{"id":3046,"date":"2016-03-29T12:59:20","date_gmt":"2016-03-29T10:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3046"},"modified":"2016-03-29T12:59:20","modified_gmt":"2016-03-29T10:59:20","slug":"mord-am-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3046","title":{"rendered":"Mord am Sonntag"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/c1.staticflickr.com\/7\/6098\/6313460842_955574dc75_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/c1.staticflickr.com\/7\/6098\/6313460842_955574dc75_b.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"319\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Theater Purkersdorf<\/p><\/div>\n<h4>Von <a href=\"http:\/\/christian-nuernberger.de\/\" target=\"_blank\">Christian N\u00fcrnberger<\/a><\/h4>\n<p>G\u00fcllen, eine heruntergekommene Kleinstadt irgendwo in Mitteleuropa. Die Leute sind arm, arbeitslos und ohne Hoffnung. Doch pl\u00f6tzlich naht die Rettung. Die \u00d6lmilliard\u00e4rin Claire Zachanassian, einst in G\u00fcllen geboren und aufgewachsen, hat ihren Besuch angek\u00fcndigt. Alle sind sicher: Sie wird uns helfen \u2013 und das will sie auch. Jedoch unter einer Bedingung: Die G\u00fcllener sollen einen ihrer Mitb\u00fcrger, den Kr\u00e4mer Alfred Ill, ermorden. <!--more-->Dieser Kr\u00e4mer hatte sie vor f\u00fcnfundvierzig Jahren verleugnet, als sie, seine damalige Freundin, ein Kind von ihm erwartete, deshalb die Stadt verlassen und sich prostituieren musste, um sich und das Kind durchzubringen. Sp\u00e4ter wurde sie dann reich durch Heirat, und diesen Reichtum setzt sie nun ein, um ihr Verst\u00e4ndnis von Gerechtigkeit durchzusetzen.<br \/>\nNat\u00fcrlich weisen die braven B\u00fcrger von G\u00fcllen das Ansinnen der alten Dame entr\u00fcstet zur\u00fcck. Der B\u00fcrgermeister wirft sich in Pose wie k\u00fcrzlich der \u00f6sterreichische Kanzler Faymann und spricht feierlich: \u201eNoch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich lehne im Namen der Stadt G\u00fcllen das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.\u201c<br \/>\nDie G\u00fcllener sind begeistert von ihrem B\u00fcrgermeister und berauscht von sich selbst und ihrer Ehrhaftigkeit. Andererseits: Die Not ist gro\u00df. Da muss sich doch was deichseln lassen. So ernst wird die alte Dame es schon nicht meinen. Schon machen sie Schulden im Vertrauen darauf, dass die Alte sie doch nicht h\u00e4ngen lassen kann.<br \/>\nDoch die beharrt darauf: Geld wird nur flie\u00dfen, wenn zuvor Blut flie\u00dft, das Blut von Alfred Ill.<br \/>\nUnd da kippt die Stimmung in der Stadt allm\u00e4hlich um \u2013 nicht zu Lasten der unmenschlichen Alten, nein, zu Lasten von Alfred Ill. Hat er sich sein Schicksal nicht selbst zuzuschreiben? fragen die B\u00fcrger pl\u00f6tzlich.<br \/>\nDie G\u00fcllener beginnen, in der gro\u00dfen Kiste der Rechtfertigungs-Schablonen zu w\u00fchlen und finden Fertigteile wie \u201eWillen zur Gerechtigkeit\u201c oder \u201enotwendiges Opfer f\u00fcr die Allgemeinheit\u201c, klauben Fragen hervor: War sein Verhalten nicht schweinisch? Hat das gedem\u00fctigte M\u00e4dchen von damals nicht einen Anspruch auf S\u00fchne? Gesch\u00e4he es ihm nicht recht, wenn \u2026?<br \/>\nSie \u00fcben sich in der Kunst, die Wirklichkeit nach ihren Interessen zurecht zu l\u00fcgen und wenden die Begriffe so lange hin und her, bis der eigene Egoismus mit der Moral wieder in Einklang steht. So kommt eine Eigengesetzlichkeit in Gang, die unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuert. Wie von selbst wird aus Unrecht Recht, und am Ende ermorden die braven G\u00fcllener ihren Mitb\u00fcrger w\u00e4hrend einer Ratsfeier.<br \/>\nDer Philosoph Robert Spaemann hat den \u201eBesuch der alten Dame\u201c, so hei\u00dft das Theaterst\u00fcck von Friedrich D\u00fcrrenmatt, das heute zu selten gespielt wird, schon vor l\u00e4ngerer Zeit aufgegriffen, als hierzulande erstmals gefragt wurde, wieviel es die Wirtschaft koste, jeden Sonntag die Maschinen abzuschalten. Wer fragt: \u201eWas kostet uns der Sonntag?\u201c, der hat, so sagt Spaemann, den Sonntag bereits zum Abschuss freigegeben. Der als Frage verkleidete Anschlag auf den Sonntag wirkt genau wie der Anschlag der alten Dame in D\u00fcrrenmatts St\u00fcck. Dessen Figuren beginnen sich nach einiger Zeit mehr unbewusst als bewusst zu fragen, wieviel sie das Leben dieses Mannes eigentlich kostet, und in dem Augenblick sind die W\u00fcrfel gefallen, ist der Mann verloren.<br \/>\nHeute beginnen wir zu fragen, was uns das Asylrecht kostet, und wieder sind die W\u00fcrfel bereits gefallen. Der Sonntag aber, genau wie das Asylrecht, stehen als Chiffre f\u00fcr vieles, was unsere Kultur, unsere christlich-abendl\u00e4ndische Zivilisation, ausmacht: Alles Humane, das Recht, alles Soziale, also auch all das, wodurch Alte, Kranke, Behinderte, Fl\u00fcchtlinge, Hilfsbed\u00fcrftige gesch\u00fctzt werden.<br \/>\nWer fragt, was der Sonntag kostet, hat ihn bereits in einen Arbeitstag verwandelt und den Gewinn berechnet, der uns entgeht. Und damit ist der Sonntag zerst\u00f6rt. Dessen Wert liegt n\u00e4mlich gerade darin, dass er \u00f6konomisch nichts bringt, aber Freiheit und Mu\u00dfe erm\u00f6glicht. Und auch wer in Deutschland, Litauen, Polen, der Slowakei, \u00d6sterreich, Ungarn fragt, wie lange wir uns den Luxus des Asylrechts noch leisten k\u00f6nnen, hat dieses Recht zerst\u00f6rt.<br \/>\n\u00d6konomisten, die sich als Realisten ausgeben, wenden hier ein: Wir leben nicht mehr auf einer isolierten Insel der Seligen. Unsere Wirtschaft ist weltweit verflochten, und wenn anderswo die Maschinen rund um die Uhr laufen, k\u00f6nnen wir es uns nicht mehr leisten, sie bei uns abzuschalten. Sonst k\u00f6nnen wir zwar weiter den Sonntag heiligen, gehen aber bald pleite und d\u00fcrfen uns nicht beschweren, wenn wir uns dann den Sonntagsbraten nicht mehr leisten k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd die Kritiker der Fl\u00fcchtlingspolitik wenden ein: Wir sind nicht das Weltsozialamt. Unsere Hilfsbereitschaft ist nat\u00fcrlichen Grenzen ausgesetzt.<br \/>\nStimmt nat\u00fcrlich. Aber wer definiert diese Grenzen? Wieso soll die 500-Millionen-Einwohner-EU an ein paar Millionen Fl\u00fcchtlingen zugrundegehen?<br \/>\nSolcher Sachzwang-Logik erwidert Spaemann, dass es f\u00fcr freie Wesen \u00fcberhaupt keine Sachzw\u00e4nge gebe. In jedem vorgebrachten Sachzwang stecke verborgen bereits ein von bestimmten W\u00fcnschen und Wertungen geleiteter Wille. Wem der Feiertag nicht mehr heilig ist, der sieht nat\u00fcrlich einen Zwang ihn abzuschaffen, wenn die Produktionsunterbrechung teuer ist. Und wem das Asylrecht nicht mehr heilig ist, sieht einen Zwang, es abzuschaffen.<br \/>\nSpaemann verallgemeinernd hei\u00dft das: Wer soziale Gerechtigkeit nicht als einen ethischen Wert, sondern nur als Investitionshemmnis betrachtet, muss soziale Gerechtigkeit abschaffen. Wer in Arbeitnehmerschutzrechten nur ein Wettbewerbshindernis sieht, muss sie beseitigen. Wem Umweltschutz, \u00d6kosteuern, Jugendschutz, Arbeitnehmerschutz als gesch\u00e4ftssch\u00e4digend erscheinen, der muss sie verhindern. Wer Arbeit f\u00fcr eine blo\u00dfe Ware h\u00e4lt und nicht f\u00fcr ein Grundrecht, muss den Lohn so weit dr\u00fccken, wie es der Markt hergibt. Wer Gewinnmachen als den alleinigen Sinn des Wirtschaftens begreift, muss alles, was sich dem Gewinnstreben in den Weg stellt, als Unsinn begreifen, auch die Demokratie, auch unsere Verfassung. Und eben auch das Asylrecht.<br \/>\nFreie Wesen jedoch, die sehen, dass es unter ver\u00e4nderten \u00f6konomischen und weltpolitischen Bedingungen pl\u00f6tzlich schwierig wird, an ihren Grunds\u00e4tzen festzuhalten, beugen sich nicht voreilig scheinbaren Sachzw\u00e4ngen. Stattdessen fragen sie sich: Wie k\u00f6nnen wir trotz der Ver\u00e4nderungen weiter erfolgreich sein unter der Voraussetzung, dass unsere Grundwerte nun mal nicht zur Disposition stehen? Darin besteht die wahre Herausforderung. Das ist nat\u00fcrlich viel anspruchsvoller als \u201eunsere geheiligten Werte\u201c bei schlechtem Wetter als Ballast \u00fcber Bord zu werfen.<br \/>\nKann man machen. W\u00e4re dann Verrat an unserer Wertegemeinschaft. Und deren Verwandlung in eine Wertpapiergesellschaft. Wer die will, dem soll die Zunge im Mund verfaulen, wenn er wieder von der \u201eVerteidigung des christlichen Abendlandes\u201c spricht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Diesen Beitrag hat Christian N\u00fcrnberger, deutscher Publizist, in seiner Rubrik &#8220;<a href=\"http:\/\/christian-nuernberger.de\/wort\/\" target=\"_blank\">Wort<\/a>&#8221; am 24.3.2016 ver\u00f6ffentlicht.\u00a0Wir \u00fcbernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquelle: <a title=\"Theater Purkersdorf | Flickr\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/theaterpurkersdorf\/albums\/72157627929177079\" target=\"_blank\">Theater Purkersdorf<\/a> \/ <a title=\"Creative Commons \u2014 Attribution-ShareAlike 2.0 Generic\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-SA 2.0<\/a><\/small><br \/>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=3046&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3046 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3046')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3046').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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