lebensdienlichkeit der Wirtschaft w\u00fcrde ich konsequenterweise mit\u00a0 Gemeinwohlorientierung der Wirtschaft gleichsetzen. Arbeit, die die nat\u00fcrlichen Ressourcen zerst\u00f6rt, die den Klimawandel forciert, d\u00fcrfen wir nicht mehr als Gute Arbeit durchgehen lassen, auch wenn dort mit nur 30 Stunden pro Woche sichere Arbeitspl\u00e4tze existieren, die menschengerecht ausgestattet sind. Auch Arbeitspl\u00e4tze, die durch die Ausbeutung des Globalen S\u00fcdens hier bei uns existieren, bieten keine Gute Arbeit in diesem umfassenderen Sinn, den wir uns als Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen aneignen m\u00fcssen. Gute Arbeit muss auch klimavertr\u00e4glich und zukunftstauglich sein, faire Handelsbedingungen sind zudem notwendige Voraussetzung.<\/p>\n<p>Das Festhalten an der &#8220;<a title=\"\" href=\"https:\/\/www.oekom.de\/nc\/buecher\/gesamtprogramm\/buch\/imperiale-lebensweise.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">imperialen Lebensweise<\/a>&#8221; (Ulrich Brand\/Markus Wissen) muss ein Ausschlusskriterium werden f\u00fcr die mittel- bis langfristige Strategie der Gewerkschaften. Wir m\u00fcssen eine umfassende &#8220;sozial-\u00f6kologische Transformation&#8221; hin zu einer solidarischen Lebensweise mitdenken und in unsere gewerkschaftlichen Forderungen einbeziehen. Wir als Gewerkschaften m\u00fcssen uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass unsere Wirtschaft wachsen muss. Wir leben in einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen und vor allem begrenzten M\u00f6glichkeiten der Natur unser umweltsch\u00e4dliches Verhalten zu puffern. Der Wachstumszwang des Kapitalismus ist auch mit Guter Arbeit nicht einzuhegen. F\u00fcr ein gutes Leben hier brauchen wir auch kein materielles Wachstum mehr, im Gegenteil (Verteilungsfragen allerdings sind zu stellen, denn ein Leben auf Grundsicherungsniveau bzw. mit Hartz IV oder explodierende Mieten sichern kein gutes Leben).<\/p>\n<p>Also, die sozial-\u00f6kologische Transformation hei\u00dft auch, dass es nat\u00fcrlich gute Arbeitsbedingungen in der R\u00fcstungsindustrie braucht, solange dort noch Menschen arbeiten, aber wissend und fordernd, dass dies keine langfristig zu garantierenden Arbeitspl\u00e4tze sein d\u00fcrfen. Das wirft auch die Frage auf, wo denn neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen, damit die KollegInnen eine gesicherte Perspektive haben und nicht arbeitslos werden (wo sich der Kreis zur Forderung nach Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich schlie\u00dft). Auch f\u00fcr die Automobilindustrie stellt sich die Frage, was denn unter Guter Arbeit zu verstehen ist, wenn die individuelle Mobilit\u00e4t durch einen zwingenden Ausbau des \u00f6ffentlichen Nah- und Fernverkehrs an Bedeutung verliert und verlieren muss. Arbeitsplatzgarantien bei Opel, Ford oder Volkswagen sind auf dem Hintergrund der Klimakrise nicht &#8220;lebensdienlich&#8221;, weil wir eine deutliche Reduktion der Produktion brauchen um gegenzusteuern. Auch das Elektroauto bietet uns angesichts des Ressourcen- und Energieverbrauchs allein in der Produktion keinen Ausweg.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften haben keine Alternative: entweder werden sie \u00f6kologische und Klimafragen zwingend in ihre Strategien mit einbauen oder aber sie werden angesichts der Dynamik der klimatischen Ver\u00e4nderungen und den aktuell entstandenen Bewegungen <a title=\"\" href=\"https:\/\/fridaysforfuture.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fridays For Future<\/a> und <a title=\"\" href=\"https:\/\/xrebellion.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Extinction Rebellion<\/a> noch mehr an Bedeutung verlieren als in den letzten 20 Jahren. Wir m\u00fcssen trennen zwischen dem zwingenden Erhalt (und Ausbau) von sozialen Errungenschaften, diese sind auch ein Teil der Utopie der Befreiung in und von der Arbeit, und der Frage, welche Arbeitspl\u00e4tze wir warum zu guten Bedingungen verteidigen bzw. beispielsweise in Bildung und Pflege einfordern. Dabei ist die gro\u00dfe Herausforderung, die Kolleginnen und Kollegen in der Angst um den eigenen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, aber ich sehe keine Alternative dazu, wenn wir als Gewerkschaften zukunftsf\u00e4hig werden wollen.<\/p>\n<p>Auf uns kommen ungem\u00fctlichen Zeiten zu. Arbeitszeitverk\u00fcrzung und der sozialvertr\u00e4gliche Ausstieg aktuell aus dem Braunkohletagebau und mittelfristig aus R\u00fcstungsindustrie und Massenautomobilproduktion werden nur mit heftigen Auseinandersetzungen gelingen. Eigentums- und Verteilungsfragen werden uns stark herausfordern. Aber wir m\u00fcssen es f\u00fcr uns und die nachfolgenden Generationen jetzt tun. Alles andere w\u00e4re grob fahrl\u00e4ssig angesichts des Wissens um die \u00f6kologischen Herausforderungen. Und: wenn wir diesen Weg beschreiten, k\u00f6nnen wir uns verb\u00fcnden mit der globalen Klimabewegung. Wenn nicht, werden wir uns die Frage stellen lassen m\u00fcssen, wozu es uns noch braucht, wenn wir konservativ an alten Positionen festhalten.<\/p>\n<p><small>Bilquelle: <span class=\"attribution_field hide-sm hide-md\"><a title=\"\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/users\/NiklasPntk-2730176\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=4161573\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NiklasPntk<\/a> |<a title=\"\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=4161573\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pixabay<\/a><\/span><\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4944&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_4944 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_4944')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_4944').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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