{"id":3806,"date":"2017-07-25T10:10:24","date_gmt":"2017-07-25T08:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3806"},"modified":"2017-07-25T10:12:04","modified_gmt":"2017-07-25T08:12:04","slug":"mit-marx-ueber-die-digitalisierung-nachdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3806","title":{"rendered":"Mit Marx \u00fcber die Digitalisierung nachdenken"},"content":{"rendered":"<h4>Von <a title=\"\" href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/author\/tobiashinterseer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tobias Hinterseer<\/a> und Bernd Wimmer<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/marx_binary.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/marx_binary.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" \/><\/a>Die Digitalisierung der Arbeitswelt bietet ein hohes emanzipatorisches Potenzial. Um dieses erkennen und f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft eintreten zu k\u00f6nnen, hilft uns ein alter Bekannter weiter: Karl Marx. Seine Gedanken zum technischen Fortschritt sind aktuell wie eh und je.<span id=\"more-17687\"><\/span><\/p>\n<p>Als Friedrich Engels am offenen Grab von Karl Marx stand, sprach er von einem \u201eunermesslichen Verlust f\u00fcr das k\u00e4mpferische Proletariat\u201c und hielt fest: \u201eSein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk!\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Er sollte Recht behalten. Marx\u2019 Ideen hatten im 20. Jahrhundert einen immensen Einfluss und lie\u00dfen ihn zu einem der wichtigsten Philosophen der Neuzeit werden. W\u00e4hrend er sp\u00e4testens nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus vielerorts in Verruf geriet, ist er im Zuge der Auseinandersetzung mit der Wirtschaftskrise 2008\u00a0ff. wieder salonf\u00e4hig geworden.<\/p>\n<p>Doch nicht nur seine allgemeinen Betrachtungen zur kapitalistischen Logik, auch seine expliziten Gedanken zur Rolle der Technik bzw. Maschine sind heute von h\u00f6chster Bedeutung. Sie geben wichtige Impulse zur Beurteilung neuer digitaler Technologien, die die sogenannte Digitalisierung der Arbeitswelt einleiten.<\/p>\n<h2>Die Angst vor der Maschine<\/h2>\n<p>Studien zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitsmarkt und -verh\u00e4ltnisse gibt es mittlerweile gen\u00fcgend. Je nach Neigung und Vorliebe kann der Leser \/ die Leserin zwischen apokalyptischen Prognosen und Zweckoptimismus w\u00e4hlen. Wie auch die Einsch\u00e4tzungen dieser Studien aussehen, gemein ist ihnen die zentrale Frage nach der Zukunft der Arbeit bzw. Arbeit der Zukunft. Mit dieser Frage ist f\u00fcr viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen eine Angst verbunden: Die konkrete Angst, den Job zu verlieren, durch eine Maschine oder einen Algorithmus ersetzt zu werden.<\/p>\n<p>Diese Angst ist verst\u00e4ndlich, weil das \u201eRecht auf Arbeit\u201c in kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen ein Existenzrecht ist und eine existenzielle Forderung nach einer \u00fcber den Tag hinausgehenden Sicherung des Lebensunterhalts bedeutet.<\/p>\n<h2>Die Maschine als Utopie<\/h2>\n<p>Doch im technischen Fortschritt liegt auch ein Potenzial. Marx sah in der Technik die Chance, die notwendige Arbeit zu verringern und dadurch Emanzipation zu erm\u00f6glichen: \u201eJe mehr die Produktivit\u00e4t der Arbeit w\u00e4chst, um so mehr kann der Arbeitstag verk\u00fcrzt werden\u201c. Maschinen sind deshalb f\u00fcr Marx \u201edas gewaltigste Mittel, die Produktivit\u00e4t der Arbeit zu steigern, d.\u00a0h. die zur Produktion einer Ware n\u00f6tige Arbeitszeit zu verk\u00fcrzen\u201c.<\/p>\n<p>Die Erreichung von Freiheit ist f\u00fcr Marx die gro\u00dfe Chance der Technik: \u201eDas Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und \u00e4u\u00dfere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit bestimmt ist, aufh\u00f6rt\u201c. Technik k\u00f6nne laut Marx so eingesetzt werden, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit, die durch den Menschen verrichtet wird, auf ein Minimum reduziert wird. Dadurch werde ihm ein H\u00f6chstma\u00df an Freiheit und Selbstbestimmung garantiert.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir also aufatmen? Bringt uns die Digitalisierung und ihre starke Automatisierung die Freiheit? Daran darf zu Recht gezweifelt werden.<\/p>\n<h2>Das Produktivit\u00e4tsparadoxon<\/h2>\n<p>Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt. Erst der Gebrauch und Umgang mit neuen Technologien entscheidet \u00fcber ihre Auswirkungen. Man kann deshalb nicht von einer Neutralit\u00e4t der Technik ausgehen. Herbert Marcuse hat im Anschluss an Marx analysiert: \u201eTechnik als solche kann nicht von dem Gebrauch abgel\u00f6st werden, der von ihr gemacht wird; die technische Gesellschaft ist ein Herrschaftssystem, das bereits im Begriff und Aufbau der Techniken am Werk ist\u201c.<\/p>\n<p>Es ist deshalb wichtig zu verstehen, dass die Hoffnung auf und der Einsatz f\u00fcr eine \u201egute Digitalisierung\u201c unweigerlich mit der Kritik und der (zumindest gedanklichen) Losl\u00f6sung von der kapitalistischen Verwertungslogik verbunden sein muss. Sowohl Technikdeterminismus als auch Technikoptimismus sind zur\u00fcckzuweisen. An ihre Stelle muss ein historisches Denken, also die Ber\u00fccksichtigung des gesellschaftlichen Rahmens treten.<\/p>\n<p>Denn es zeigt sich, dass durch die kapitalistische Anwendung von digitaler Technik nicht Herrschaft abgebaut, sondern vielmehr ausgedehnt wird. Auch das hat Marx treffsicher festgehalten: \u201eEs liegt in der Natur des Kapitals, einen Teil der Arbeiterbev\u00f6lkerung zu \u00fcberarbeiten und einen anderen zu verarmen.\u201c Zugespitzt formuliert: W\u00e4hrend sich die Einen heute ins <a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/unsere-arbeit-unsere-zeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Burn-Out<\/a> schuften, werden die Anderen nach dem Credo der <a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/arbeiterinnenbildung-gegenbewegung-zur-entsolidarisierten-leistungsgesellschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leistungsgesellschaft<\/a> zu Sinnlosen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Marx nennt es eine \u201eo\u0308konomische Paradoxie\u201c, dass der verst\u00e4rkte Einsatz von Technik, das \u201egewaltigste Mittel zur Verku\u0308rzung der Arbeitszeit\u201c, unter kapitalistischen Verha\u0308ltnissen, \u201ealle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit fu\u0308r die Verwertung des Kapitals [verwandelt]\u201c. \u201eArbeitet, um noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten: Das ist das unerbitterliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.\u201c<\/p>\n<h2>Eine andere Technik(anwendung)<\/h2>\n<p>Marx hatte gewiss eine freie Gesellschaft als L\u00f6sung f\u00fcr die durch den kapitalistischen Gebrauch von Technik verursachten Probleme im Kopf. Nicht mehr Freizeit, die immer nur eine Seite der Arbeitszeit sein kann, sondern mehr freie Zeit gilt es demnach zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Vieles erscheint heute nicht mehr so klar, wie es zu Marx\u2019 Zeiten der Fall war. Der Arbeitsfetisch und die Ausdehnung des Nutzenkalk\u00fcls auf s\u00e4mtliche Lebensbereiche haben bei allem Elend und aller destruktiven Kraft des Kapitalismus allein die Vorstellung einer anderen Gesellschaft und Welt erschwert.<\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben verschwimmen heute im digitalen Strom zunehmend. Heraklits Formel panta rhei \u2013 \u201ealles flie\u00dft\u201c dient der digitalisierten Gesellschaft als Erfolgsrezept: Alles ist st\u00e4ndig in Bewegung und work is (always) in progress. So wird jede Zeit zur (potenziellen) Arbeitszeit.<\/p>\n<p>Marx\u2019 Erkenntnis, dass der Arbeiter zu Hause ist, wenn er nicht arbeitet und wenn er arbeitet nicht zu Hause ist (was er als Entfremdung bezeichnet hat), gewinnt in der \u201efl\u00fcssigen\u201c (flexiblen) Arbeitswelt an Bedeutung. Ob im Urlaub am Strand, am Wochenende auf dem Sofa, im Krankenstand im Bett \u2013 arbeiten darf bzw. eher muss man heute immer. Aber auch die Grenze zwischen Arbeitskraft und (Privat)Person sowie zwischen Arbeiter\/Arbeiterin und Unternehmer\/Unternehmerin verschwimmen.<\/p>\n<h2>F\u00fcr emanzipatorische Politik<\/h2>\n<p>Es braucht eine andere Gesellschaft, die den Weg weist und zumindest f\u00fcr mehr Verteilung von Arbeit, Zeit und Teilhabe bei gleichzeitiger Reduktion von Sozial- und Gesundheitskosten sorgen kann. Eine emanzipatorische Politik will nutzlose Arbeit vermeiden und die gesellschaftlich sinnvolle und notwendige Arbeit gleich verteilen. In dieser Hinsicht ist Marx\u2019 Kritik ein Wegweiser im Zeitalter der Digitalisierung:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/fortschritt-bedeutet-arbeitszeitverkuerzung-der-ansicht-waren-schon-marx-und-keynes\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arbeitszeitreduktion<\/a><\/li>\n<li>Solidarische <a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/faire-verteilung-der-arbeitszeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verteilung von Arbeit<\/a> (Erwerbs- und Reproduktionsarbeit)<\/li>\n<li>Humanistische Bildung<\/li>\n<li>Gerechte Verteilung der Produktivit\u00e4tssteigerung \/ Digitalisierungsdividende<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie Marx schon feststellte, k\u00f6nnen also technologische Innovationen zur gesellschaftlichen Emanzipation beitragen, solange sie nicht rein nach der Logik des Marktes und der Kapitalvermehrung eingesetzt werden, sondern im Interesse der Allgemeinheit. Daf\u00fcr braucht es eine Utopie, die eine andere Gesellschaft skizziert. Ohne Vision einer anderen Gesellschaft werden wir die gesellschaftlichen Krisen nicht bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Marx mag uns beim Denken helfen. Fangen wir damit an.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dieser Beitrag ist zuerst auf <a title=\"\" href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/mit-marx-ueber-die-digitalisierung-nachdenken\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">blog.arbeit-wirtschaft.at<\/a> erschienen. Er steht unter einer <a title=\"\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Creative-Commons-Lizenz vom Typ\u00a0 Namensnennung &#8211; Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International<\/a> (CC-BY-SA 4.0).<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><small>Bild: eigenes Werk unter Verwendung von lizenzfreien Bildern (Pixabay\/Wikipedia)<\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3806&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3806 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3806')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3806').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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