{"id":1829,"date":"2015-03-18T21:30:39","date_gmt":"2015-03-18T20:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1829"},"modified":"2015-03-18T21:30:39","modified_gmt":"2015-03-18T20:30:39","slug":"gabriele-krone-schmalz-russland-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1829","title":{"rendered":"Gabriele Krone-Schmalz: Russland verstehen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" alignright\" src=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Krone-SchmalzRusslan_978-3-406-67525-6.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"246\" \/>Gabriele Krone-Schmalz ist \u00fcberall. Sie war bei Jauch, in der S\u00fcddeutschen, im Bayerischen Rundfunk und bei Sandra Maischberger. Wir stellten ihr <a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1630\">neues Buch \u201eRussland verstehen\u201c<\/a> am Tag des Erscheinens vor und wir empfahlen, es Frau Merkel auf den Nachttisch zu legen, bevor sie zu den Friedensgespr\u00e4chen nach Minsk aufbrach. Vielleicht hat es geholfen, der vereinbarte Waffenstillstand h\u00e4lt bis heute.<br \/>\nIch m\u00f6chte hier die Argumente und die Motive vorstellen, die den Leser dazu bewegen k\u00f6nnen, Russland zu verstehen. Es geht nicht darum, die politischen Absichten und auch das milit\u00e4rische Vorgehen Russland zu akzeptieren. Wichtig sind die Hintergr\u00fcnde und die Zusammenh\u00e4nge. Diese ergeben ein Bild, das ich verstehen will.<!--more--><\/p>\n<p>Krone-Schmalz h\u00e4lt das Zitat Putins \u00fcber das Ende der Sowjetunion 1991 f\u00fcr zentral: \u201eDer Zusammenbruch der Sowjetunion war die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.\u201c (Seite 11)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIhnen [den russischen Menschen] wurden drei Revolutionen gleichzeitig zugemutet \u2013 der Begriff Reform w\u00e4re zu harmlos daf\u00fcr. Die erste: von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. \u2026 Die zweite: Von der Diktatur der Kommunistischen Partei zu rechtsstaatlichen Strukturen. \u2026 Die dritte: Von der Sowjetunion zum Nationalstaat. Wenn sich pl\u00f6tzlich ca. 25 Millionen Russen au\u00dferhalb der eigenen Landesgrenzen befinden und sich in neuen souver\u00e4nen Staaten behaupten m\u00fcssen, in denen weite Teile der Gesellschaft nur darauf gewartet haben, es den \u201aRussen\u2018 endlich heimzuzahlen, dann l\u00e4sst sich das nicht einfach beiseite wischen.\u201c (S. 11)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sowjetunion ist am 21.12. 1991 als Union, bestehend aus 15 Unionsrepubliken, aufgel\u00f6st worden. Sie hatte 1988 286,7 Mio Einwohner. Allein in der Ukraine wurden im Jahr 2014 8,3 Mio Russen von insgesamt von 45 Mio Einwohner gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Tabelle\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gesamte Bev\u00f6lkerung\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Russische Bev\u00f6lkerung<\/p>\n<p>Weissrussland (2012)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 9\u20185\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 8% \/ 700.0<br \/>\nUsbekistan (2013)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 30\u20180\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 5% \/ 1\u20185<br \/>\nKasachstan (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 17\u20187\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 23% \/ 4\u20185<br \/>\nAserbaidschan (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 9\u20185\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1% \/ 90.0<br \/>\nLitauen (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 2\u20189\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 5% \/ 150.0<br \/>\nEstland (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 1\u20183\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 25% \/ 324.0<br \/>\nLettland (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 2,0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 27% \/ 556.0<br \/>\nBaltische Staaten (2014)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 6\u20182\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 16% \/1\u20180<\/p>\n<p>Tabelle: ausgew\u00e4hlte Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Quelle: Wikipedia<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Anteil an der Bev\u00f6lkerung des Landes bilden die Russen in Kasachstan (2014: 4,5 von 17,7 Mio). In den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die seit 2004 zur EU und zur NATO geh\u00f6ren, sind heute von insgesamt 6,2 Mio Einwohnern ca 1,0 Mio russisch.<br \/>\nEin wichtiges Kriterium f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges friedliches Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in den ehemaligen L\u00e4ndern der Sowjetunion wird die Frage sein, inwieweit Rechte der Minderheiten gew\u00e4hrleistet sind. In der Ukraine war noch 2012 ein Gesetz erlassen worden, das regional begrenzt Russisch als Amtssprache garantierte, wenn es f\u00fcr mehr als 10% der Bev\u00f6lkerung die Muttersprache war. Nach den Maidan-Unruhen wurde dieses Gesetz durch einen Mehrheitsbeschluss im Parlament gekippt, aber nach Massenprotesten weigerte sich der \u00dcbergangspr\u00e4sident Turtschinow, das Gesetz zu unterzeichnen. Die Regelung von 2012 besteht also weiterhin fort.<br \/>\nWie wird Russland im Westen gesehen? Darauf geht Krone-Schmalz immer wieder ein. Sie verweist auf den Sprachgebrauch in unseren Medien, die oft die EU und Europa verwechseln. Obwohl Russland zweifelsfrei zu Europa geh\u00f6rt, wird in der Diskussion um die Ukraine aus Europa und Russland oft ein Gegensatz konstruiert. (S. 14)<br \/>\nIm Kapitel \u201eEntt\u00e4uschte Hoffnungen \u2013 verpasste Chance\u201c beleuchtet sie die Entwicklung Russlands in den 90er Jahren, als die Sowjetunion aufgel\u00f6st wurde und dieses im \u201eWesentlichen ohne Blutvergie\u00dfen\u201c (S. 58) geschah und es sei schon immer der russische Wunsch gewesen, ein gemeinsames europ\u00e4isches Haus zu bauen.<br \/>\nRussland ist der logische Rechtsnachfolger der Sowjetunion geworden, auch wegen der erforderlichen R\u00fcckzahlung von Schulden. Aber das Image der Sowjetunion als kommunistisch, beherrschend, gewaltt\u00e4tig, auch interventionistisch zu gelten, ist Russland nie losgeworden. (S. 59)<br \/>\nDie in vielen wirtschaftlichen Bereichen erfolgte Privatisierung konnte, so Krone-Schmalz, nicht erfolgreich sein, so z.B. in der Landwirtschaft:<\/p>\n<blockquote><p>\u201ePrivatbauern unter Stalin und Lenin wurden nicht nur zur Kollektivierung gezwungen, die Reicheren unter ihnen, die Kulaken, wurden Ende der zwanziger, Anfang der drei\u00dfiger Jahre des vorigen Jahrhunderts systematisch vernichtet. Die Erinnerung, dass florierender Privatbesitz einem Todesurteil gleichkam, l\u00f6scht eine Gesellschaft nicht so schnell aus dem Ged\u00e4chtnis.\u201c (S. 60)<\/p><\/blockquote>\n<p>Jelzin hatte 1992 in einem Erlass angeordnet, alle landwirtschaftlichen Staatsbetriebe zu privatisieren. Der Westen hatte das begr\u00fc\u00dft. Nur einen wirtschaftlichen Sektor zu privatisieren, konnte nicht gut gehen und es gab keinen Zwischenhandel. Die Betriebe mussten ihre Produkte selbst verteilen und verkaufen. Das hatte sie \u00fcberfordert. Die Reform misslang.<br \/>\nKrone-Schmalz zitiert einen polnischen Abgeordneten: \u201ePrivatisierung unter unseren \u00f6stlichen Bedingungen, das ist der Verkauf von herrenlosem Verm\u00f6gen mit unbekanntem Wert an Leute, die kein Geld besitzen.\u201c (S. 62)<br \/>\nDie Privatisierung einer verglichen mit der Sowjetunion kleinen DDR ist nicht wirklich gut gelungen, weil zu wenig an Industrie erhalten wurde oder in einer \u00dcbergangszeit wettbewerbsf\u00e4hig gemacht konnte. Krone-Schmalz: \u201eWie soll es im russischen oder gar sowjetischen Ma\u00dfstab funktionieren?\u201c (S. 62)<br \/>\nDie Unterst\u00fctzung des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) tat ein \u00fcbriges, ein Beispiel: Der IWF hatte Anfang der neunziger Jahre empfohlen, dass Russland maximal 10 000 Rubel f\u00fcr eine Tonne Weizen bezahlen solle. Den heimischen Erzeugern war dies zu wenig, sie vernichteten lieber ihre Ernte. Russland musste den Fehlbedarf importieren, in diesem Fall f\u00fcr 120 US-Dollar \u2013 umgerechnet 35 000 bis 40 000 Rubel \u2013 also f\u00fcr wertvolle Devisen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs w\u00e4re besser gewesen, den russischen Bauern etwas mehr zu zahlen, und es h\u00e4tte die Menschen wesentlich mehr f\u00fcr den Westen eingenommen, wenn sie gesp\u00fcrt h\u00e4tten, dass den ihre Lebensrealit\u00e4t wirklich interessiert.\u201c (S. 63)<\/p><\/blockquote>\n<p>Somit hat Russland mit den Getreidek\u00e4ufen die amerikanischen und kanadischen Bauern unterst\u00fctzt. W\u00fcrde Russland sich selbst versorgen k\u00f6nnen, mit einer landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4che von 215 Mio Hektar \u2013 die gesamte EU hat 172 Mio \u2013 h\u00e4tte dies schwerwiegende Konsequenzen f\u00fcr die westlichen Getreideexporte. Russland verf\u00fcgt bei 2% der Weltbev\u00f6lkerung \u00fcber 9% der Ackerfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Helmut Schmidt, Ex-Bundeskanzler sagte im Jahr 2000, dass die Politik des IWF f\u00fcr die Krisen in S\u00fcdamerika und Russland verantwortlich sei, \u201edenn es ist nicht darum gegangen, diesen L\u00e4ndern zu helfen, sondern die eigenen M\u00e4rkte abzusichern. \u201c(S. 63)<br \/>\nDie vielen Kredite in Milliardenh\u00f6he, die Russland und dem ehemaligen Ostblock gew\u00e4hrt wurden, sind zum gro\u00dfen Teil wieder in den Westen zur\u00fcckgeflossen. Neue Kredite ersetzten alte, mit denen wiederum westliche Konsumg\u00fcter gekauft wurden. (S. 70)<br \/>\nDie neunziger Jahre unter Pr\u00e4sident Jelzin gelten als die Zeit des Raubtierkapitalismus, vom Westen empfohlen und begr\u00fc\u00dft. Jelzin hat die Oligarchen geschaffen, Sch\u00fcsselindustrien wurden privatisiert. \u201eWeit verbreitete existenzielle Not\u201c stand \u201ebombastischem Luxus einer Geldelite\u201c gegen\u00fcber. \u201eStaatliche Strukturen zerfielen, Korruption und kriminelle Netzwerke bestimmten das Leben.\u201c (S. 72)<br \/>\nIn der Verfassungskrise 1993 hatte das Parlament die Zustimmung zur sog. \u201eSchocktherapie\u201c, einer Reformpolitik, die eine galoppierende Inflation hervorgebracht hatte, verweigert. Jelzin lie\u00df Panzer auffahren und beschoss das Parlament.<br \/>\nKrone-Schmalz zitiert dazu ihren eigenen Vortrag aus dieser Zeit:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnser Sprachgebrauch ist bemerkenswert. Wir reden von einem Putsch und bezeichnen damit nicht Jelzins Verfassungsbruch, sondern \u2026 bereits die legale Reaktion des Parlaments. Im Grunde ist es beinahe abenteuerlich, wie leicht wir geneigt sind, diktatorische Ma\u00dfnahmen zu tolerieren, wenn wir meinen, sie dienen dazu, unser Wertesystem einzuf\u00fchren.\u201c (S. 74)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der wirtschaftliche Crash kam 1998. Hohe Inflation und Zinss\u00e4tze sowie drastische Sparprogramme f\u00fchrten zur Abwertung des Rubel um 25%. Die B\u00fcrger verloren ihre Ersparnisse. Anerkannte Zahlungsmittel waren nur noch US-Dollar und Euro. In dieser Zeit \u00fcbernahm Putin, der von Anfang an in der Wahrnehmung des Westens nicht der \u201erussische Pr\u00e4sident\u201c sondern der \u201eKGB-Mann\u201c war: \u201eHat es zum Beispiel irgendjemanden gest\u00f6rt, dass der ehemalige amerikanische Pr\u00e4sident George Bush senior zuvor Chef der CIA war?\u201c (S. 77)<br \/>\nAber die Verh\u00e4ltnisse in Russland \u00e4ndern sich. Sozialausgaben dominieren im Haushalt 2002, mehr Geld f\u00fcr Ausbildung als f\u00fcr Verteidigung wird ausgegeben. Das Leben in Russland stabilisiert sich, die hohen Rohstoffpreise erm\u00f6glichen den Abbau der Auslandsschulden.<br \/>\nRussland tat in dieser Zeit einen gro\u00dfen Schritt in eine Zivilgesellschaft, ein einfaches Steuersystem wurde eingef\u00fchrt, \u201eBildung, Wohnungsbau, Gesundheit und Landwirtschaft wurden zu sog. nationalen Projekten erkl\u00e4rt und vom Staat gezielt unterst\u00fctzt.\u201c (S. 81)<br \/>\nAber der Westen sieht diese Entwicklung nicht, er zollt ihr keine Anerkennung. Als Putin 2002 die Superreichen an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnert, wird dieses als \u201eSignal f\u00fcr bevorstehende Enteignungen\u201c gesehen. Wenn Putin von einer \u201ebesorgniserregenden demographischen Entwicklung\u201c spricht, wird das als \u201edie Furcht vor dem Verlust der Wehrhaftigkeit\u201c interpretiert. (S. 84)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMeine These lautet: Es h\u00e4tte keine dritte Amtszeit Putins gegeben, wenn er bei seiner ersten und zweiten bei dieser Herkulesaufgabe, das gr\u00f6\u00dfte Land der Welt von Grund auf umzustrukturieren, von au\u00dfen vertrauensvoller unterst\u00fctzt worden w\u00e4re.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Krone-Schmalz erinnert auch an die russische Initiative f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Sicherheitsvertrag im Jahr 2008. Sie wurde vom Westen \u201eschlicht ignoriert\u201c. (S. 87)<br \/>\nRussland orientiert sich weg von einer \u201eeuro-atlantischen\u201c hin zu einer \u201eeuro-asiatischen\u201c Ausrichtung. Die USA und Gro\u00dfbritannien starten \u2013 mit gef\u00e4lschten Beweisen \u2013 den Irak-Krieg 2003, in Libyen wird 2011 Gaddafi gest\u00fcrzt, in Syrien werden Rebellen unterst\u00fctzt, um das Assad-Regime zu beseitigen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd \u00fcberall dort, wo \u201aRegime-change\u2018 unter der \u00dcberschrift \u201aDemokratisierung\u2018 gelungen ist, fliegt Russland aus alten Vertr\u00e4gen raus und vor allem westliche Industrienationen, allen voran die USA, bem\u00e4chtigen sich der lukrativsten Gesch\u00e4fte.\u201c (S. 87)<\/p><\/blockquote>\n<p><!--nextpage-->Im Kapitel \u201eDie Idee vom Frieden\u201c z\u00e4hlt Krone-Schmalz die Einbindungen Russlands in internationale Organisationen auf: (S. 94)<br \/>\n1990 die \u201eCharta von Paris f\u00fcr ein neues Europa\u201c auf einem Sondergipfel der KSZE (Konferenz f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), unterzeichnet von den USA, Kanada, der Sowjetunion und 31 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. \u201eDarin wurde die Spaltung Europas f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt.\u201c<br \/>\n1992 die Aufnahme Russlands in den IWF und in die Weltbank<br \/>\n1997 das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Russland<br \/>\n1898 wird aus der G7, den sieben f\u00fchrenden Industrienationen, mit Russland die G8<br \/>\nAls \u201eKnackpunkt\u201c bezeichnet Krone-Schmalz die NATO-Osterweiterung. Zwischen 1997 und 2009 treten Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rum\u00e4nien, die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie die Slowakei und Slowenien der NATO bei. Im Westen wird immer wieder gesagt, all diese Staaten seien freiwillig beigetreten. (S. 95)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAber in Russland, und zwar nicht nur in der politischen Elite, sondern auch in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung, wird diese Geschichte nach wie vor mit einem Wortbruch verbunden.\u201c (S. 96)<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eHochrangige deutsche Politiker\u201c so Krone-Schmalz, \u201ehaben im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch die NATO-Osterweiterung \u2026 als den gr\u00f6\u00dften Fehler nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnet.\u201c (S. 96)<br \/>\nSehr entt\u00e4uscht ist Krone-Schmalz dar\u00fcber, dass derartige Zitate niemals autorisiert werden durften. Sie fragt nach \u201eder Qualit\u00e4t eines politischen Systems \u2026 in dem Zivilcourage zwar als Wert gilt, aber nur so lange sie in den vorgegeben Rahmen passt?\u201c (S. 96)<br \/>\nGeht es hier wirklich nur um Sicherheit, so fragt Krone-Schmalz, oder auch um Macht und R\u00fcstungsauftr\u00e4ge?<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie ehemaligen Ostblockl\u00e4nder mussten \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 von Grund auf umger\u00fcstet werden, um \u201aNATO-kompatibel\u2018 zu sein. Ein tolles Gesch\u00e4ft f\u00fcr die entsprechenden westlichen Firmen.\u201c (S. 101)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Ereignisse im September 2001 ver\u00e4ndern auch das Verh\u00e4ltnis der USA zu Russland. Beide L\u00e4nder arbeiten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zusammen, Russland ist einverstanden mit dem westlichen Vorgehen in Afghanistan.<br \/>\nAber \u2013 im Dezember 2001 k\u00fcndigt die USA einseitig den ABM-Vertrag von 1972. Russland und die USA hatten sich in diesem Vertrag auf die Abr\u00fcstung von Raketenabwehrsystemen geeinigt. Der Plan des Westens, in Polen und der Tschechien ein Raketenabwehrsystem \u2013 angeblich gegen Raketen aus dem Iran \u2013 einzurichten, war mit dem ABM-Vertrag nicht zu vereinbaren. (S. 106)<br \/>\nUnd Russland wird weiterhin als \u201eSt\u00f6renfried oder als Aggressor wahrgenommen\u201c. Dies zeigt sich zum Beispiel beim Georgien-Krieg 2008. Georgien hatte S\u00fcdossetien angegriffen. Russische Friedenstruppen waren dort im internationalen Auftrag stationiert und sie griffen Georgien an. \u201ePolitisch und medial wurde daraufhin nicht etwa Georgien abgestraft sondern Russland.\u201c (S. 107)<\/p>\n<p>Anfang 2012 lehnte Russland eine Beteiligung an einem milit\u00e4rischen Eingreifen gegen Syrien mit einem Veto im Weltsicherheitsrat ab. (S. 112) Im Libyen-Konflikt hatte Russland lediglich einer UN-Resolution zugestimmt, die eine Flugverbotszone zum Schutz der Zivilbev\u00f6lkerung gew\u00e4hrleisten sollte. Daraus wurden dann ein Krieg gegen Libyen, es erfolgten Luftschl\u00e4ge und ein \u201eRegimechange\u201c wurde herbeigef\u00fchrt. (S. 114)<br \/>\nHat dieses westliche Vorgehen in Syrien und in Libyen wirklich der Stabilit\u00e4t im Nahen Osten gedient? Sicherlich nicht \u2013 In Libyen streiten verschiedene Stammeskr\u00e4fte, im Irak und in Syrien ist der Islamische Staat (IS) entstanden. Das Vorgehen des Westens war hier immer einseitig \u2013 ohne Abstimmung mit Russland.<br \/>\nDie Ereignisse in der Ukraine sind in j\u00fcngster Erinnerung: Die Unruhen auf dem Maidan, der Putsch gegen die Machthaber, die ein westliches EU-Assoziierungsangebot abgelehnt hatten. Im Osten des Landes wurden die Volksrepubliken Donezk und Lugansk ausgerufen. Die Zentrale in Kiew will die abtr\u00fcnnigen Gebiete zur\u00fcckerobern, er\u00f6ffnet den bewaffneten Kampf gegen die eigenen Landsleute, die Separatisten im Osten werden von Russland unterst\u00fctzt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan kann auch die russische Unterst\u00fctzung der Aufst\u00e4ndischen kritisieren, durch die ein Konflikt angeheizt wurde, der f\u00fcr die betroffene Region inzwischen eine humanit\u00e4re Katastrophe darstellt. Es geht jedoch v\u00f6llig an der Realit\u00e4t vorbei, wenn man behauptet, der Aufstand in der Ostukraine sei ausschlie\u00dflich das Werk russischer Agenten, die eine ansonsten einige Ukraine von au\u00dfen destabilisiert haben.\u201c (S. 141)<\/p><\/blockquote>\n<p>Einen wesentlichen Faktor f\u00fcr die Entwicklung in der Ukraine sieht Krone-Schmalz im geopolitischen Interesse der USA. Diese hatte Russland als Regionalmacht bezeichnet und die Sanktionspolitik gegen Russland forciert. \u00dcber diese sagt der US-Vizepr\u00e4sident Joe Biden 2014: \u201eDie Europ\u00e4er wollten keine Sanktionen gegen Russland, wir mussten sie wirklich dahin treiben.\u201c (S. 159) Letztendlich haben die USA Waffenlieferungen f\u00fcr die ukrainischen Armee gefordert und bis heute teilweise durchgef\u00fchrt.<br \/>\nUnd wiederum spielt der Kampf um Rohstoffe eine gro\u00dfe Rolle:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Ukraine verf\u00fcgt \u00fcber gro\u00dfe Mengen an Schiefergas, vom drittgr\u00f6\u00dften Vorkommen in Europa ist die Rede. Eines der beiden gro\u00dfen Gasfelder liegt in der Ostukraine. &#8216;Amerikanische Firmen brennen darauf&#8217; konnte man in einer Schweizer Wochenzeitung lesen, &#8216;diese von ihnen perfektionierte Fracking-Technologie auch in Europa zum Einsatz zu bringen, und in der Ukraine ist mit dem geringsten Widerstand zu rechnen.&#8217;\u201c (S. 156)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Schlusskapitel erinnert Krone-Schmalz an zwei deutsche Politiker, die au\u00dfenpolitisch den Mut hatten, neue Wege zu gehen und sich dem westlichen \u201eGruppendruck\u201c entzogen haben: Konrad Adenauer war 1955 nach Russland gereist, um die Befreiung deutscher Kriegsgefangener zu erreichen. Willy Brandt hatte durch die Vers\u00f6hnung mit Polen und Russland die Entspannungspolitik eingeleitet und letztendlich auch dadurch die deutsche Einheit erm\u00f6glicht. (S. 162)<br \/>\nOb den USA wohl noch an ein Zitat von Bill Clinton gegenw\u00e4rtig ist, der sagte: \u201eWir Amerikaner sollten an einer Weltordnung mitbauen, in der wir uns auch dann wohl f\u00fchlen, wenn wir einmal nicht mehr das alleinige Sagen haben.\u201c Oder hat Russland doch das Erbe der Sowjetunion angetreten, die nach Ronald Reagan das \u201eReich des B\u00f6sen\u201c war? (S. 163)<br \/>\nHoch interessant der Anhang des Buches mit dem Titel \u201eWie es auch h\u00e4tte laufen k\u00f6nnen.\u201c Ende der neunziger Jahre hatte Krone-Schmalz mit einem Intendanten einer \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ein Fernsehmagazin geplant, das einmal im Monat in der L\u00e4nge von 45 \u2013 60 Minuten auf einem \u201eordentlichen Sendeplatz\u201c \u00fcber die L\u00e4nder der ehemaligen Sowjetunion berichten sollte. Krone-Schmalz hatte dazu ein Konzept, u.a. mit den Themenschwerpunkten Russisches Fernsehen, Regionen, Wirtschaft, Raumfahrt, Milit\u00e4r, Jugend, Frauen, Wissenschaft, Medizin, Kultur, Religion, Tourismus, Geschichte vorgelegt. Wir wissen, wie diese Geschichte ausging. (S. 168)<br \/>\nIhr Schlusswort lautet:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIm Grunde halte ich das Prinzip einer solchen Informationsschiene nach wie vor f\u00fcr eine gute Idee, um platten Freund-Feind-Bildern etwas Substantielles entgegenzusetzen. Gerade in einer Zeit, in der sich eine neue Ost-West-Teilung andeutet, in der ukrainische Politiker, die sich doch angeblich der Demokratie und rechtsstaatlichen Prinzipien so verpflichtet f\u00fchlen, w\u00e4ren \u00f6ffentlich-rechtliche Sender mit ihrer gesetzlich verankerten Verpflichtung genau die richtige Adresse, sich Gedanken zu machen, wie man aus der Sackgasse herauskommt, in der wir nicht nur politisch, sondern auch medial stecken.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/artour\/video258142.html\" target=\"_blank\">Interview mit artour<\/a>, dem Kulturmagazin des MDR, bekr\u00e4ftigt Garbriele Krone-Schmalz: \u201eMan hat Putin nur als KGB-Mann wahrgenommen.\u201c<\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1829&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1829 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1829')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1829').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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