{"id":3073,"date":"2016-04-12T11:25:50","date_gmt":"2016-04-12T09:25:50","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3073"},"modified":"2017-05-25T17:17:37","modified_gmt":"2017-05-25T15:17:37","slug":"apologie-der-arbeitsgesellschaft-wie-staat-und-industrie-fluechtlingspolitik-als-gesellschaftspolitik-betreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3073","title":{"rendered":"Apologie der Arbeitsgesellschaft: Wie Staat und Industrie Fl\u00fcchtlingspolitik als Gesellschaftspolitik betreiben"},"content":{"rendered":"<p><strong>von <a href=\"http:\/\/www.michael-hirsch-archiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michael Hirsch<\/a><\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Foto_MHirsch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Foto_MHirsch.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"360\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Michael Hirsch, Foto: privat<\/p><\/div>\n<p>Die ideologische Konstellation in der innenpolitischen Fl\u00fcchtlingsdebatte ist bemerkenswert: dem Wunsch des konservativen und rechtspopulistischen Lager nach einer Begrenzung des Zustroms scheint bisher ein \u00fcberw\u00e4ltigender Konsens zwischen dem b\u00fcrgerlich-liberalen, linksliberalen und linken Lager gegen\u00fcberzustehen. Hier wird f\u00fcr eine Beibehaltung der bisherigen Politik und f\u00fcr eine Forcierung der sogenannten Willkommenskultur pl\u00e4diert. Dabei geht es um rechtsstaatliche und zivilisatorische Standards der Aufnahme und sozialen Integration von Fl\u00fcchtlingen in die deutsche Gesellschaft. Besonders bemerkenswert ist hier die Position der deutschen Industrie. Die Spitzenverb\u00e4nde der Unternehmerschaft haben sich bisher fast einhellig hinter die Bundesregierung gestellt. Es geht um frisches Blut, um frische Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr den deutschen Arbeitsmarkt. Und es geht um \u00c4nderungen in der bestehenden Fl\u00fcchtlings- und Asylpolitik: Die neu Eingewanderten sollen m\u00f6glichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden, m\u00f6glichst schnell aus den Transitzonen \u00fcberf\u00fcllter Notunterk\u00fcnfte in die normalen Wohngebiete der Mehrheitsgesellschaft umziehen. <!--more--><\/p>\n<p>Dahinter steckt dasselbe Gesellschaftsmodell und dieselbe Sozialphilosophie wie schon hinter den Hartz-Reformen und der ganzen Agenda 2010: Deutschland ist eine Lohnarbeitsgesellschaft, und die einzig anerkannte Form sozialer Integration ist diejenige in den Arbeitsmarkt. Diese Sozialphilosophie hat in Deutschland die massenhafte Niedriglohnarbeit salonf\u00e4hig gemacht. Was die Agenda 2010 mit den Einheimischen versucht hat, soll nun also auch mit den Einwanderern passieren: die m\u00f6glichst schnelle und m\u00f6glichst unb\u00fcrokratische Integration in den Arbeitsmarkt \u2013 auch zu niedrigen L\u00f6hnen, die dann eben staatlich aufgestockt werden. Nicht einmal im Ansatz m\u00f6chten die meinungsbildenden Medien die Frage diskutieren, was die vielen Fremden und Fl\u00fcchtlinge hier tun sollen und k\u00f6nnen. Denn dann m\u00fcssten wir uns fragen, ob unser herrschendes Gesellschaftsmodell die Menschen nicht viel zu einseitig und viel zu riskant auf eine einzige, arbeitsgesellschaftliche Identit\u00e4t festlegt.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Doktrin der Lohnarbeitsgesellschaft ist das Entstehen von sogenannten Parallelgesellschaften unvermeidlich \u2013 und zwar von Ausl\u00e4ndern wie Inl\u00e4ndern gleicherma\u00dfen. Das Herabsinken unter das Niveau subsistenzsichernder Lohnarbeit aber katapultiert jeden Arbeitnehmer aus der Mehrheitsgesellschaft heraus und in ein Subproletariat hinein \u2013 ganz gleich ob ethnische Inl\u00e4nder oder Ausl\u00e4nder, und ganz gleich ob der mangelnde gesellschaftliche Wert der Arbeitskraft durch staatliche Zusch\u00fcsse ausgeglichen wird oder nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Wirklichkeit die Herausforderung gerade hochproduktiver Gesellschaften wie der deutschen darin liegt, \u00fcber politische und soziokulturelle Teilhabe jenseits des Primats der Erwerbsarbeit nachzudenken, betreiben Staat und Wirtschaft eine radikale Apologie der Arbeitsgesellschaft. Alle noch nicht voll normalisierten und integrierten B\u00fcrger, alle Fremden, aber auch alle Frauen, die bisher ja ebenfalls nur partiell in die Arbeitsgesellschaft integriert waren, sollen jetzt mobilisiert werden.<\/p>\n<p>Wenn Erwerbsarbeit als einziges Modell sozialer Integration propagiert wird, d\u00fcrfen wir uns nicht wundern, wenn die anderen Formen von sozialer Praxis und soziokultureller Integration verk\u00fcmmern. Ebenfalls nicht wundern d\u00fcrfen wir uns \u00fcber den wachsenden Druck auf die L\u00f6hne im unteren Einkommenssegment. W\u00e4hrend die wirkliche politische Aufgabe immer in der politischen Regulierung sozialer Unterschiede von Einkommen, Bildung und sozialen Teilhabechancen liegt, betreibt die staatliche Forcierung der Steigerung des Arbeitskraftangebots eine soziale Spaltung der Gesellschaft.<br \/>\nDas einseitige Modell der Arbeitsgesellschaft betreibt heute eine gutgemeinte Fl\u00fcchtlingspolitik als fragw\u00fcrdige Gesellschaftspolitik. Es wird Zeit, diese Fl\u00fcchtlingspolitik endlich von links zu kritisieren. Dann n\u00e4mlich stellt sich die Frage, was ein Mensch eigentlich k\u00f6nnen und lernen muss, um ein guter B\u00fcrger in einer demokratischen Gesellschaft zu werden. Dann zeigte sich, dass nicht nur viele Ausl\u00e4nder, sondern auch viele Inl\u00e4nder diesbez\u00fcglich gro\u00dfe Defizite haben. Falls die deutsche Gesellschaft ernsthaft dar\u00fcber nachdenken w\u00fcrde, wie eine gute und gerechte Gesellschaft aussieht, dann m\u00fcssten wir \u00fcber ein Modell nachdenken, das wirklich allen B\u00fcrgern eine Erwerbsbeteiligung zu sozial gerechten Bedingungen erm\u00f6glicht. Dies ist nicht anders denkbar als mit radikal verringerten Arbeitszeiten f\u00fcr alle B\u00fcrger jeder Herkunft.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte zwei Konsequenzen. Zum einen erforderte es, dass sich sowohl die L\u00f6hne als auch die Arbeitszeiten aller B\u00fcrger angleichen (anstatt sich wie heute immer mehr zu unterscheiden). Zum anderen enthielte es eine ganz andere Priorit\u00e4tensetzung: Die sozialen, politischen und kulturellen Formen der Teilhabe an Gesellschaft sind ebenso wichtig f\u00fcr die soziale Integration wie die wirtschaftlichen. Das w\u00e4re das Lernprogramm eines modernen Deutschland, und zwar f\u00fcr alle Einheimischen wie Fremden gleicherma\u00dfen. Vielleicht f\u00fcrchten sich die bisher tonangebenden Professionseliten des b\u00fcrgerlichen Mainstreams vor diesem Programm. Viele w\u00fcrden hier erst einmal keine so gute Figur machen. Auch jenseits erwerbs- und konsumgesellschaftlicher Motive sozial t\u00e4tig sein und mit anderen in Gesellschaft treten \u2013 das ist die noch zu erlernende vielf\u00e4ltige Lebensform jenseits der einseitigen Logik der Arbeitsgesellschaft.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dr. phil. habil. Michael Hirsch (* 1966), Philosoph und Politikwissenschaftler, Privatdozent f\u00fcr Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universit\u00e4t Siegen. Lebt als freier Autor und Dozent im Bereich politische Bildung in M\u00fcnchen.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein 2013 erschienenes Manifest &#8220;Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen!&#8221; haben wir <a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1645\">hier bereits vorgestellt<\/a>. Zuletzt ist von ihm erschienen: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658099305\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die \u00dcberwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit,<\/a>&#8221; Wiesbaden 2016<\/em><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3073&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3073 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3073')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3073').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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