{"id":1074,"date":"2014-10-29T15:34:08","date_gmt":"2014-10-29T14:34:08","guid":{"rendered":"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1074"},"modified":"2015-06-25T08:08:40","modified_gmt":"2015-06-25T06:08:40","slug":"arbeitszeitverkuerzung-teil-eines-emanzipatorischen-zukunftsprojekts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1074","title":{"rendered":"Arbeitszeitverk\u00fcrzung &#8211; Teil eines emanzipatorischen Zukunftsprojekts"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eJunger Freund, sie k\u00e4mpfen f\u00fcr 35 Stunden. Dabei w\u00e4ren zehn Stunden v\u00f6llig ausreichend, wenn die Menschen vern\u00fcnftig mit ihren Ressourcen umgingen.\u201c<br \/>\nOswald von Nell-Breuning, kath. Sozialethiker zu Beginn der 80er zum Kampf um die 35-Stunden-Woche. (zit. nach Heribert Prantl, Wir sind viele, M\u00fcnchen 2011)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aktuell gibt es einen Streit zwischen den beiden deutschen Wirtschaftwissenschaftlern Heinz J. Bontrup und Heiner Flassbeck um die Forderung nach Arbeitszeitverk\u00fcrzung. Bontrup hatte in einem Interview in der Wochenzeitung \u201e<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/felix-werdermann\/wenn-ich-das-vorrechne-sind-alle-erstaunt\" target=\"_blank\">der Freitag<\/a>\u201c gesagt, die Gewerkschaften sollten f\u00fcr ein Ende der 40-Stunden-Woche k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Flassbeck hat sich schon mehrfach gegen Arbeitszeitverk\u00fcrzung unter den jetzigen wirtschaftlichen Bedingungen geringen Wachstums ausgesprochen, er setzt stattdessen auf h\u00f6here L\u00f6hne, um die Binnennachfrage anzukurbeln. \u201eViele fragen sich sicher an dieser Stelle, ob es dann gar keine M\u00f6glichkeit gibt, die Arbeitszeit zu verk\u00fcrzen, selbst wenn die Arbeitnehmer es alle wollen. Doch, die gibt es schon. Die gibt es genau dann, wenn die Nachfrage der Arbeitnehmer, also die Binnennachfrage boomt\u201c, schrieb er schon vor <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/arbeitszeitverkurzung-mit-vollem-lohnausgleich-warum-werden-immer-wieder-die-gleichen-fehler-gemacht\/\" target=\"_blank\">anderthalb Jahren<\/a>, als er den Offenen Brief \u201e<a href=\"http:\/\/www2.alternative-wirtschaftspolitik.de\/uploads\/m0413.pdf\" target=\"_blank\">30-Stunden-Woche fordern! Ohne Arbeitszeitverk\u00fcrzung nie wieder Vollbesch\u00e4ftigung!<\/a>\u201c kritisierte. Neben Bontrup hatten diesen u.a. die Professoren Christoph Butterwegge, Friedhelm Hengsbach, Rudolf Hickel, Mohssen Massarrat und viele andere unterzeichnet.<!--more--><\/p>\n<p>Am 16. Februar 2012 bin ich auf einem Dialogforum der M\u00fcnchener R\u00fcck Stiftung gewesen. Heiner Flassbeck im Gespr\u00e4ch mit J\u00fcrgen Trittin und Prof. Ulrich Wengenroth von der TU M\u00fcnchen. \u201e<a href=\"http:\/\/www.munichre-foundation.org\/de\/home\/DialogueForums\/DialogueForums_Archive\/2012DialogueForums\/Dialogue_Forums2012_February.html\" target=\"_blank\">Rohstoffe und Energie \u2013 wird die Erde neu aufgeteilt?<\/a>\u201c Mir ist die Ratlosigkeit noch in Erinnerung, warum trotz aller technologischen Fortschritte der Ressourcenverbrauch in den letzten gut 40 Jahren, also seit der Warnung durch den Bericht \u201eDie Grenzen des Wachstums\u201c an den Club of Rome, nicht gesunken, sondern gestiegen ist. Hier komme ich zum Thema zur\u00fcck. Die Ankurbelung der Binnennachfrage f\u00fchrt auch zu einem zus\u00e4tzlichen Ressourcenverbrauch. Nat\u00fcrlich ist es richtig und notwendig, dass z.B. Menschen mit nicht existenzsichernden L\u00f6hnen mehr verdienen m\u00fcssen, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu k\u00f6nnen. Doch insgesamt haben wir in dieser Gesellschaft ein Verteilungsproblem und keinen Nachfragemangel. Der von Flassbeck beklagte Nachfragemangel ist ja auch lediglich ein relativer \u2013 n\u00e4mlich im Verh\u00e4ltnis zwischen Exporten und Importen. Das ist aber die logische Konsequenz aus den Handelsbilanz\u00fcbersch\u00fcssen der deutschen Wirtschaft. Aber in einer zunehmend ges\u00e4ttigten \u00dcberflussgesellschaft w\u00e4re ja gerade ein geringerer Ressourcenverbrauch statt \u201ekaufen ohne zu konsumieren\u201c w\u00fcnschenswert, wie z.B. <a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=199\" target=\"_blank\">Harald Welzer<\/a> es zutreffend beschreibt.<\/p>\n<p>Zum Verteilungsproblem: Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland ist seit vielen Jahren relativ konstant, seit 1991 ist sie um 2,6% zur\u00fcckgegangen, die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen allerdings um 8,6% gestiegen (Daten: <a href=\"http:\/\/www.querschuesse.de\/deutschland-arbeitsmarktbericht-dezember\/\" target=\"_blank\">Arbeitsmarktbericht Dezember 2013<\/a>). 16,1% der Bev\u00f6lkerung gelten nach den neuesten Zahlen des <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2014\/10\/PD14_374_634.html;jsessionid=552F311B6145D7195DB9511D536AEB93.cae1\" target=\"_blank\">Statistischen Bundesamtes<\/a> als armutsgef\u00e4hrdet. Neben \u2013 wen verwundert es \u2013 Arbeitslosen sind insbesondere alleinerziehende Frauen hier massiv betroffen. Wir haben eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung ohne Lohnausgleich, viele Teilzeitbesch\u00e4ftigte w\u00fcrden gerne mehr arbeiten k\u00f6nnen. Zugleich sind die Reall\u00f6hne in den letzten Jahren nicht nur hinter der Produktivit\u00e4tsentwicklung zur\u00fcckgeblieben, sondern insgesamt gesunken. Die Lohnzur\u00fcckhaltung der Gewerkschaften seit Mitte der 90er Jahre und die Agenda 2010 lassen gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen dringend \u00fcber Arbeitszeitverk\u00fcrzung reden, und ein wenig vermisse ich, dass auch die NachDenkSeiten hier in eigenen Beitr\u00e4gen kaum dazu beitragen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Keynesianer wie neben Flassbeck auch Albrecht M\u00fcller und Jens Berger immer noch nach L\u00f6sungen innerhalb des kapitalistischen Wachstumszwangs suchen. So als ob es notwendig und ganz nat\u00fcrlich sei, dass die Ein-Ern\u00e4hrer-Familie in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts deshalb obsolet geworden ist, weil als einzige Option nun beide Vollzeit arbeiten und nur so Wohlstand m\u00f6glich ist. Dabei hat Keynes vor 75 Jahren geschrieben: \u201eDer Gang der Dinge wird einfach der sein, dass es immer gr\u00f6\u00dfere und gr\u00f6\u00dfere Schichten und Gruppen von Menschen geben wird, f\u00fcr die sich Probleme wirtschaftlicher Notwendigkeit einfach nicht mehr stellen. Der entscheidende Unterschied wird erreicht sein, wenn dieser Zustand so allgemein geworden ist, dass sich die Natur unserer Pflicht gegen\u00fcber unserem N\u00e4chsten ver\u00e4ndert. Denn es wird vern\u00fcnftig bleiben, wirtschaftlich zielgerichtet f\u00fcr andere zu handeln, nachdem es f\u00fcr einen selbst aufgeh\u00f6rt hat, vern\u00fcnftig zu sein.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.attac.de\/fileadmin\/user_upload\/Kampagnen\/jenseits-des-wachstums\/Keynes%20Enkelkinder.pdf\" target=\"_blank\">Wirtschaftliche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Enkelkinder<\/a>, erschienen in \u201eThe Nation &amp; The Athenaeum\u201c am 11. und 18. Oktober 1930). Das jetzige auch auf der Linken herrschende Denken f\u00fchrt uns meines Erachtens nicht zu einer zukunftsf\u00e4higen Perspektive. Warum also Arbeitszeitverk\u00fcrzung? Knapp fasst es Susanne Haslinger in ihrem Beitrag \u201e<a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/zeit-fuer-neue-arbeitszeiten\/\" target=\"_blank\">Zeit f\u00fcr neue Arbeitszeiten<\/a>\u201c zusammen:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eArbeit fair teilen<\/strong><\/p>\n<p>Moderne Arbeitszeit- und Arbeitsmarktpoltik muss sich an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen orientieren und zum einen, jene, die arbeitsbedingt unter stetig steigendem Druck stehen, zu entlasten und andererseits durch eine faire Verteilung von Arbeit neue Arbeitspl\u00e4tze schaffen.<\/p>\n<p>Eine kluge Verk\u00fcrzung der Vollarbeitszeit mit entsprechendem Lohnausgleich hat eine Reihe positiver Effekte:<\/p>\n<ul>\n<li>eine gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit und somit weniger Arbeitslosigkeit<\/li>\n<li>Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten ges\u00fcnder sind und damit auch eine Reduktion der Krankenst\u00e4nde aufgrund psychischer Belastungen<\/li>\n<li>eine gerechtere Verteilung der bezahlten und unbezahlten (Care-)Arbeit unter den Geschlechtern und damit eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf<\/li>\n<li>eine bessere work-life Balance durch mehr Freizeit<\/li>\n<li>die Ber\u00fccksichtigung \u00f6kologischer und sozialer Ziele\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p>Wie also wollen wir leben? Wie unsere Zukunft nachhaltig gestalten? Diese Fragen d\u00fcrfen wir nicht der herrschenden Politik \u00fcberlassen. Arbeitszeitverk\u00fcrzung ist darin ein wichtiger Baustein, um ein \u201eGutes Leben\u201c anders zu definieren als durch zus\u00e4tzlichen Konsum. Was 40-Stunden-Vollzeitbesch\u00e4ftigten oft fehlt, ist doch gerade die Zeit, f\u00fcr die Familie da zu sein und sich zugleich politisch, kulturell oder sozial zu engagieren. Und die Entwicklungen der letzten Jahre hat die Spielr\u00e4ume nicht gerade erh\u00f6ht. Zum einen hat es in vielen Bereichen eine Arbeitsverdichtung gegeben, zum anderen f\u00fchrt die Erosion des Normalarbeitsverh\u00e4ltnis zu einer Disziplinierung. Wir lassen uns am Arbeitsplatz immer mehr gefallen, um blo\u00df nicht unseren Job zu verlieren. Genau dies m\u00fcssen wir wieder umkehren, den Neoliberalismus aus unseren K\u00f6pfen vertreiben und uns ein Herz fassen, wieder f\u00fcr emanzipatorische Reformen zu streiten. Die Diskussion dar\u00fcber hat gerade erst begonnen, so trug ein Antrag der ver.di-Frauen auf dem Bundeskongress 2011 den programmatischen Titel \u201e<a href=\"http:\/\/bundeskongress2011.verdi.de\/antraege\/antrag.html?cat=A&amp;sort=121&amp;aid=10402\" target=\"_blank\">Mehr Geschlechtergerechtigkeit durch Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich &#8211; weniger arbeiten, damit Alle arbeiten und besser leben k\u00f6nnen<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Genau dieses Zitat von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andr%C3%A9_Gorz\" target=\"_blank\">Andr\u00e9 Gorz<\/a> verbindet die Gewerkschafterinnen mit dem M\u00fcnchner Philosophen Michael Hirsch. In seinem im Fr\u00fchjahr erschienenen Manifest schreibt er:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Option f\u00fcr eine andere Ordnung hat nur als klare Option f\u00fcr ein radikaldemokratisches, \u00f6kologisches, soziales und feministisches Reformprojekt einen Sinn. Nur wenn insgesamt die gesamtgesellschaftliche Produktions- und Arbeitsmenge reduziert wird, besteht die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine Verbesserung \u00f6kologischer Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit auf nationaler und globaler Ebene. Im Mittelpunkt eines fortschrittlichen Reformprogramms stehen die Reduktion und die soziale Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeitsmengen, Arbeitsentgelte, Arbeitszeiten und Arbeitsarten. Das bedeutet, es geht auch um ein ganz anderes Zeitregime. Es geht um die Erfindung, um die soziale Konstruktion und Absicherung anderer Lebensverl\u00e4ufe als der bisher als \u201anormal\u2018 geltenden m\u00e4nnlichen Lebensl\u00e4ufe lebenslanger Erwerbsarbeit in \u201aVollzeit\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.louisoder-verlag.de\/louisoder-verlag-buch-detail.asp?pid=444\" target=\"_blank\">Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen!<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Das diesj\u00e4hrige isw-Forum stand unter dem Thema \u201e<a href=\"http:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=242\">Ist Wohlstand ohne Wachstum m\u00f6glich?<\/a>\u201c. Genau dieser Frage werden wir nachgehen m\u00fcssen, wenn wir die neoliberale Doktrin durchbrechen wollen, die jede Situation, ob Wachstum oder Krise dazu nutzt, von unten nach oben umzuverteilen. Sicher brauchen wir Investitionen in unsere Infrastruktur, z.B. in marode Schulen und Schienen. Wir brauchen eine bessere Versorgung und Betreuung in Altenheimen, mehr ErzieherInnen f\u00fcr kleinere Gruppen. Aber hier steht eben gerade nicht Wachstum im Vordergrund, sondern die Frage der Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen zum Nutzen aller und nicht einer kleinen Elite.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen reden.<\/p>\n<a href=\"https:\/\/nachdenken-in-muenchen.de\/?p=1074&amp;wp_email_popup=1\" onclick=\"email_popup(this.href); return false;\"  title=\"Beitrag versenden\" rel=\"nofollow\">Beitrag versenden<\/a>\n<p class=\"wpf_wrapper\"><a class=\"print_link\" href=\"\" target=\"_blank\">Drucken<\/a><\/p><!-- .wpf_wrapper --><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1074 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1074')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1074').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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