- Nachdenken in München - https://nachdenken-in-muenchen.de -

Gemeinsam für die Verzuckerung des Abendlandes!

[1]

“Tell Your Story” von Wade M

Ein Gastbeitrag von Noreen Chen[2]

Wann hast du dir das letzte Mal eine Tasse Zucker vom Nachbarn ausgeliehen? Kennst du deinen Nachbarn überhaupt? Macht nichts, ich ebenfalls nicht.
Ich denke, dass dies eins von vielen Anzeichen einer Gesellschaft ist, die andere nicht am Ellbogen aufhilft, sondern den Ellbogen in die Seite rammt, um am Grabbeltisch die letzte Strumpfhose für 2,99€ zu bekommen.
Ist eine Tasse Zucker der Schmetterlingsflügelschlag, der zum Beispiel unseren Umgang mit Flüchtlingen als Orkan zur Wirkung hat? Ich behaupte ja!

Es kann nur noch um einzelne Bedürfnisse oder um unser aller Bedürfnisse gehen. Beides gleichzeitig zu erfüllen scheint nahezu unmöglich zu sein. Dabei könnten wir doch einfach den Absprung wagen, das Ego hinten anstellen und uns wieder dem altgedienten Ausspruch: Was man nicht will, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu, zuwenden. Wieso geht das nicht? Wieso perfektionieren wir die Ellbogengesellschaft heutzutage? Die Verrohung auf allen Ebenen und Dimensionen ist kaum mehr zu übersehen. Oder welche Ideale hat eine Gesellschaft von Kommunikation, wenn das Wort „Shitstorm“ schon ein alltägliches Freizeitvergnügen ist? Vermutlich nicht mehr allzu viele. Wenn „das“ Kollektiv sich verabredet auf einen gemeinsamen Feind einzuschlagen, scheint der Durchschnittsdeutsche absolut befriedigt zu sein.

Problematisch ist daran wohl, dass viele Menschen gar kein Kollektiv mehr sein wollen. Zumindest in der Realität. Die Angst der Menschen, einen Teil ihrer Identität zu verlieren, wenn sie sich in einer Masse anpassen, anstatt sich abzuheben, ist zu groß. Genau wie die Angst davor, dass die zentralen Fragen unserer Existenz: nach dem ‘Wer bin ich’ ihre Bedeutung verlieren, wenn aus dem ICH ein WIR wird.
Andere wiederum sehnen sich danach, einen Teil ihrer Identität im Kollektiv zu finden.

Hinzu kommt, dass sich in der Politik und auch in der Gesellschaft schon lange das kapitalistische Menschenbild durchgesetzt hat: Du bist gut, wenn du viel tust. Du bist wertvoll, wenn du Wert hast, nicht wenn du Werte leistest.
Finden wir unsere Identität durch die Gesellschaft, in der wir nur noch von Wert sind, wenn wir Leistungsträger sind?
Ja. Als Katalysator dafür haben sicherlich im Bildungsbereich die Bologna-Reform [1] und im sozialen Bereich die Hartz IV Reform [2] gewirkt. Anstatt gegenzulenken durch sozial und rechtsstaatlich verpflichtende Normen, eilt der Gesetzgeber hier von einer wirkungslosen Maßnahme zur nächsten.
Ein Beispiel: Die Familienzeit (mit semantischer Überschneidung zur Elternzeit), empfinden wir als Privileg, für dass wir dankbar zu sein haben. Nicht nur dadurch, dass der Gesetzgeber alles dafür tut uns am Arbeitsplatz zu halten, auch der Druck der Arbeitgeber leistet seinen Beitrag dazu.
“Wow, du brauchst nicht arbeiten?” Anerkennende Blicke. Oder abwertender Unterton, ob aus Neid oder aus einem Leistungsgedanken heraus, das lässt sich wohl nicht immer feststellen. Eins lässt sich aber hervorragend feststellen: der Zusammenhang besteht zwischen dem Leistungsgedanken als Anforderung an den Einzelnen und die gesamte Gesellschaft.

Die Umdeutung der gesellschaftlichen Begrifflichkeiten von Leistung und Werten, die statt einem moralischen, eine materielle Bedeutung erhalten, zeigt sich nicht nur in den genannten Bereichen des Makrokosmos, sondern auch im einzelnen Mikrokosmos.
Es zeigt sich darin, dass wir nicht mehr füreinander da sind. Dass wir uns virtuell nur noch im Negativen verbinden können. GEGEN die Moslems. GEGEN die, die gegen Moslems sind. GEGEN.. GEGEN.. GEGEN.
Wir sind gegeneinander auf so vielen Ebenen unseres Miteinanders, dass wir vergessen haben miteinander zu leben.
Und so driften wir vom gemeinsamen „dagegen“ Sein zu einem einsamen „dafür“ Sein.
Und so schließt sich der Kreis. Die Unzufriedenheit mit dem Alleinsein und dem Bewusstsein, dass einem niemand zuhört, wenn man sagt, wofür man eigentlich ist, führt dann dazu, dass man wieder dagegen ist. Und da findet sich bestimmt jemand, der das doch ganz genauso sieht….

Und in dem Kollektiv, da hat jeder seine ganz eigene Geschichte.
Also ich für meinen Teil, habe zur Zeit nicht das Vertrauen in eine Gesellschaftsdynamik, hin zum Kollektiv. Ich vertraue mittlerweile weder der Politik, dass sie sich unseren Staatszielen und Prinzipien verpflichtet fühlen. Noch vertraue ich den Menschen, dass sie gut zueinander sind. Dass sie so leben, und leben wollen, dass ihre Kinder und Kindeskinder auch noch gut leben können.
Mir selber kann ich auch schlecht vertrauen. Die vielen Meinungen und die Komplexität der Welt führt bei mir mittlerweile nur noch zu Perplexität.
Ich schaffe es nicht mehr alles zu überprüfen, was ich in der Zeitung lese. Also lese ich gar keine mehr. Ich schaffe es nicht die ganzen Quellen zu sichten, in einem Blog Artikel um herauszufinden, ob dort die Wahrheit (TM) steht. Also lese ich kaum mehr etwas.
Ich bin einfach müde und ausgelaugt von dem information overflow.
Manchmal sehne ich mich danach in dem Kollektiv unterzugehen, um mir eine eigene Meinung zu ersparen. Und manchmal möchte ich genau das nicht, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich dort nicht wiederfinden kann.
Ich erschrecke, wenn ich sehe wie 15 000 Menschen gegen Menschen wie mich demonstrieren. Ich erschrecke aber genauso, wenn ich die Gegendemo nicht besuchen kann, weil ich getrieben davon bin Höchstleistung im Studium zu bringen. Damit ich als Individuum heraussteche: besonders gut, besonders gebildet und damit wertvoll für die Gesellschaft. Das ist meine ganz eigene Geschichte im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Gesellschaft.

Und eigentlich..
..hat mir niemand zugehört. Bis zu einem Punkt in meinem Leben, wo ganz andere Menschen, aus ganz anderen Bereichen – auf einmal zugehört haben.
Und dann haben wir unsere Lebenswelten verglichen, haben das herausgearbeitet, was du alles schon gelesen hast.
Wir haben über Solidarität im Gemeinsamen gesprochen. Über Schicksale von Einzelnen.
Wir haben festgestellt, dass die Unterschiede – die vielen kleinen Geschichten im Großen und Ganzen, die kleinen Mikrokosmen im Makrokosmos – dass die das Wichtigste sind.
Also hören wir zu und vervollständigen das Bild der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft, das sind genauso wenig die wenigen Meinungsmacher, wie Karl Lagerfeld der einzige Modemacher ist.
Verabschieden wir uns von allgemein gültigen Maßstäben. Wir können ein Kollektiv sein, wenn wir uns zuhören und die Gemeinsamkeiten finden. Und wenn wir die Gemeinsamkeiten finden, dann bilden wir eine starke Basis gegenüber den Unverbesserlichen. Den Idioten des Abendlandes, den Idioten dieser Welt.
Wir bilden eine Opposition gegenüber der Politik, weil unser Zuhören sich nicht auf 4 Jahre beschränkt und nicht unsere Geschichte im Vordergrund steht, sondern die von den anderen.
Du musst deine Geschichte erzählen, damit dir einer zuhört. Du kannst entdecken, dass deine Geschichte vielleicht gar nicht soviel anders ist, als unsere.
Wenn dir also am Abend Zucker fehlt, zettel keinen Shitstorm gegen das Ladenschlussgesetz an. Geh doch einfach mal beim Nachbarn klingeln, der hat bestimmt was da!


Bildquelle: Wade M [3] / CC BY-SA 2.0 [4]

Beitrag versenden[3]
Endnotes:
  1. [Image]: https://farm4.staticflickr.com/3131/2901137499_ce6c156ce3_o.jpg
  2. Noreen Chen: http://www.gegengerade.yolasite.com/autoren1.php
  3. Beitrag versenden: https://nachdenken-in-muenchen.de/?p=1589&wp_email_popup=1