{"id":3775,"date":"2017-05-25T17:55:54","date_gmt":"2017-05-25T15:55:54","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3775"},"modified":"2019-06-02T18:43:23","modified_gmt":"2019-06-02T16:43:23","slug":"ein-neues-gegenhegemoniales-projekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3775","title":{"rendered":"Ein neues gegenhegemoniales Projekt"},"content":{"rendered":"<h2>Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine neue soziale Grundnorm<\/h2>\n<p><strong>von <a href=\"http:\/\/www.michael-hirsch-archiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michael Hirsch<\/a><\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/35-h.gif\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Ansteckbutton der IG Metall von 1984<\/p><\/div>\n<p>Beim Versuch, nach 30 Jahren neoliberaler Hegemonie einen neuen progressiven Abschnitt der Moderne zu er\u00f6ffnen, steht das fortschrittliche Lager vor zwei Problemen. Zum einen ist da die Verstrickung der Regierungslinken aller L\u00e4nder in die neoliberale Restrukturierung von Staat und Gesellschaft. Zum anderen scheint nicht einmal ann\u00e4hernd eine fortschrittliche gesellschaftspolitische Agenda in Sicht, mit der sich nicht nur progressive Parteien, Bewegungen und Kultureliten, sondern auch die Massen der Bev\u00f6lkerung begeistern lie\u00dfen. Die klassische Formel \u201eSoziale Gerechtigkeit\u201c, die im Wahlkampf 2017 eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen wird als mittlerweile in Misskredit gefallenen Formeln wie Modernisierung, Wachstum und Besch\u00e4ftigung, wird daf\u00fcr nicht ausreichen. Zu sehr ist sie implizit auf die Wiederherstellung vergangener Sicherheiten und Normalit\u00e4tsvorstellungen bezogen. Viele sp\u00fcren, dass es an einem zusammenh\u00e4ngenden linken Narrativ \u00fcber eine bessere Zukunft fehlt. Denn es geht ja nicht nur darum, m\u00f6glicherweise einmal wieder Wahlen zu gewinnen. Es geht auch darum, die Macht im Falle des Erfolgs f\u00fcr ein fortschrittliches Gesellschaftsprojekt zu benutzen. <!--more--><\/p>\n<p>Dazu m\u00f6chte ich einen Teilvorschlag unterbreiten. Er beruht vor allem auf der Wiederbelebung einer arbeitszeitpolitischen Offensive, und operiert mit fortschrittlichen Begriffen von Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t, radikaler Arbeitszeitverk\u00fcrzung und der Teilbarkeit aller Arbeitspositionen. Er zielt letztlich auf einen anderen Arbeitsbegriff und ein anderes Gesellschafts- und Lebensmodell ab. Meine These ist, dass eine der Schl\u00fcsselfragen der Gesellschaft im Zusammenhang von sozialer Frage und Geschlechterfrage liegt. Mein Vorschlag lautet, dass die \u00c4nderung der herrschenden Arbeitszeitnormen, die radikale Verk\u00fcrzung der geltenden Normalarbeitszeiten perspektivisch auf 32, 30, 28, 25 Stunden, ein wichtiges Element der L\u00f6sung dieser Schl\u00fcsselfrage sein k\u00f6nnte. Auf der organisationspolitischen Ebene ginge es hier um ein B\u00fcndnis von Arbeiter- und Frauenbewegung \u2013 die viel zu lange getrennt voneinander, ja gegeneinander operiert haben, und in j\u00fcngerer Zeit beide von Kapital und neoliberalem Staat vereinnahmt wurden im Rahmen des aktuellen Gesellschaftsprojekts von \u201aWachstum und Besch\u00e4ftigung\u2019. Im Rahmen dieses Projekts spielte die Steigerung der weiblichen Erwerbsquote eine herausragende Rolle.<\/p>\n<p class=\"MediaBox-Clearfix\">Eine Politik der radikalen Arbeitszeitverk\u00fcrzung hingegen w\u00e4re in ein ganz anderes Gesellschaftsprojekt eingespannt. Sozialpolitisch und kulturell segelt es unter der Flagge \u201eWeniger arbeiten, damit alle arbeiten, und besser leben k\u00f6nnen\u201c (Andr\u00e9 Gorz). Entscheidend an diesem Programm ist die exakte Verkn\u00fcpfung von sozialpolitischen und gleichstellungspolitischen Forderungen: Es geht nicht nur darum, durch eine Verk\u00fcrzung der Normalarbeitszeiten eine Umverteilung der Erwerbsarbeit zu erreichen, und damit mehr Menschen in regul\u00e4re und ausk\u00f6mmliche Besch\u00e4ftigung zu bringen (<em>mehr soziale Gerechtigkeit<\/em>). Es geht auch nicht nur darum, dadurch ein besseres Leben f\u00fcr alle, mit mehr freier Zeit, Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t, Mu\u00dfe und kulturellen Sinnpotentialen zu erm\u00f6glichen (<em>mehr Lebensqualit\u00e4t<\/em>). Es geht auch darum, die unbezahlte Arbeit im Rahmen von Haushalten und Familien in Zukunft gerecht zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern, allen M\u00e4nnern und Frauen zu verteilen (<em>mehr Geschlechtergerechtigkeit<\/em>).<\/p>\n<p>Emanzipatorische Politik beschr\u00e4nkt sich nie auf materielle Umverteilungen von Beteiligungsrechten und Einkommen. Sie greift immer auch in kulturelle Werte, Anerkennungsmuster und gesellschaftliche Rollenverteilungen ein. War die bisherige Gesellschaft ganz wesentlich auf die unterstellte Normalit\u00e4t des Lebens des m\u00e4nnlichen Vollzeiterwerbst\u00e4tigen zugeschnitten, welcher von unbezahlten Aufgaben im Rahmen von Haushalts-, Erziehungs- und Sorgearbeit wesentlich freigestellt ist, so wird die zuk\u00fcnftige Gesellschaft auf der prinzipiellen Zust\u00e4ndigkeit aller Gesellschaftsmitglieder f\u00fcr sowohl Erwerbs- wie Haus- und Familienarbeit gegr\u00fcndet. F\u00fcr diese neue Etappe der Geschlechtergleichheit gilt das Motto: Die Frauenfrage ist eine M\u00e4nnerfrage.<\/p>\n<h3>Geschlechtergerechtigkeit durch Verringerung m\u00e4nnlicher Erwerbsbeteiligung<\/h3>\n<p>Dies w\u00fcrde bedeuten, dass es in Zukunft nicht mehr um spezielle Ausnahmen und Sonderrechte f\u00fcr Frauen, allgemeiner, f\u00fcr Menschen mit eingeschr\u00e4nkter Verwendbarkeit ihrer Arbeitskraft aufgrund famili\u00e4rer Betreuungsaufgaben gehen kann. Vielmehr greifen wir die Institution geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung als ganze an: Gender als Strukturprinzip der sozialen Organisation. S\u00e4mtliche Arbeitspositionen (auch die qualifizierten!) m\u00fcssten dann prinzipiell mit dauerhaften Arbeitsverpflichtungen in Haushalt und Familie vereinbar, das hei\u00dft mit erheblich reduzierten Arbeitszeiten verbunden sein. Geschlechtergleichheit wird es in Zukunft nicht mehr durch die Steigerung der weiblichen Erwerbsbeteiligung geben k\u00f6nnen, sondern nur noch durch die Verringerung der m\u00e4nnlichen.<\/p>\n<p>Es handelt sich bei diesem Reformvorschlag um einen Eingriff nicht nur in die bestehenden (staatlichen wie privatwirtschaftlichen) Tarifnormen, sowie in die staatlichen Sozialversicherungssysteme (welche heute noch diejenigen, die nicht Vollzeit arbeiten, zur Altersarmut verdammen). Es handelt sich auch um einen Eingriff in die symbolische Ordnung der Gesellschaft: in die Normalit\u00e4tskonstruktionen des Lebens. Anders gesagt, es handelt sich um eine folgenschwere <em>Rekonfiguration des Normalen<\/em>. Es ist dies die Eigenart sozialer Normen in ihrer nicht nur allgemeinen symbolischen Bedeutung, sondern auch in ihrer Gewalt der zeitlichen Strukturierung des Lebens: dass sie letztlich \u00fcber die konkreten Formen der Organisation des Alltags entscheiden, und damit zugleich \u00fcber soziale Rollen- und Anerkennungsmuster. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der unsere Gesellschaft aller Aufkl\u00e4rung und allen Lippenbekenntnissen zum Trotz den Begriff Arbeit immer noch prim\u00e4r mit bezahlter Erwerbsarbeit verbindet, deutet darauf hin. Das emanzipatorische Projekt, das hier skizziert wird, visiert insofern zugleich eine umfassende Restrukturierung des Alltags und eine Umwertung aller Werte. Im Rahmen dieses Programms verlieren auch die traditionell als \u201eweiblich\u201c konnotierten Arbeiten den inferioren, der Reproduktion der Arbeitskraft blo\u00df dienenden Charakter.<\/p>\n<h3>Eine neue soziale Grundnorm<\/h3>\n<p>Mit der Forderung einer radikalen Verk\u00fcrzung der Normalarbeitszeit richten wir eine neue soziale Grundnorm auf. Sie strahlt ebensosehr in die tariflichen Auseinandersetzungen der Gewerkschaften ab (in der Privatwirtschaft ebenso wie im \u00d6ffentlichen Dienst), wie in die konkreten Lebensformen aller Einzelnen. Die durch solche Arbeitszeitreduktionen gewonnene freie Zeit st\u00fcnde dann allen, M\u00e4nnern wie Frauen, zur Verf\u00fcgung, um ihre Lebensverh\u00e4ltnisse frei zu gestalten und die in ihrem Rahmen anfallenden Arbeiten fair aufzuteilen. Die Lohnarbeit w\u00fcrde dann ihre kulturelle Hegemonie verlieren, ihren kulturell herausragenden Stellenwert \u2013 eine Hypothese, vor welcher der gegenw\u00e4rtig dominierende rechte Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung ebenso zur\u00fcckschreckt wie der liberale, in den Staatsapparaten bislang dominierende Teil der Frauen- und Gleichstellungsbewegung: Beide sind der maskulinen Bedeutungs\u00f6konomie zutiefst verhaftet. Die einen, weil es sich um ihr angestammtes Revier handelt; die anderen, weil sie davon tr\u00e4umen, in dieses Revier einzubrechen. Insofern ist es eine der Schl\u00fcsselfragen progressiver linker Politik, ob die fortschrittlichen Teile der Arbeiter- und Frauenbewegung wieder an St\u00e4rke gewinnen, und sich im Namen eines gemeinsamen Emanzipationsprojekts miteinander verb\u00fcnden k\u00f6nnen. Aus meiner Sicht l\u00e4ge hier der Schwerpunkt einer neuen linken Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Eine emanzipatorische Rekonfiguration des Normalen zielt auf eine radikale Reorganisation des Alltags ab. Sie bricht mit der maskulinen Bedeutungs\u00f6konomie und ihrem\u00a0 Glauben an den symbolischen Vorrang der Lohnarbeit vor anderen sozialen T\u00e4tigkeiten. Sie zielt auf ein ganz anderes Leben ab; eines, das nicht mehr den Erfordernissen des Arbeitsmarktes und der Reproduktion der Arbeitskraft auf immer h\u00f6heren Stufen unterworfen w\u00e4re. Sie bricht damit aber auch mit dem industriegesellschaftlichen Dual von Lohnarbeit und Familie. Es w\u00e4re nur die H\u00e4lfte der Emanzipation, wenn die durch allgemeine Arbeitszeitverk\u00fcrzung gewonnene freie Zeit mehr oder weniger komplett f\u00fcr Haushalt und Familie verausgabt werden m\u00fcsste. Die Erk\u00e4mpfung neuer, emanzipierter Rollenmodelle in Geschlechter- und Paarbeziehungen steht immer in der Gefahr, einer spie\u00dfigen Ideologie der Familie als n\u00fctzlicher sozialer, demografischer und moralischer Funktion der Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Die andere H\u00e4lfte der Befreiung ist daher die Befreiung des Lebens insgesamt aus seiner der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion dienenden Rolle. Es geht also nicht nur darum, dass soziale Gleichheit und Geschlechtergleichheit verwirklicht werden. Sondern es geht darum, dass wir alle in die Lage kommen, ein anderes, freies Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dieser Beitrag ist zuerst ver\u00f6ffentlicht worden in der <\/em><a title=\"\" href=\"http:\/\/www.prager-fruehling-magazin.de\/de\/article\/1348.ein-neues-gegenhegemoniales-projekt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>April-Ausgabe des &#8220;prager fr\u00fchling&#8221;<\/em><\/a>.<\/p>\n<p><em>Dr. phil. habil. Michael Hirsch (* 1966), Philosoph und Politikwissenschaftler, Privatdozent f\u00fcr Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universit\u00e4t Siegen. Er lebt als freier Autor und Dozent im Bereich politische Bildung in M\u00fcnchen.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein 2013 erschienenes Manifest \u201cWarum wir eine andere Gesellschaft brauchen!\u201d haben wir <a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1645\">hier bereits vorgestellt<\/a>. Zuletzt ver\u00f6ffentlichte er die B\u00fccher \u201eSymbolische Gewalt. Politik, Macht und Staat bei Pierre Bourdieu&#8221; (2017, herausgegeben zusammen mit R. Voigt) und \u201eDie \u00dcberwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit&#8221; (2016).<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquelle: <a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Auseinandersetzungen_um_die_35-Stunden-Woche#\/media\/File:35-h.gif\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wikipedia<\/a> |<a title=\"\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span class=\"cc-license-identifier\">CC BY-SA 3.0<\/span><\/a><\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3775&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3775 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3775')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3775').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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