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Die IG Metall verpasst eine historische Chance

Warum die aktuellen Tarifforderungen einen schweren strategischen Fehler darstellen

von Michael Hirsch[1]

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Tarifrunde 2018: Plakate der IG Metall am Gebäudeschild eines bestreikten Betriebs

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. So auch in der Tarifpolitik. Nach über 20 Jahren Stillstand in Sachen progressiver Arbeitszeitpolitik hat die IG Metall in der aktuellen Tarifrunde die Chance verpasst, sich noch einmal an die Spitze einer fortschrittlichen Bewegung zu stellen. Anstatt mutig und selbstbewusst für eine generelle Arbeitszeitverkürzung auf 30 Wochenstunden einzutreten, schränkt sie die Möglichkeit für Arbeitszeitreduktionen unnötigerweise auf bestimmte Kategorien von Arbeitnehmern und bestimmte Momente der Erwerbsbiografie ein. Dies ist ein schwerer Fehler. Denn fortschrittliche soziale Rechte sind nur dadurch fortschrittlich, dass sie allgemein sind und allgemein gelten. Eine proletarische Massenbewegung inklusive größerer Streiks und einer breiteren gesellschaftlichen Solidarisierung wäre nur dann möglich, wenn Tarifforderungen tatsächlich als allgemeine erhoben würden: wenn wirklich alle Beschäftigten von ihnen profitieren würden. Das könnte aber nur die Forderung nach einer generellen Arbeitszeitverkürzung sein. Nur wenn ganz deutlich gesagt wird: „Die Fortschritte der Produktivkräfte und die Entwicklung der Unternehmensgewinne erlauben hier und heute gerade in der Metall- und Elektroindustrie eine deutliche Verringerung der Normalarbeitszeit für alle, ohne Verluste von Einkommen und mit vollem Personalausgleich“, würden die Mehrheit der Beschäftigten verstehen: Davon profitieren alle, weil es ihren Alltag dauerhaft entlastet.

Tarifnormen sind die bedeutendsten zeitlichen, aber auch symbolischen Regularien unseres Alltags. Daher ist es so wichtig, gegen den fatalen Trend zur Flexibilisierung und Individualisierung an ihnen als allgemeinverbindlichen Normen festzuhalten. Tarifnormen prägen Lebensläufe und strukturieren den Alltag. Sie klären, was wir voneinander normalerweise und legitimerweise erwarten können. Das gesamte System geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung beruht eben genau darauf: dass die normalen Arbeitszeiten generell und im Prinzip, und eben nicht nur phasenweise zu lang sind, um mit dauerhaften Verpflichtungen in Haushalt und Familie vereinbar zu sein. Warum also sollte man Arbeitszeitreduktionen auf jüngere Eltern und Kinder pflegebedürftiger Angehöriger sowie Schichtarbeiter*innen einschränken? Mit dieser Einschränkung wird eine fatale Aussage verbunden: Sie besagt, dass die herrschenden Arbeitszeiten im Normalfall in Ordnung sind, und nur in einigen kürzeren Lebensphasen eingeschränkt werden müssen. Das aber ist eine fundamental falsche Aussage. Sie geht an der Lebensrealität von Millionen von Menschen vorbei, die in ihrem Alltag nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft von Überlastung und Stress geplagt sind.

Meines Erachtens gibt es hier nur eine fortschrittliche Forderung: die nach einer generellen Verkürzung der Normalarbeitszeiten. Das wäre eine bedeutende gleichstellungspolitische Hypothese, welche auf einer ganz allgemeinen Ebene die ungezählten Stunden von unbezahlt verrichteter Arbeit in Haushalt und Familie anerkennt – aber auch diejenigen im Sozialwesen, im politischen Engagement und in der Kulturarbeit. Arbeitszeitnormen sind eben nicht nur bedeutende Rechtsnormen, sondern auch die vermutlich wichtigsten symbolischen Normen in der Gesellschaft. Sie legen gleichsam die Wertschätzungshierarchien fest. Wenn das, was rhetorisch immer wieder beschworen wird: die Aufwertung von unbezahltem Engagement in Familie und Gemeinwesen, tatsächlich ernst gemeint sein soll, dann kommen wir um eine progressive Änderung herrschenden Arbeitszeitnormen in Richtung 30-Stunden-Woche und darüber hinaus nicht herum. Die im Rahmen von Industrie 4.0 und Digitalisierung der Arbeit erwartbaren Produktivitätsfortschritte legen dies ebenfalls nahe.

Die richtige Strategie der Arbeiterbewegung und der progressiven Teile der Gesellschaft insgesamt kann also nur in der fortschreitenden Verkürzung der Normalarbeitszeiten liegen. Das bedeutet, dass drei Leitideen miteinander verbunden werden: eine sozialpolitische, eine gleichstellungspolitische und eine kulturelle. Das Ziel wäre die möglichst gleichmäßige und faire Verteilung der Erwerbsarbeit auf alle Arbeitnehmer*innen; die möglichst gleichmäßige und faire Verteilung von Haushalts- und Familienarbeit auf alle; und schließlich die größtmögliche Lebensqualität aller. Oft wird von Seiten der Arbeitgeber, aber auch von Beschäftigten gegen generelle Arbeitszeitverkürzungen ins Feld geführt, dass viele gerne weiterhin in den heute üblichen Vollzeitnormen arbeiten möchten (je nach Branche also zwischen 35 und 40 Stunden). Solange es aber darum geht, eine gleichmäßige Erwerbsbeteiligung aller zu subsistenzsichernden Löhnen zu sichern (und damit auch eine möglichst allgemeine Teilhabe an den materiellen und sozialen Rechten, die mit Erwerbsarbeit verbunden sind), so lange wird man diesen Leuten antworten müssen: Wenn ihr findet, dass ihr weiterhin länger erwerbstätig sein wollt, wenn ihr also weiterhin weniger im Bereich der unbezahlten Arbeit in Familie und Gemeinwesen tätig sein wollt als die anderen, dann müsst ihr euch vielleicht nach Nebenjobs umsehen.

Man kann sich vorstellen, warum die IG Metall solche Aussagen und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit ihren zumeist männlichen Mitgliedern gescheut hat. Offensichtlich sind sie noch nicht so weit. Es muss klar sein: Hier geht es um einen paradigmatischen Kampf: den um die allgemein herrschenden gesellschaftliche Normen. Die IG Metall hat in der diesjährigen Tarifrunde ihre fortschrittlichen Gedanken in Details und Ausnahmeregelungen versteckt und den eigentlichen Konflikt auf die Zukunft verschoben. Das ist schade. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.


Michael Hirsch ist Politikwissenschaftler und Philosoph

Er unterrichtet Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen. 2016 hat er das Buch „Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft“ publiziert. Er ist Mitglied des Arbeitskreises „Arbeit Fair Teilen“ von Attac und des Wissenschaftlichen Beirats von Attac.

Dieser Beitrag ist Mitte Januar während der Tarifrunde 2018 entstanden.

Bildquelle: Wzwz (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons [1]

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Endnotes:
  1. Michael Hirsch: http://www.michael-hirsch-archiv.de/
  2. [Image]: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d4/Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg/768px-Wzwz_180131_IGM_Tarifrunde_f.jpg
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