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Gute Arbeit – eine richtige Forderung der Gewerkschaften, aber springen wir nicht zu kurz?

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Foto: NiklasPntk

Vorweg: ich bin aus Überzeugung Gewerkschaftsmitglied, und das seit fast 30 Jahren. Zu Anfang des Jahres 1990 bin ich in die ötv eingetreten – und ich war stolz auf meine Gewerkschaft, als es 1992 zum längsten Arbeitskampf im öffentlichen Dienst in der Geschichte der Bundesrepublik kam. Und lang habe ich davon profitiert, dass die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu kürzeren Arbeitszeiten geführt haben, auch wenn es im sozialen Bereich nie weniger als 38,5 Stunden pro Woche geworden sind. Und selbstverständlich bin ich heute raus auf die Straße gegangen um an Demo und Kundgebung teilzunehmen.

Gewerkschaften müssen sich neben angemessenen Lohnerhöhungen immer um die Verbesserung der Arbeitsbedingen kümmern, schließlich sind wir die eine Selbsthilfeorganisation, der es gelingen kann, die schlimmsten Auswüchse der Ausbeutung im Kapitalismus abzuwehren. Und jeder Arbeitnehmer, jede Arbeitnehmerin, der bzw. die nicht gewerkschaftlich organisiert ist, darf sich über schlechte Arbeitsbedingungen oder geringe Bezahlung nicht wundern. Wer sein Recht auf Widerstand durch solidarisches Handeln verzichtet, braucht von guter Arbeit auch nicht träumen. It’s capitalism, isn’t it?

Gute Arbeit. Das ist ein Leitbild, dass sich die Gewerkschaften zu Recht auf ihre Fahne schreiben – und es ist nun seit gut 10 Jahren auch ein Index, der regelmäßig vom DGB erhoben wird:

“Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften haben „Gute Arbeit“ zu ihrem Leitbild für die Entwicklung der Arbeitswelt gemacht. Gute Arbeit bedeutet: faires Einkommen, berufliche und soziale Sicherheit sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz, der hilft, gesund das Rentenalter zu erreichen. Weitere Aspekte Guter Arbeit sind ein respektvoller und wertschätzender Umgang zwischen den Beschäftigten einschließlich der Vorgesetzten, umfassender und klarer Informationsfluss, ausgewogene Arbeitszeiten und gute betriebliche Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Auch Arbeitnehmermitbestimmung ist elementarer Bestandteil des Leitbilds. Der Begriff „Gute Arbeit“ geht auf den englischen Begriff „Decent Work“ zurück, der wörtlich so viel wie „menschenwürdige Arbeit“ bedeutet. Die Internationale Arbeitsorganisation IAO hat mit der „Decent Work Agenda“ ihre Grundsätze und Prioritäten für die menschenwürdige Gestaltung der weltweiten Arbeits- und Lebensbedingungen formuliert.”

Quelle: Was ist der Index? [1] -> Glossar “Gute Arbeit”

Das unterschreibe ich auch sofort. Insofern sind Kampagnen und Tarifkonflikte zur besseren Personalausstattung in der Pflege auch konsequent richtig und notwendig. Auch die Anklage der Ausbeutungsbedingungen in der Branche der Paketzusteller ist dringend notwendig. Eine gesetzliche Regulierung über die sogenannte Nachunternehmerhaftung wie nun von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in die Diskussion gebracht, ist für mich zwingend.

Es hat mal eine Zeit gegeben, da war die Utopie der Gewerkschaften noch die Befreiung in der (Lohn-)Arbeit und die von der (Lohn-)Arbeit. Auch Ökonomen wie John Maynard Keynes [2] haben die Vorstellung gehabt, dass wir im 21. Jahrhundert deutlich weniger als 35 oder 40 Stunden arbeiten. Und während der Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche in den 1980er Jahren sagte der katholische  [3]Sozialphilosophe Nell-Breuning zum gewerkschaftsnahen Soziologen Oskar Negt:

“Junger Freund, sie kämpfen für 35 Stunden. Dabei wären 10 Stunden völlig ausreichend, wenn die Menschen vernünftig mit ihren Ressourcen umgingen.”

Gute Arbeit ist also, wie es heute die DGB-Jugend auf der Maikundgebung in München [4] zu Recht gesagt hat, eine, bei der wir zunehmend weniger abhängig beschäftigt arbeiten werden. Sie ist auch Arbeit, bei der wir mit 25-30 Stunden pro Woche (oder weniger) unsere eigene Existenz gut gesichert wissen. Aber dennoch fehlt mir da was, was zwingend in die gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse gehört.

Ein Arbeitsplatz in einem Kohlekraftwerk, in der Rüstungsindustrie kann niemals Gute Arbeit sein, selbst wenn die oben genannten Kriterien erfüllt sind. Und ob es in der Agrarchemie oder der Automobilindustrie in einem umfassenderen Sinn Gute Arbeit gibt bzw. geben kann, würde ich auch in Zweifel ziehen wollen. Gute Arbeit kann nur solche sein, die der “Lebensdienlichkeit der Wirtschaft” (Heribert Prantl [5]) verpflichtet ist. Prantl hat sich vor acht Jahren in seiner Anklage gegen den Finanzkapitalismus zu Recht mit der sozialen Frage beschäftigt und vor dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft gewarnt. Was er aber außer Acht gelassen hat, ist, dass dies zugleich mit der ökologischen Frage verbunden werden muss. Lebensdienlichkeit ist ein schöner und treffender Begriff, aber er muss global gedacht werden und die nachfolgenden Generationen mit einbeziehen. Lebensdienlichkeit der Wirtschaft würde ich konsequenterweise mit  Gemeinwohlorientierung der Wirtschaft gleichsetzen. Arbeit, die die natürlichen Ressourcen zerstört, die den Klimawandel forciert, dürfen wir nicht mehr als Gute Arbeit durchgehen lassen, auch wenn dort mit nur 30 Stunden pro Woche sichere Arbeitsplätze existieren, die menschengerecht ausgestattet sind. Auch Arbeitsplätze, die durch die Ausbeutung des Globalen Südens hier bei uns existieren, bieten keine Gute Arbeit in diesem umfassenderen Sinn, den wir uns als Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen aneignen müssen. Gute Arbeit muss auch klimaverträglich und zukunftstauglich sein, faire Handelsbedingungen sind zudem notwendige Voraussetzung.

Das Festhalten an der “imperialen Lebensweise [6]” (Ulrich Brand/Markus Wissen) muss ein Ausschlusskriterium werden für die mittel- bis langfristige Strategie der Gewerkschaften. Wir müssen eine umfassende “sozial-ökologische Transformation” hin zu einer solidarischen Lebensweise mitdenken und in unsere gewerkschaftlichen Forderungen einbeziehen. Wir als Gewerkschaften müssen uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass unsere Wirtschaft wachsen muss. Wir leben in einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen und vor allem begrenzten Möglichkeiten der Natur unser umweltschädliches Verhalten zu puffern. Der Wachstumszwang des Kapitalismus ist auch mit Guter Arbeit nicht einzuhegen. Für ein gutes Leben hier brauchen wir auch kein materielles Wachstum mehr, im Gegenteil (Verteilungsfragen allerdings sind zu stellen, denn ein Leben auf Grundsicherungsniveau bzw. mit Hartz IV oder explodierende Mieten sichern kein gutes Leben).

Also, die sozial-ökologische Transformation heißt auch, dass es natürlich gute Arbeitsbedingungen in der Rüstungsindustrie braucht, solange dort noch Menschen arbeiten, aber wissend und fordernd, dass dies keine langfristig zu garantierenden Arbeitsplätze sein dürfen. Das wirft auch die Frage auf, wo denn neue Arbeitsplätze entstehen, damit die KollegInnen eine gesicherte Perspektive haben und nicht arbeitslos werden (wo sich der Kreis zur Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich schließt). Auch für die Automobilindustrie stellt sich die Frage, was denn unter Guter Arbeit zu verstehen ist, wenn die individuelle Mobilität durch einen zwingenden Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs an Bedeutung verliert und verlieren muss. Arbeitsplatzgarantien bei Opel, Ford oder Volkswagen sind auf dem Hintergrund der Klimakrise nicht “lebensdienlich”, weil wir eine deutliche Reduktion der Produktion brauchen um gegenzusteuern. Auch das Elektroauto bietet uns angesichts des Ressourcen- und Energieverbrauchs allein in der Produktion keinen Ausweg.

Die Gewerkschaften haben keine Alternative: entweder werden sie ökologische und Klimafragen zwingend in ihre Strategien mit einbauen oder aber sie werden angesichts der Dynamik der klimatischen Veränderungen und den aktuell entstandenen Bewegungen Fridays For Future [7] und Extinction Rebellion [8] noch mehr an Bedeutung verlieren als in den letzten 20 Jahren. Wir müssen trennen zwischen dem zwingenden Erhalt (und Ausbau) von sozialen Errungenschaften, diese sind auch ein Teil der Utopie der Befreiung in und von der Arbeit, und der Frage, welche Arbeitsplätze wir warum zu guten Bedingungen verteidigen bzw. beispielsweise in Bildung und Pflege einfordern. Dabei ist die große Herausforderung, die Kolleginnen und Kollegen in der Angst um den eigenen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, aber ich sehe keine Alternative dazu, wenn wir als Gewerkschaften zukunftsfähig werden wollen.

Auf uns kommen ungemütlichen Zeiten zu. Arbeitszeitverkürzung und der sozialverträgliche Ausstieg aktuell aus dem Braunkohletagebau und mittelfristig aus Rüstungsindustrie und Massenautomobilproduktion werden nur mit heftigen Auseinandersetzungen gelingen. Eigentums- und Verteilungsfragen werden uns stark herausfordern. Aber wir müssen es für uns und die nachfolgenden Generationen jetzt tun. Alles andere wäre grob fahrlässig angesichts des Wissens um die ökologischen Herausforderungen. Und: wenn wir diesen Weg beschreiten, können wir uns verbünden mit der globalen Klimabewegung. Wenn nicht, werden wir uns die Frage stellen lassen müssen, wozu es uns noch braucht, wenn wir konservativ an alten Positionen festhalten.

Bilquelle: NiklasPntk [9] |Pixabay [10]

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Endnotes:
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