{"id":2145,"date":"2015-06-15T10:17:42","date_gmt":"2015-06-15T09:17:42","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2145"},"modified":"2015-06-15T10:17:42","modified_gmt":"2015-06-15T09:17:42","slug":"die-klonkrieger-des-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2145","title":{"rendered":"Die Klonkrieger des Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Hirsch_Gesellschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Hirsch_Gesellschaft.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"540\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Heute regieren wieder die Reichen und M\u00e4chtigen, sagt Michael Hirsch. Uns wird noch vorgespielt, dass es um die Gleichheit von allen geht. Dabei leben wir schon l\u00e4ngst in einer Oligarchie vergleichbar mit der im 19. Jahrhundert. Wir nennen sie heute nur alternativlos statt gestaltend einzugreifen. Die Alternative k\u00f6nnte aber ein gutes Leben sein, in dem wir nicht nach mehr Geld und Macht streben und dar\u00fcber Anerkennung und Einfluss erreichen, sondern ein gutes Leben, in dem ALLE die Zeit und den Raum haben, mitzugestalten, gemeinsam. Zeit f\u00fcr Freunde und Familie, f\u00fcr kreative Weiterentwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir leben gnadenlos unter unserem Niveau und verehren, was uns und unsere Umwelt zerst\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p>Interview von <span class=\"meta\"><a class=\"url fn\" title=\"Artikel von Emily Thomey\" href=\"http:\/\/betondelta.de\/author\/emily\/\" target=\"_blank\" rel=\"author\">Emily Thomey<\/a><\/span> von Betondelta mit dem Philosophen Michael Hirsch \u00fcber sein Manifest: \u201eWarum wir eine andere Gesellschaft brauchen\u201c, erschienen im <a href=\"http:\/\/www.louisoder-verlag.de\/louisoder-verlag-buch-detail.asp?pid=444\" target=\"_blank\">Louisoder Verlag<\/a>. <span id=\"more-614\"><\/span><\/p>\n<p><strong>BETONDELTA: Sie kritisieren in Ihrem Manifest die marktkonforme Demokratie. Was verstehen Sie darunter?<\/strong><\/p>\n<p>MICHAEL HIRSCH: Wir leben im \u00dcbergang zu einer neoliberalen Epoche. Das, was man mal soziale Marktwirtschaft genannt hat, kennt relativ starke politische Regulierungsinstrumente. Die jetzige Ordnung ist dagegen stark durch Marktzw\u00e4nge, vor allem internationaler Art, gesteuert. Es wird auch politisch zunehmend kommuniziert, dass es keine Alternative g\u00e4be. Wenn man sich diesen bestimmten, \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen unterordnet, f\u00fchrt das zur Erosion der ganzen demokratischen Veranstaltung. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Was \u00e4ndert dieser Epochenwechsel f\u00fcr uns?<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee der sozialen Marktwirtschaft ist: Wohlstand f\u00fcr alle. Das sollte \u00fcber Wirtschaftswachstum, Arbeitsplatzsicherung und einer Nivellierung von sozialen Unterschieden erreicht werden. Diese Ordnung wurde aber vor zehn oder f\u00fcnfzehn Jahren aufgegeben und seitdem erleben wir gravierende soziale Unterschiede. Man geht davon aus, dass dieses Projekt der sozialen Marktwirtschaft nicht mehr kompatibel ist mit denjenigen kapitalistischen Strukturen, in denen wir heute leben.<\/p>\n<p>Alle gro\u00dfen Parteien in allen westlichen L\u00e4ndern haben sich im Prinzip damit abgefunden. Und in diesem Moment gehen wir in eine oligarchische Gesellschaftsordnung zur\u00fcck wie sie vor der Einf\u00fchrung der Demokratie und vor der Einf\u00fchrung von gro\u00dfen Sozialversicherungssystemen und progressiver Besteuerung existiert hat \u2013 Typ 19. Jahrhundert k\u00f6nnte man sagen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet das: Typ 19. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine sehr selektive Interessenpolitik. Diese Gesellschaftsordnung dient nur ganz bestimmten Teilen der Gesellschaft. Ablesen l\u00e4sst sich das beispielsweise an zwei Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Zum einen sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von Bildung, Einkommen und Verm\u00f6gen wieder ungef\u00e4hr auf dem Stand von vor 100 Jahren. Insofern k\u00f6nnte man die Reduzierung von Ungleichheit, die damals in Gang gesetzt wurde, als gescheitert erkl\u00e4ren. Viele Kommentatoren tun aber immer noch so, als ob wir eine kleine Krise h\u00e4tten. Die Demokratie als gesellschaftliches Projekt, in der Form, wie sie gedacht wurde, aus einer Mischung von sozialer Gleichheit und demokratischer Beteilung, ist aber tot.<\/p>\n<p>Zum anderen schl\u00e4gt sich das jetzt in dramatisch gesunkenen Wahlbeteiligungen in unteren Bev\u00f6lkerungsgruppen nieder. Das sind quasi genau die Leute, die fr\u00fcher sowieso nicht w\u00e4hlen durften. Sie w\u00e4hlen heute freiwillig nicht mehr, haben sich verabschiedet, weil sie zu Recht den Eindruck haben, dass ihre Interessen in diesem Typ marktkonformer Demokratie gar nicht mehr repr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p>Am Anfang des 20. Jahrhunderts, vor der Einf\u00fchrung des allgemeinen Wahlrechts, war die Argumentation, warum man den Frauen oder unteren Bev\u00f6lkerungsklassen das Wahlrecht nicht zugesteht, dass sie durch die Herrschenden bzw. ihre Ehem\u00e4nner oder durch ihre Eltern vertreten werden.<\/p>\n<blockquote><p>Man dachte fr\u00fcher, es w\u00e4re sch\u00e4dlich, wenn man alle mitbestimmen l\u00e4sst, weil die gar nicht wissen, was gut ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist die Reinform der \u00f6konomischen Trickle-down-Theorie: Man sagt, wir senken die Steuerlast f\u00fcr Verm\u00f6gende und machen gute Investitionsbedingungen, weil wir darauf spekulieren, dass dann f\u00fcr alle was abf\u00e4llt. Wenn ein Unternehmen gute Gesch\u00e4fte macht, gehen wir davon aus, dass das auch den Arbeitnehmern und ihren Familien zu Gute kommt. Eine vulg\u00e4re wirtschaftspolitische Doktrin, w\u00fcrde ich das nennen und sie entspricht ungef\u00e4hr der Doktrin des Fr\u00fchindustrialismus. Man dachte fr\u00fcher, es w\u00e4re sch\u00e4dlich, wenn man alle mitbestimmen l\u00e4sst, weil die gar nicht wissen, was gut ist.<\/p>\n<p>Demokratie gibt es nur als expliziertes Projekt der radikalen Verringerung sozialer Unterschiede. Demokratie ist ein Projekt zur Abschaffung von solchen Verh\u00e4ltnissen, in denen einige Menschen unm\u00fcndig sind und andere nicht. In denen manche Menschen per se abh\u00e4ngig sind vom Willen anderer. Egal ob das jetzt mein Ehemann ist als Frau oder der Arbeitnehmer, der von der Gnade des Investors oder Unternehmers abh\u00e4ngig ist, der diesen Arbeitsplatz vielleicht noch f\u00fcnf Jahre weiter laufen l\u00e4sst. Es geht um die Abschaffung dieser Arbeitsverh\u00e4ltnisse als solcher, die Ungleichheit produzieren und Abh\u00e4ngigkeit von anderen.<\/p>\n<p><strong>Warum protestieren wir nicht mehr gegen diese Ungleichheiten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde das als einen paradoxen Bewusstseins-Modus beschreiben: Wir beklagen uns \u00fcber soziale Ungleichheiten, Verwerfungen aller Art, Auspl\u00fcnderungen der Natur, Ausbeutung der dritten Welt, Imperialismus. Aber die Ursache von ungebremster kapitalistischer Akkumulation, von all diesen \u00f6kologischen, sozialen und anderen Verwerfungen, verehren wir. Das ist unser Gesellschaftsmodell. Wir regen uns nur reaktiv, resignativ \u00fcber diese Ph\u00e4nomene auf. Die Medien \u00fcbernehmen beispielsweise diese Aufgabe, dass sie immer wieder eine tolle Reportage bringen, wie entsetzlich alles ist. Aber es gibt im Gro\u00dfen keine seri\u00f6sen Theorieformen oder kulturelle Praktiken, die sich explizit gegen die Ursache des Ganzen richten. Man wird immer noch gesellschaftlich ge\u00e4chtet, wenn man sich tats\u00e4chlich \u00fcber gesellschaftliche Alternativen Gedanken macht. Dann man\u00f6vriert man sich immer noch ins gesellschaftliche Abseits.<\/p>\n<p><strong>Deswegen werden Gutmenschen immer als uncool angesehen und man macht Witze \u00fcber sie. Aber was genau verehren wir?<\/strong><\/p>\n<p>Wir verehren die ungebremste Vitalit\u00e4t, die darwinistische Idee der Gesellschaft. So gesehen haben wir aufgegeben vern\u00fcnftig menschlich gestalten zu wollen. Damit verehren wir aber auch die Naturburschen, die vitalen Leistungstr\u00e4ger dieser Gesellschaft, die Klonkrieger des Neoliberalismus, die 60, 70, 80, 90 Stunden pro Woche arbeiten, die irre Reicht\u00fcmer anh\u00e4ufen. Diese Leute verehren wir. Die Stars, die Supermenschen, die \u00dcbermenschen dieser neuer Ordnung. Das ist ein krasser Biologismus und in dieser sozialdarwinistischen Doktrin ist es dann auch legitim, dass es die Opfer gibt.<\/p>\n<p>Wir verehren also nicht nur die Sieger, wir verachten auch die Verlierertypen. Mehr oder weniger offensichtlich. Der Sozialstaat hat mittlerweile diesen stigmatisierenden Zug bekommen: Die, die abh\u00e4ngig werden von Hilfe, werden \u00f6ffentlich einer Missachtung unterworfen, obwohl ja genau umgekehrt die Verfassungsidee soziale Gleichheit, gleiche Anerkennung und W\u00fcrde aller ist.<\/p>\n<div style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3735\/12720453974_ef7968cbe9_c.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3735\/12720453974_ef7968cbe9_c.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"320\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Marco Monetti<\/p><\/div>\n<p><strong>Wie pr\u00e4gt diese Haltung unseren Alltag?<\/strong><\/p>\n<p>Wir opfern unsere Lebensqualit\u00e4t bei dem Versuch, diesen Leistungsanspr\u00fcchen, die immer gr\u00f6\u00dfer werden, zu gen\u00fcgen. Wir setzen uns damit selber und gegenseitig unter Druck. Dieser Druck wird kommuniziert: Im Alltag, am Arbeitsplatz, zwischen Freunden und Kollegen als ein Standard, der stets zu erh\u00f6hen ist.<\/p>\n<p>Jedes einigerma\u00dfen seri\u00f6se Fortschrittsprojekt kann nur in der sukzessiven Begrenzung von Arbeitsmengen beruhen. In einem Projekt f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t und Gleichheit, in dem man sagt: Wir versuchen diesen Druck der Verh\u00e4ltnisse auf uns abzuschaffen. Stattdessen sind die meisten in einer Spirale der Mehrarbeit gefangen und dieser Stress ist das dominierende Motiv im Alltag. Stress ist das eine, aber das eigentlich dominierende ist ein unglaublich straff durch getakteter Alltag mit einer chronischen Zeitnot. Dann werden die L\u00f6hne immer mehr gek\u00fcrzt, so dass man noch mehr arbeiten muss, f\u00fcr weniger Geld. Die Leute sind abgelenkt, weil sie entweder versuchen, auch verehrt zu werden oder sie sind mit dem Kampf ums \u00dcberleben besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><strong>Aber es gibt doch Widerstand?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber zu wenig. <a href=\"http:\/\/betondelta.de\/michael-hirsch-interview-neue-gesellschaft\/#nachdenk\" target=\"_blank\">Weiterlesen auf Betondelta<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Michael Hirsch ist Philosoph und lebt in M\u00fcnchen. Er lehrt derzeit als Privatdozent f\u00fcr Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universit\u00e4t Siegen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/betondelta.de\/\" target=\"_blank\">Betondelta<\/a> ist eine Plattform, auf der Ideen hin und her gespielt werden, damit sie nicht fl\u00f6ten gehen: die vielen kleinen und gro\u00dfen aus dem digitalen Strom zwischen Schnickschnack, Popkultur, Netz-Trash und Politik.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/betondelta.de\/wir\/\" target=\"_blank\">Die drei Macher<\/a> von Betondelta wollen die Perspektiven wechseln, Geschichten zusammenf\u00fcgen, wieder aufbrechen, drehen und wenden. Auf Record dr\u00fccken, Gegenwart mitschreiben, speichern, teilen und gucken, was passiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Herzlichen Dank an Emily Thomey und Sergej Bojew f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, hier dieses spannende Interview in Teilen wiederzugeben.<\/em><\/p>\n<p><small>Bildquellen: Verlagsfoto; <a title=\"marco monetti | Flickr - Photo Sharing!\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/marcomonetti\/\" target=\"_blank\">Marco Monetti<\/a> &#8211; <a title=\"Creative Commons \u2014 Attribution-NoDerivs 2.0 Generic\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-ND 2.0<\/a><\/small><\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=2145&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_2145 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_2145')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_2145').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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