{"id":4092,"date":"2018-02-09T14:34:33","date_gmt":"2018-02-09T13:34:33","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4092"},"modified":"2019-06-02T18:50:35","modified_gmt":"2019-06-02T16:50:35","slug":"die-ig-metall-verpasst-eine-historische-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4092","title":{"rendered":"Die IG Metall verpasst eine historische Chance"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Warum die aktuellen Tarifforderungen einen schweren strategischen Fehler darstellen<\/strong><\/h3>\n<p><strong>von <a href=\"http:\/\/www.michael-hirsch-archiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michael Hirsch<\/a><\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d4\/Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg\/768px-Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d4\/Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg\/768px-Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Tarifrunde 2018: Plakate der IG Metall am Geb\u00e4udeschild eines bestreikten Betriebs<\/p><\/div>\n<p>Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. So auch in der Tarifpolitik. Nach \u00fcber 20 Jahren Stillstand in Sachen progressiver Arbeitszeitpolitik hat die IG Metall in der aktuellen Tarifrunde die Chance verpasst, sich noch einmal an die Spitze einer fortschrittlichen Bewegung zu stellen. Anstatt mutig und selbstbewusst f\u00fcr eine generelle Arbeitszeitverk\u00fcrzung auf 30 Wochenstunden einzutreten, schr\u00e4nkt sie die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Arbeitszeitreduktionen unn\u00f6tigerweise auf bestimmte Kategorien von Arbeitnehmern und bestimmte Momente der Erwerbsbiografie ein. Dies ist ein schwerer Fehler. Denn fortschrittliche soziale Rechte sind nur dadurch fortschrittlich, dass sie allgemein sind und allgemein gelten. Eine proletarische Massenbewegung inklusive gr\u00f6\u00dferer Streiks und einer breiteren gesellschaftlichen Solidarisierung w\u00e4re nur dann m\u00f6glich, wenn Tarifforderungen tats\u00e4chlich als allgemeine erhoben w\u00fcrden: wenn wirklich alle Besch\u00e4ftigten von ihnen profitieren w\u00fcrden. Das k\u00f6nnte aber nur die Forderung nach einer generellen Arbeitszeitverk\u00fcrzung sein. Nur wenn ganz deutlich gesagt wird: \u201eDie Fortschritte der Produktivkr\u00e4fte und die Entwicklung der Unternehmensgewinne erlauben hier und heute gerade in der Metall- und Elektroindustrie eine deutliche Verringerung der Normalarbeitszeit f\u00fcr alle, ohne Verluste von Einkommen und mit vollem Personalausgleich\u201c, w\u00fcrden die Mehrheit der Besch\u00e4ftigten verstehen: Davon profitieren alle, weil es ihren Alltag dauerhaft entlastet. <!--more--><\/p>\n<p>Tarifnormen sind die bedeutendsten zeitlichen, aber auch symbolischen Regularien unseres Alltags. Daher ist es so wichtig, gegen den fatalen Trend zur Flexibilisierung und Individualisierung an ihnen als allgemeinverbindlichen Normen festzuhalten. Tarifnormen pr\u00e4gen Lebensl\u00e4ufe und strukturieren den Alltag. Sie kl\u00e4ren, was wir voneinander normalerweise und legitimerweise erwarten k\u00f6nnen. Das gesamte System geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung beruht eben genau darauf: dass die normalen Arbeitszeiten generell und im Prinzip, und eben nicht nur phasenweise zu lang sind, um mit dauerhaften Verpflichtungen in Haushalt und Familie vereinbar zu sein. Warum also sollte man Arbeitszeitreduktionen auf j\u00fcngere Eltern und Kinder pflegebed\u00fcrftiger Angeh\u00f6riger sowie Schichtarbeiter*innen einschr\u00e4nken? Mit dieser Einschr\u00e4nkung wird eine fatale Aussage verbunden: Sie besagt, dass die herrschenden Arbeitszeiten im Normalfall in Ordnung sind, und nur in einigen k\u00fcrzeren Lebensphasen eingeschr\u00e4nkt werden m\u00fcssen. Das aber ist eine fundamental falsche Aussage. Sie geht an der Lebensrealit\u00e4t von Millionen von Menschen vorbei, die in ihrem Alltag nicht nur vor\u00fcbergehend, sondern dauerhaft von \u00dcberlastung und Stress geplagt sind.<\/p>\n<p>Meines Erachtens gibt es hier nur eine fortschrittliche Forderung: die nach einer generellen Verk\u00fcrzung der Normalarbeitszeiten. Das w\u00e4re eine bedeutende gleichstellungspolitische Hypothese, welche auf einer ganz allgemeinen Ebene die ungez\u00e4hlten Stunden von unbezahlt verrichteter Arbeit in Haushalt und Familie anerkennt \u2013 aber auch diejenigen im Sozialwesen, im politischen Engagement und in der Kulturarbeit. Arbeitszeitnormen sind eben nicht nur bedeutende Rechtsnormen, sondern auch die vermutlich wichtigsten symbolischen Normen in der Gesellschaft. Sie legen gleichsam die Wertsch\u00e4tzungshierarchien fest. Wenn das, was rhetorisch immer wieder beschworen wird: die Aufwertung von unbezahltem Engagement in Familie und Gemeinwesen, tats\u00e4chlich ernst gemeint sein soll, dann kommen wir um eine progressive \u00c4nderung herrschenden Arbeitszeitnormen in Richtung 30-Stunden-Woche und dar\u00fcber hinaus nicht herum. Die im Rahmen von Industrie 4.0 und Digitalisierung der Arbeit erwartbaren Produktivit\u00e4tsfortschritte legen dies ebenfalls nahe.<\/p>\n<p>Die richtige Strategie der Arbeiterbewegung und der progressiven Teile der Gesellschaft insgesamt kann also nur in der fortschreitenden Verk\u00fcrzung der Normalarbeitszeiten liegen. Das bedeutet, dass drei Leitideen miteinander verbunden werden: eine sozialpolitische, eine gleichstellungspolitische und eine kulturelle. Das Ziel w\u00e4re die m\u00f6glichst gleichm\u00e4\u00dfige und faire Verteilung der Erwerbsarbeit auf alle Arbeitnehmer*innen; die m\u00f6glichst gleichm\u00e4\u00dfige und faire Verteilung von Haushalts- und Familienarbeit auf alle; und schlie\u00dflich die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Lebensqualit\u00e4t aller. Oft wird von Seiten der Arbeitgeber, aber auch von Besch\u00e4ftigten gegen generelle Arbeitszeitverk\u00fcrzungen ins Feld gef\u00fchrt, dass viele gerne weiterhin in den heute \u00fcblichen Vollzeitnormen arbeiten m\u00f6chten (je nach Branche also zwischen 35 und 40 Stunden). Solange es aber darum geht, eine gleichm\u00e4\u00dfige Erwerbsbeteiligung aller zu subsistenzsichernden L\u00f6hnen zu sichern (und damit auch eine m\u00f6glichst allgemeine Teilhabe an den materiellen und sozialen Rechten, die mit Erwerbsarbeit verbunden sind), so lange wird man diesen Leuten antworten m\u00fcssen: Wenn ihr findet, dass ihr weiterhin l\u00e4nger erwerbst\u00e4tig sein wollt, wenn ihr also weiterhin weniger im Bereich der unbezahlten Arbeit in Familie und Gemeinwesen t\u00e4tig sein wollt als die anderen, dann m\u00fcsst ihr euch vielleicht nach Nebenjobs umsehen.<\/p>\n<p>Man kann sich vorstellen, warum die IG Metall solche Aussagen und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit ihren zumeist m\u00e4nnlichen Mitgliedern gescheut hat. Offensichtlich sind sie noch nicht so weit. Es muss klar sein: Hier geht es um einen paradigmatischen Kampf: den um die allgemein herrschenden gesellschaftliche Normen. Die IG Metall hat in der diesj\u00e4hrigen Tarifrunde ihre fortschrittlichen Gedanken in Details und Ausnahmeregelungen versteckt und den eigentlichen Konflikt auf die Zukunft verschoben. Das ist schade. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Michael Hirsch ist Politikwissenschaftler und Philosoph<\/em><\/p>\n<p><em>Er unterrichtet Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universit\u00e4t Siegen. 2016 hat er das Buch \u201eDie \u00dcberwindung der Arbeitsgesellschaft\u201c publiziert. Er ist Mitglied des Arbeitskreises \u201eArbeit Fair Teilen\u201c von Attac und des Wissenschaftlichen Beirats von Attac.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist Mitte Januar w\u00e4hrend der Tarifrunde 2018 entstanden.<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquelle: Wzwz (Eigenes Werk) [CC0], via <a title=\"\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AWzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wikimedia Commons<\/a><\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=4092&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_4092 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_4092')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_4092').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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