{"id":3543,"date":"2017-01-29T14:24:20","date_gmt":"2017-01-29T13:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3543"},"modified":"2017-01-30T07:02:19","modified_gmt":"2017-01-30T06:02:19","slug":"die-neoliberale-invasion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3543","title":{"rendered":"Die neoliberale Invasion"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Geld.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Geld.jpg\" width=\"480\" height=\"320\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Ren\u00e9 Gademann<\/p><\/div>\n<h4>Von <a title=\"\" href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\" target=\"_blank\">Jens Wernicke<\/a><\/h4>\n<p>Wieso ist der <a title=\"\" href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\" target=\"_blank\">Neoliberalismus<\/a> seit fast 50 Jahren so wirkm\u00e4chtig? Eine m\u00f6gliche Antwort auf diese Frage hat Edward L. Bernays bereits vor fast einem Jahrhundert <a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Propaganda_%28Buch%29\" target=\"_blank\">formuliert<\/a>: \u201eDie bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abl\u00e4ufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie geh\u00f6rt haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken. Doch das ist nicht \u00fcberraschend, dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie.\u201c L\u00e4sst sich mit dieser Sicht aus der Perspektive der PR die Wirkweise des Neoliberalismus und seines Netzwerkes erkl\u00e4ren? Welche Ziele hat der Neoliberalismus, wer unterst\u00fctzt ihn und wie wurde die politische Landschaft gepr\u00e4gt? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Sebastian M\u00fcller<\/strong>, Herausgeber des Mehrautorenblogs <a title=\"\" href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/\" target=\"_blank\">le Boh\u00e9mien<\/a>, der die neoliberale Invasion seit Langem kritisch begleitet und analytisch seziert. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr M\u00fcller, gerade erschien Ihr Buch \u201e<a href=\"http:\/\/mediashop.at\/buecher\/der-anbruch-des-neoliberalismus\/\" target=\"_blank\">Der Anbruch des Neoliberalismus. Westdeutschlands wirtschaftspolitischer Wandel in den 1970er-Jahren<\/a>\u201c, mit dem Sie die Urspr\u00fcnge einer inzwischen hegemonialen Gesellschaftsideologie beleuchten. Warum dieses Buch? Was ist Ihre Intention?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee zu diesem Buch entstand damals im Rahmen meiner Magisterarbeit. Dort setzte ich mich mit der Geschichte des Neoliberalismus, die mich seit den Agenda-Reformen durch Rot-Gr\u00fcn ohnehin schon immer interessierte, intensiv auseinander. Meine Motivation war es, zu verstehen, wie und warum es passieren konnte, dass eine sozialdemokratische Partei sich derart selbst verr\u00e4t. Mich interessierten die Urspr\u00fcnge des Ganzen.<\/p>\n<p>Da ich mich insbesondere auf die Entwicklungen in der BRD der 1970er Jahre fokussierte, fiel mir auf, wie vergleichsweise wenig hierzulande die sogenannte neoliberale \u201eKonterrevolution\u201c, gemessen am angels\u00e4chsischen Raum, beleuchtet ist. Das ist aber relevant, um etwa die dogmatische Wirtschaftspolitik Deutschlands, gerade in Hinblick auf die Eurokrise, begreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was genau ist denn \u201eder Neoliberalismus\u201c? Stimmen Sie David Harvey zu, der etwa meint, es handele sich um eine Ideologie, die prim\u00e4r der Privilegien- und Profitsicherung der Reichen weltweit diene \u2013 und die alle andere als unwissend weltweit Opfer fordere? Sozusagen also um die ideologisch-moralische Blaupause zur Entfesselung eines ungehinderten Kapitalismus, dem Demokratie und Menschenrechte endlich immer weniger im Wege stehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, was Neoliberalismus ist, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat mehrere Gr\u00fcnde. Erstens die Genese des Begriffs zu einem allgemeinen Kampfwort, zweitens die Heterogenit\u00e4t des Neoliberalismus selbst. Und drittens, dass auch er sich mit der Zeit \u201emarktradikalisiert\u201c hat.<\/p>\n<p>Der Politologe J\u00fcrgen Nordmann hat einmal treffend darauf hingewiesen, dass unklar ist, \u201eob es sich beim Neoliberalismus um Ideologie, einen Denkstil, eine Theorie, eine wirtschaftswissenschaftliche Schule, einen Regierungsstil oder eine Gesellschaftsphilosophie handelt\u201c \u2013 wahrscheinlich alles in einem, so sein Schluss. Und er hat recht, denn heute ist der Neoliberalismus ein Projekt der radikalen Umw\u00e4lzung der menschlichen Ordnung unter rein \u00f6konomischen Kriterien, das sich zwangsl\u00e4ufig auf staatliche Ma\u00dfnahmen st\u00fctzen muss.<\/p>\n<p>Dass das Ph\u00e4nomen \u201eNeoliberalismus\u201c so schwer zu greifen ist, merkt man allein schon daran, dass die meisten heute schon gar nicht mehr wissen, dass sie selbst neoliberal denken. Sprich, viele Facetten des Neoliberalismus wirken auch f\u00fcr das ganz normale B\u00fcrgertum, selbst f\u00fcr Linke, attraktiv. Stichwort \u201eSelbstverwirklichung\u201c, \u00dcberwindung von Grenzen, Staatsskepsis, \u201ealternative Lebensentw\u00fcrfe\u201c. Wobei das Letztere meist nur eine konsumistische Selbstt\u00e4uschung ist.<\/p>\n<p>Aber ja, w\u00fcrde man Hayeks und Friedmans Vorstellungen von der \u201eInformationsgewalt\u201c des Marktes sozusagen auf dem Rei\u00dfbrett verwirklichen k\u00f6nnen, w\u00fcrden dem Demokratie und Menschenrechte in letzter Konsequenz im Weg stehen. In Chile war das unter Pinochet, im \u00dcbrigen mit expliziter Guthei\u00dfung und Beratung von Friedman und Hayek, deutlich zu sehen. F\u00fcr sie war Chile in der Tat so etwas wie ein Experiment, eine Blaupause.<\/p>\n<p>Leider gibt es seit Mitte der 1970er Jahre auch in den westlichen Industrienationen Entwicklungen, die die Demokratie samt ihrem sozialen Fundament zunehmend erodieren lassen. Man darf aber nicht denken, die Geschichte w\u00e4re seitdem nur nach einem neoliberalen Drehbuch verlaufen.<\/p>\n<p><strong>Wie genau kam diese Ideologie in die Welt?<\/strong><\/p>\n<p>Der Neoliberalismus entstand als Antwort auf den im Zuge der Ersten Weltwirtschaftskrise gescheiterten Wirtschaftsliberalismus und den in Folge darauf aufkommenden Faschismus in Europa. Der Liberalismus als Ganzes steht, wie es Jean-Claude Mich\u00e9a sagt, im \u201eKontext des westlichen Projekts der Moderne\u201c. Und der Neoliberalismus ist dessen konsequente Fortf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei zu verstehen, was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt: Die Lehre der Neoliberalen aus der Wirtschaftskrise war einerseits, dass der Laissez-faire-Kapitalismus nicht funktionierte. Sie erkannten, dass man den Staat als Ordnungsrahmen f\u00fcr die Wirtschaft ben\u00f6tigte, um einen funktionierenden Wettbewerb zu gew\u00e4hrleisten und zu organisieren. Darin waren sich alle Str\u00f6mungen des heterogenen Neoliberalismus einig. Alexander R\u00fcstow sprach diesbez\u00fcglich von einem \u201eliberalen Interventionismus\u201c \u2013 keinem <em>sozialen<\/em> also. Man wollte erkennen, \u201ebis wohin sich die politische und soziale Informationsgewalt der Marktwirtschaft erstrecken kann\u201c, um in den Worten Foucaults zu sprechen. Die Neoliberalen sahen das Problem des gescheiterten Wirtschaftsliberalismus also darin, dass er nicht institutionalisiert gewesen war.<\/p>\n<p>Andererseits aber charakterisiert sich der Neoliberalismus aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus durch eine ausgesprochene Staatsphobie. Zumindest dann, wenn der Staat wohlfahrtsstaatliche Elemente beinhalten sollte. Das w\u00e4re, wie Hayek schrieb, der \u201eWeg zur Knechtschaft\u201c. Und er meinte damit vor allem Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern vor allem Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Die wirtschaftspolitische Entwicklung in Deutschland ab Mitte der 1960er-Jahre hielt Hayek f\u00fcr zu interventionistisch. Anl\u00e4sslich der deutschen Ausgabe seines Buchs \u201eDer Weg zur Knechtschaft\u201c von 1971 warnte er vor sozialistischen Tendenzen in der Bundesrepublik. Im Grunde lehnte er schon den Begriff der \u201eSozialen Marktwirtschaft\u201c ab und alles, f\u00fcr was das Adjektiv stand.<\/p>\n<p>Vor allem hatte Hayek das deutsche Rentensystem im Fokus, dass nach der Rentenreform 1957 umlagefinanziert war und so erhebliche Rentensteigerungen generieren konnte. Seiner Ansicht nach aber w\u00fcrde der Wunsch nach \u201esozialer\u201c Korrektur der Marktprozesse im Kern den gesamten Rechtsstaat gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Hier rekurrierten Hayek und die Neoliberalen immer wieder auf den Wirtschaftsinterventionismus im Nationalsozialismus. Und nicht nur an dieser Stelle gibt es auch \u00dcberschneidungen mit der linken bzw. marxistischen Kritik des Wohlfahrtsstaates. Im Grunde ist das ein Erbe Hayeks, das bis heute \u00fcberlebt hat und nicht zuletzt in der Rentenreform von Rot-Gr\u00fcn wieder zum Ausdruck kam: Statt einer staatlichen Altersvorsorge setzt man auf eigenverantwortliche Kapitalbildung. Das ist insofern interessant und auch ein Widerspruch in Hayeks Agitation, da es die Nationalsozialisten waren, die damals das umlagefinanzierte zugunsten eines kapitalgedeckten Systems zerschlugen.<\/p>\n<p><strong>Und wie ist nun der Aufstieg einer offensichtlich absurden und gef\u00e4hrlichen Ideologie sozusagen vom gesellschaftlichen Rand hin zu h\u00f6chsten akademischen und politischen Weihen zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>So \u201eabsurd und gef\u00e4hrlich\u201c schien der Neoliberalismus anfangs ja gar nicht. Vielmehr sollte er der Gegenentwurf einer totalit\u00e4ren Gesellschaft sein. Und \u201eoffensichtlich\u201c ist derlei ganz sicher nicht, schlie\u00dflich wirken seine wirtschaftlichen Lehren heute immer noch f\u00fcr eine Mehrheit der Menschen bewusst oder unbewusst \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Machen Sie etwa mal eine Umfrage zur \u201eSchuldenbremse\u201c in Deutschland. Ich garantiere Ihnen, f\u00fcr die Idee von weniger Schulden und einem ausgeglichenen Haushalt kriegen sie absolute Mehrheiten. F\u00fcr mehr \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c sowieso. All das klingt selbstverst\u00e4ndlich und wird kaum hinterfragt.<\/p>\n<p>Aber, wie gesagt: Der Neoliberalismus ist weit mehr als ein wirtschaftliches Programm. Zentrum des Diskurses, der sein Entstehen begleitete, war dabei die sogenannte Mont P\u00e8lerin Society, die 1947 gegr\u00fcndet wurde. Ihr Ziel war es, \u00fcber die Gr\u00fcndung von internationalen Think-Tanks und Fakult\u00e4ten die neoliberalen Ideen \u00fcber die ganze Welt zu verbreiten und in die politischen Institutionen zu tragen. Als es dann nach Jahrzehnten der Prosperit\u00e4t weltweit zum ersten Mal zu einer handfesten Rezession kam, war f\u00fcr die Neoliberalen dann die Zeit gekommen.<\/p>\n<p><strong>Think Thanks und anderes gr\u00fcnden sich ebenso wenig von allein oder ohne Geld, wie sich Ideen von sich aus einfach so \u201e\u00fcber die Welt verbreiten\u201c. Wer finanzierte diese Mont P\u00e8lerin Society und welche Interessen verbanden sich damit?<\/strong><\/p>\n<p>Der Neoliberalismus hatte, als deutlich wurde, dass die Profitrate kontinuierlich sank, einen wesentlichen Vorteil, n\u00e4mlich die vermeintliche Kompatibilit\u00e4t mit den Interessen der Unternehmer und Konzerne. Doch auch vorher gab es vor allem in den USA, wo schnell Widerstand gegen die progressive Politik von Theodor und dann Franklin D. Roosevelt entstand, Unterst\u00fctzung vom Gro\u00dfkapital.<\/p>\n<p>In den USA hatte etwa Walter Lippmann, der gegen den New Deal Roosevelts anschrieb, enge Kontakte zu J. P. Morgan. Und das \u201eInstitut Universitaire de Hautes \u00c9tudes Internationales\u201c in Genf wurde von der Rockefeller Foundation finanziell getragen. Es bot in den ersten Jahrzehnten einer Vielzahl der sp\u00e4teren Neoliberalen Dozentenstellen, Forschungsauftr\u00e4ge und Vorlesungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Davon profitierten neben Hayek auch andere Vordenker wie Fritz Machlup, Ludwig von Mises oder Wilhelm R\u00f6pke. Zudem wurde 1946 die \u201eFoundation for Economic Education\u201c gegr\u00fcndet und vom Fonds des M\u00f6belmoguls William Volker unterst\u00fctzt. Zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern geh\u00f6rte unter anderem auch der Vize-Vorsitzende von General Motors.<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschland ist eine Episode ganz entscheidend: Als die Unternehmerverb\u00e4nde in Deutschland in den 70er Jahren begannen, den Neoliberalismus in ihre PR- und Politik-Strategie einzubinden und damit eine versch\u00e4rfte Agitation gegen die Gewerkschaften und den Sozialstaat einherging, war das auch das Ende der korporatistischen Politik und der sogenannten \u201eKonfliktpartnerschaft\u201c, die die Bundesrepublik so lange pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>In dieser Zeit begann eigentlich erst die moderne PR. N\u00e4mlich eine immer besser funktionierende Verklammerung der \u00c4u\u00dferungen von Unternehmerverb\u00e4nden, Parteipolitikern, Presseorganen und Wissenschaftlern. Pl\u00f6tzlich kamen Parolen auf wie \u201ebraun gleich rot\u201c, es war von \u201egewerkschaftlicher Machtergreifung\u201c die Rede, und die gewerkschaftliche Mitbestimmung in den Unternehmen wurde gemeinhin als Variante von Totalitarismus und Kommunismus verteufelt.<\/p>\n<p>Diese sp\u00e4ter \u00e4hnlich von Margaret Thatcher angewandte Strategie, die Gewerkschaften in die Rolle der Gefahr f\u00fcr Grundgesetz, Freiheit und Demokratie zu dr\u00e4ngen, erkannte der damalige Gewerkschaftsf\u00fchrer Oskar Vetter auch ganz richtig als eine \u201eGrundlage im Lehrgeb\u00e4ude des Neoliberalismus\u201c. Gleichzeitig diente letzter als Aufarbeitung eines Theoriedefizits der Unternehmerverb\u00e4nde und des Konservatismus.<\/p>\n<p><strong>Und wie konkret geschah diese Verbreitung der eigenen Ideen dann genau?<\/strong><\/p>\n<p>Die gezielte Etablierung neoliberaler Ideenwelten geschah \u00fcber ein exklusives, aber breites und heterogenes Netzwerk aus liberalen \u00d6konomen, Journalisten, Philosophen etc. Darin war man langfristig au\u00dferordentlich erfolgreich, auch wenn man bis in die 1960er Jahre hinein mit Forderungen wie nach freien Wechselkursen und Kapitalverkehr wenig anfangen konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die politischen Eliten war so etwas zu diesem Zeitpunkt noch radikal! Es war also ein Prozess hartn\u00e4ckiger \u00dcberzeugungsarbeit, Einflussnahme und eines wissenschaftlichen \u201ebattle of ideas\u201c.<\/p>\n<p>Hayek und andere wichtige Exponenten dieses Kampfes habe ich bereits genannt. Und f\u00fcr den nord- und s\u00fcdamerikanischen Raum hatte sich die Chicago School unter dem umtriebigen Milton Friedman hervorgetan. In Deutschland waren Leute wie Herbert Giersch oder Karl Brunner wichtig. Nat\u00fcrlich waren alle fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch MPS-Mitglieder. Entscheidend aber ist das personelle und institutionelle Netzwerk, durch das die neoliberalen Theorien zirkulierten und Verbreitung fanden. So wurde die Grundlage f\u00fcr den sp\u00e4teren Siegeszug geschaffen.<\/p>\n<p><strong>Sie sagten vorhin, neoliberales Gedankengut sei oftmals auch f\u00fcr Linke und Gr\u00fcne attraktiv. Was meinen Sie genau? Und vor allem: Sind inzwischen also fast alle Theorie- und Gedankengeb\u00e4ude, fast alle Institutionen im Land mit neoliberalem Gedankengut infiltriert?<\/strong><\/p>\n<p>Die wesentlichen Institutionen wie die Wirtschaftsinstitute, der Sachverst\u00e4ndigenrat, die Wirtschaftsfakult\u00e4ten, die Bundesbank, das Finanz- und Wirtschaftsministerium durchaus. Habe ich etwas vergessen? Mehr oder weniger preisen sie alle die gleichen Konzepte. Und wenn sie sich widersprechen, existiert doch ein gewisser Grundkonsens.<\/p>\n<p>Der existiert sogar in wesentlichen Fragen mit den Linken und Gr\u00fcnen. Zum Beispiel, was die Globalisierung betrifft. Die vier Grundfreiheiten etwa wird kein Linksliberaler in Frage stellen. Das ist auch Kultur, Lifestyle und Selbstverwirklichung, die vermeintliche Autonomie des Individuums. Die Neoliberalen wollen vor allem den freien Verkehr von Kapital, Linke und Gr\u00fcne den von Personen. Beides h\u00e4ngt untrennbar miteinander zusammen und erg\u00e4nzt sich damit nat\u00fcrlich gut. Selbst wenn die Personen, die einmal die traditionelle Klientel der Sozialdemokratie waren, am wenigsten davon profitieren.<\/p>\n<p>Dann die grundlegende Staatsskepsis. Schon die Wortf\u00fchrer der Studentenbewegung zeigten eine ostentative Abneigung gegen den Staat und seine Institutionen, forderten gleichzeitig aber soziale \u201eRechte\u201c. Bis heute begreift man nicht, dass beides, soziale Rechte und Demokratie, ohne den Nationalstaat nicht zu machen sind. Damit geht die Linke den Neoliberalen auf den Leim, die den Nationalstaat in gewisser Weise auch \u00fcberwinden, zumindest aber auf seine Funktion f\u00fcr den Markt beschr\u00e4nken wollen.<\/p>\n<p>Der Entwicklungs\u00f6konom Dani Rodrick nennt genau das das \u201epolitische Trilemma der Weltwirtschaft\u201c: Man kann nicht gleichzeitig Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung betreiben. Da aber die Linke und der Neoliberalismus, zutiefst traumatisiert, gleicherma\u00dfen in nationaler Selbstbestimmung fortw\u00e4hrend den Faschismus schlummern sehen, ist klar, wohin die Reise gehen soll. Doch die Globalisierung ist ein Elitenprojekt.<\/p>\n<p>Ich glaube, hier liegt der Kern dieser seltsamen und teils unbewussten Allianz. Indem sich die Linke von dem staatskritischen Freiheitsdiskurs des Neoliberalismus hat infizieren lassen, \u00fcberl\u00e4sst sie ein weites Terrain, dass die ma\u00dfgeblichen republikanischen Fragen von Identit\u00e4t, Gemeinschaft, Mitbestimmung und sozialer Gerechtigkeit umspannt, kampflos den Rechten. Doch das ist gef\u00e4hrlich. Denn es \u00f6ffnet die Tore f\u00fcr einen g\u00e4nzlich neuen Totalitarismus. Den Totalitarismus des Marktes.<\/p>\n<p><strong>Worum geht es den Neoliberalen heute in Deutschland? Und wie organisieren sich die Neoliberalen heute; gibt es noch spezielle Machtzirkel, deren Wirken man diesbez\u00fcglich besonders im Auge haben muss?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Frage, die in die Irre f\u00fchrt. Wenn es eindeutige Machtzirkel g\u00e4be, k\u00f6nnte man sie bek\u00e4mpfen. Doch der Neoliberalismus ist l\u00e4ngst Allgemeingut. Er ist \u00fcberall. Das ist das Totalit\u00e4re. In den Institutionen, in den Parteien, den K\u00f6pfen, sowohl bei den Linken als auch bei den Rechten. Das ist das Ergebnis des Siegeszuges, von dem ich gesprochen habe \u2013 der Marsch in die Institutionen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es offensichtliche Agitatoren, wie etwa die von den Unternehmerverb\u00e4nden finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und andere mittlerweile zahllose Stiftungen und Think-Tanks. Doch der Neoliberalismus bzw. eine neoklassische Interpretation der Wirtschaftswissenschaft ist seit den 70er Jahren auch das Dogma im Sachverst\u00e4ndigenrat, den Wirtschaftsressorts der Leitmedien und den Wirtschaftsprogrammen fast aller etablierten Parteien. Er wird im Schulunterricht gelehrt. Und es gibt kaum ein Wirklichkeitsfragment mehr, das ohne neoliberale Pr\u00e4gung geschrieben wird.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus bestimmt bewusst oder unbewusst unser Denken, sei es in sozialen Beziehungen, in unserem Werteverst\u00e4ndnis und unserer Lebensplanung. Das ist es, was ich unter dem westlichen Projekt der Moderne verstehe.<\/p>\n<p><strong>Was also k\u00f6nnen wir gegen diese neoliberale Offensive tun? Was raten Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine sehr gute Frage. Umso schwieriger ist es, sie zu beantworten. Um ehrlich zu sein, bin ich aus den oben geschilderten Gr\u00fcnden pessimistisch. Man br\u00e4uchte eine neue <em>Utopie<\/em>, eine neue positive Erz\u00e4hlung, die Hoffnung macht, der man folgen will. Dazu geh\u00f6rt auch ein anderes \u00f6konomisches Denken, wirtschaftliche Bildung schon in den Schulen und kritische Medien.<\/p>\n<p>Doch hier bei\u00dft sich die Katze in den Schwanz. Denn bereits in den ersten VWL-Semestern bekommt man die Neoklassik eingebl\u00e4ut. Es gibt zwar interessante \u00f6konomische Alternativen, aber sie fristen ein Schattendasein. Wer eine akademische Karriere machen will, kommt mit Ans\u00e4tzen, die die herrschende Lehre infrage stellen, nicht weit. In der Schule sorgt die <em>Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/em> f\u00fcr ausreichend \u201eBildungsmaterial\u201c. Und aufgrund des Zustandes der etablierten Medien gibt es ja die NachDenkSeiten.<\/p>\n<p>Zwar sp\u00fcren die Menschen, dass etwas schiefl\u00e4uft, das zeigen ja auch die Wahlergebnisse, doch sie wissen nicht, was. Meines Erachtens befinden wir uns in der westlichen Welt auch in einer intellektuellen und kulturellen Krise, die eine direkte Folge der Reduzierung von allem und jedem auf die Verwertbarkeit und den \u00f6konomischen Nutzen ist.<\/p>\n<p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht stehen wir dennoch vor einem Paradigmenwechsel. Der Rechtspopulismus, der Brexit und Trump sind deutliche Indizien f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Trotz der medialen und akademischen Deutungshoheit kommen die globalistische Agenda, der Washington Konsensus und die Alternativlosigkeit ins Wanken.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus k\u00f6nnte also tats\u00e4chlich gerade in die Defensive geraten. Allerdings nicht von links, sondern von rechts. Wie \u00fcbrigens immer in der Geschichte, wenn die b\u00fcrgerlichen und sozialdemokratischen Parteien versagten. Wir gestalten den Wandel nicht mehr, er geschieht mit uns \u2013 und der Ausgang ist aktuell ungewiss.<\/p>\n<p><strong>Ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr \/>\n<\/div>\n<p><em><strong>Sebastian M\u00fcller<\/strong>, geboren 1980, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik an der TU Darmstadt. Als freier Autor besch\u00e4ftigt er sich insbesondere mit den Wechselwirkungen von \u00d6konomie und Gesellschaft sowie Wirtschaftsgeschichte. Seit 2009 betreibt er in diesem Kontext den Mehrautorenblog <a title=\"\" href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/\" target=\"_blank\">le Boh\u00e9mien<\/a> und arbeitet seit 2016 als Redakteur f\u00fcr <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/\" target=\"_blank\">Makroskop<\/a> unter Heiner Flassbeck.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Das Interview erschien zuerst auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36299\" target=\"_blank\">NachDenkSeiten<\/a> und steht unter <a title=\"Externer Link zu Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/de\/\" target=\"_blank\">Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial<\/a>.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquelle: <a title=\"Ren\u00e9 Gademann | Flickr\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/bw14\/\" target=\"_blank\">Ren\u00e9 Gademann<\/a> |<a title=\"Creative Commons \u2014 Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-NC-ND 2.0<\/a><\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3543&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3543 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3543')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3543').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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Eine m\u00f6gliche Antwort auf diese Frage hat Edward L. Bernays bereits vor fast einem Jahrhundert formuliert: \u201eDie bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abl\u00e4ufe. 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