{"id":2284,"date":"2015-06-26T00:30:16","date_gmt":"2015-06-25T22:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2284"},"modified":"2015-06-29T23:31:00","modified_gmt":"2015-06-29T21:31:00","slug":"skandal-fluechtlinge-haben-handys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2284","title":{"rendered":"Skandal! Fl\u00fcchtlinge haben Handys"},"content":{"rendered":"<h4>\u201eSo schlecht kann es denen ja gar nicht gehen. Die laufen ja alle mit Handys herum.\u201c Bei so viel emotionaler Inkompetenz konnte ich nur mit den Augen rollen und ergriff das Wort.<\/h4>\n<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/handy-627x288.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-large wp-post-image\" title=\"Fl\u00fcchtlinge haben Handys\" src=\"http:\/\/www.migazin.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/handy-627x288.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"220\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Sascha Kohlmann<\/p><\/div>\n<p><strong>Von Oliver Hofmann<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Momente, da muss ich stark mit mir k\u00e4mpfen, um nicht aus meiner Hose zu h\u00fcpfen. Gerade wenn es um Vorurteile und Ungerechtigkeiten geht, habe ich nicht immer die n\u00f6tige Distanz, um ruhig zu bleiben. So auch neulich, als ich ein Gespr\u00e4ch mitverfolgen musste, bei dem sich die anwesenden Herren \u00fcber die Fl\u00fcchtlinge unterhielten, die im Moment ihr vorl\u00e4ufiges Lager in der L\u00fcneburger Heide bezogen haben.<\/p>\n<div class=\"g g-1\"><\/div>\n<p>\u201eSo schlecht kann es denen ja gar nicht gehen\u201c, h\u00f6rte ich einen der Herren sagen. Ich wurde hellh\u00f6rig und lauschte sehr aufmerksam der Begr\u00fcndung zu dieser These. \u201eDie laufen ja alle mit Handys herum.\u201c Bei so viel emotionaler Inkompetenz konnte ich nur mit den Augen rollen und ergriff das Wort. \u201eEin Handy ist also f\u00fcr dich ein Symbol des Wohlstandes?\u201c, wollte ich wissen. Er nickte und ich sah den Blick in seinem Gesicht, der fragte, warum ich mich jetzt in diese Unterhaltung einmischte. \u201eAha\u201c, beantwortete ich sein Nicken und wandte mich ab. \u201eNat\u00fcrlich hat ein Handy mit Wohlstand zu tun\u201c, rief er zu mir r\u00fcber. \u201eSchlie\u00dflich kann sich ja nicht jeder ein Handy leisten.\u201c Ich merkte, wie die Zornesr\u00f6te in mir aufstieg und ich drehte mich erneut zu dem Stammtischpolitiker mit seinem populistischen Halbwissen. <!--more--><\/p>\n<p>\u201eOkay\u201c, begann ich ganz ruhig. \u201eJetzt stell dir mal vor, dass diesen Menschen nur ihr Mobiltelefon geblieben ist. Viele der Fl\u00fcchtlinge hatten vorher ein Haus, vielleicht sogar mit Garten. Sie hatten einen Job, Familie, ein Auto. Sie hatten einen Fernseher und einen K\u00fchlschrank, ein eigenes Bett und vielleicht sogar ein Haustier. Aber das alles haben sie jetzt nicht mehr. Alles, was sie auf ihrer Flucht mitnehmen konnten, passt in eine Plastikt\u00fcte. Und das Handy ist der letzte seidene Faden, der sie noch mit den anderen Familienmitgliedern verbindet.\u201c<\/p>\n<p>Die anderen M\u00e4nner der Runde sahen betreten auf den Boden und schwiegen. Mein Diskussionspartner allerdings brachte neue Argumente an. \u201eWenn sie so viel hatten, warum sind sie dann hierher gekommen und belasten unser Sozialsystem?\u201c Ich sch\u00fcttelte den Kopf und \u00fcberlegte mir kurz, ob es \u00fcberhaupt einen Sinn machte, mit diesem Typen weiter zu diskutieren. Bevor ich bei dieser Frage auf eine Antwort kommen konnte, \u00f6ffnete sich schon wieder mein Mund: \u201eWeil in deren L\u00e4ndern Krieg herrscht. Dort steht kaum noch ein Stein auf dem anderen, die Familien leben in Angst und Schrecken und m\u00fcssen immer damit rechnen, erschossen, gefoltert oder versklavt zu werden.\u201c \u201eUnd deshalb m\u00fcssen die zu uns in die L\u00fcneburger Heide kommen\u201c, fragt mein Gegen\u00fcber provokativ und patzig.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick schoss mir eine Zeile aus Gr\u00f6nemeyers Lied \u201eWas soll das?\u201c durch meine grauen Windungen: \u201eMeine Faust will unbedingt in sein Gesicht und darf nicht\u201c.<\/p>\n<p>Ich versuchte es noch einmal auf der emotionalen Ebene, um dem Menschen mit dem gef\u00e4hrlichen Gedankengut von seinem eingeschlagenen Weg abzubringen: \u201eStell dir vor, hier w\u00e4re Krieg. Alles liegt in Tr\u00fcmmern. Deine Frau und deine zwei Kinder sind hier nicht mehr sicher. Was w\u00fcrdest du tun?\u201c Er schaute mich mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an: \u201eIch w\u00fcrde versuchen, sie in Sicherheit zu bringen.\u201c \u201eUnd wenn dein Auto zerst\u00f6rt wurde, die Infrastruktur zusammengebrochen ist und es keine \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel gibt?\u201c \u201eDann w\u00fcrde ich eben zu Fu\u00df gehen\u201c, kam es prompt. Er schien immer noch nicht zu wissen, worauf ich hinauswollte, also fuhr ich fort. \u201eAber dann k\u00f6nntest du nicht viel mitnehmen. F\u00fcr was w\u00fcrdest du dich entscheiden?\u201c Er \u00fcberlegte kurz und antwortete: \u201eMeine Papiere, Ausweise und Urkunden, etwas Proviant und mein Handy, damit ich mit meiner Familie in Verbindung bleiben kann.\u201c Die letzten Worte kamen leise und langsam aus seinem Mund. \u201eSiehst du, Beweisf\u00fchrung abgeschlossen. Und was w\u00fcrdest du sagen, wenn man dich dann als Kriegsfl\u00fcchtling in einen Wohncontainer stecken w\u00fcrde, weit weg von den Einheimischen, weil du sie sonst bel\u00e4stigen k\u00f6nntest, und dann kommt einer und sagt, dass es dir ja gut geht, weil du ein Handy hast?\u201c Die Stille zeigte mir, dass die Nachricht angekommen war. Doch die Zufriedenheit, die sich wegen des gerade errungenen Sieges einstellte, wich sofort einer gewissen Angst. So wie er denken bestimmt viele.<\/p>\n<p>Und jetzt kommen sie ins Spiel, meine lieben Leserinnen und Leser. Wenn sie auch solche Dummheiten in ihrem Umfeld h\u00f6ren, dann schreiten sie ein und diskutieren sie, bis auch der letzte versteht: die meisten Fl\u00fcchtlinge w\u00fcrden viel lieber in ihrer Heimat wohnen. Und wenn sie jetzt sagen, sie w\u00fcssten nicht, was sie solchen Leuten entgegnen sollen \u2013 sie m\u00fcssen sich nur in die Lage der Fl\u00fcchtlinge versetzen. Dann werden ihnen die Argumente in solchen Zwiegespr\u00e4chen sicher niemals ausgehen. Vielen Dank f\u00fcr Ihre Zivilcourage.<\/p>\n<p><em>Zuvor erschienen bei <\/em><em>&#8220;<a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2015\/06\/17\/fluechtlinge-haben-handys\/\" target=\"_blank\">MiGAZIN &#8211; Migration und Integration in Deutschland<\/a>&#8220;, <\/em><em>\u00dcbernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors. Au\u00dferdem ist der Beitrag auf der <a title=\"Liebe Fatzebucker, auf vielfachen Wunsch...\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/OliverHofmannAutor\/photos\/a.312228828988068.1073741828.309088905968727\/396373073906976\/?type=1&amp;permPage=1\" target=\"_blank\">Facebook-Seite<\/a> von Oliver Hofmann zu finden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquelle: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/skohlmann\/\" target=\"_blank\">Sascha Kohlmann<\/a> \/\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-SA 2.0<\/a> bearb. MiG<\/small><br \/>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2284&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_2284 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_2284')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_2284').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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