Eine Reise nach Westfalen

Münsterland Radfahren Radtour Radweg

http://www.muensterland-tourismus.de/4495/Radfahren_Muensterland / Muensterland e.V.

Eingeladen sind wir zu der Abiturfeier des Gymnasium Dionysianum in Rheine an der Ems. Ich bin Goldener Abiturient (Abitur 1966) und darf die Gastrede halten.

Die Reise führt uns über den Flughafen Münster/Osnabrück (kurz: FMO) nach Münster und Rheine. Wir erfahren einiges über den Zustand der Infrastruktur in Deutschland, über Verkehrssysteme, über Fahrräder und die Deutsche Bahn.

Angekommen am Flughafen FMO möchten wir den im Fahrplan angekündigten Fernbus nach Münster nehmen. Angezeigt an der Abfahrtsstelle wird dieser Bus allerdings nicht. Aber der Bus, der angezeigt wird, kommt auch nicht. Wir beschließen zu warten, die Taxifahrer rechnen mit unserer steigenden Ungeduld. Der Bus, der dann nach 1,5 Stunden Wartezeit erscheint, ist weder angekündigt noch im Fahrplan. Er hält auch erst, nachdem wir lautstark rufen und heftig winken. Der Fahrer sagt, wir hätten auf der falschen Bank gesessen. Er revanchiert sich aber und fährt uns direkt am Hotel in Münster vorbei, obwohl dieses nicht auf seiner planmäßigen Route liegt.

Nach Rheine fahren wir mit der Deutschen Bahn. Die Rückfahrt mit dem Zug laut Fahrplan verschiebt sich mit der lapidaren Ankündigung „Dieser Zug fällt heute aus.“ Ich leihe einer älteren Dame mein Handy, damit sie zuhause Bescheid sagen kann, denn das öffentliche Telefon funktioniert ebenfalls nicht. Sie hatte sich noch am Morgen den Fahrplan bestätigen und ausdrucken lassen. Aber dafür kann man nun im Zug sein Handy aufladen. Dass ist wirklich ein Fortschritt.

In Münster fahren so viele Fahrräder, wie ich noch nie gesehen habe. Die Stadt hat 280.000 Einwohner, darunter 50.000 Studenten, aber 500.000 Fahrräder, eine Fahrradwaschanlage, einen Mittleren Ring (die „Promenade“) nur für Räder, unzählige Fahrradverleihstationen und sogar eine „Fietsenbörse“. (Fietse ist plattdeutsch für Fahrrad.) In dem Bericht “Mit dem Fahrrad durch Münster” heisst es:

Zum sicheren Abstellen der Räder gibt es in Münster gleich drei Radstationen. Die Radstation am Hauptbahnhof ist mit 3.500 Stellplätzen die größte in Deutschland. Sie bietet neben den Abstellplätzen einen Werkstatt-Service, einen Fahrradverleih und sogar eine Fahrrad-Waschanlage! In der Radstation der Münster Arkaden stehen ebenfalls Mietfahrräder für eine spontane Fahrradtour durch Münster zur Verfügung. Ein Reparaturservice und ein Verkauf von Fahrradzubehör komplettieren das Angebot. Das “Radlager” an der Stubengasse bietet Platz für 360 Fahrräder. In Schließfächern werden Einkaufstaschen, Regenkleidung oder Fahrradhelme sicher aufbewahrt. Kein Wunder, dass Münster schon häufiger als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet wurde.

Mein Eindruck ist, der öffentliche Nahverkehr kommt bei dem gut ausgebauten Radwegenetz zu kurz. Mit dem Bus fahren fast ausschließlich ältere Menschen, am Abend ist der Fahrplan in Form von Nachtlinien stark ausgedünnt.

In meinem Grußwort an die Abiturienten des Jahrgangs 2016 habe ich bewusst darauf verzichtet, Ratschläge fürs Leben zu erteilen – das taten andere wie der Rektor oder der Bürgermeister. Hier ein Ausschnitt:

Meine Entwicklung zum Staatsbürger war vor 50 Jahren gerade mal eingeleitet.

Der Geschichtsunterricht in diesen Jahren war – sicherlich nicht nur an dieser Schule – manchmal problematisch. Die Bemerkung unserer Englischlehrerin, diese Pilzköpfe aus Liverpool seien lauter Taugenichtse, war eher eine Bagatelle. Zur Frage der Schuld für den Ausbruch des zweiten Weltkriegs hieß es, „glaubt ihr der Iwan hätte gestanden Gewehr bei Fuß“ – falls Deutschland also nicht angegriffen hätte. Uns wurden Geschichtsbilder geliefert, die später deutlich zu revidieren waren. Der Grundstein für die Rebellion der 68’er Generation war damit gelegt.

An der Uni genoss ich eine recht entspannte Studienzeit – hier und da mal eine Vorlesung oder Übung. Später allerdings sollten sich die Bedingungen des studentischen Lernens gravierend ändern.

Seit einigen Jahren nun lehre ich an der Hochschule in München das Fach Projektmanagement, übrigens eine Disziplin, die ich Ihnen nur wärmstens empfehlen kann. Sollten Sie aber wirklich glauben, ihren wöchentlichen Stundenplan nun in die Tonne treten zu können, so haben Sie sich geirrt. Die Ökonomisierung der Bildung hat wahre Fortschritte erzielt, sie werden anfangen, Credit Points zu sammeln und erst wenn Sie ihr Konto gut gefüllt haben, dürfen Sie den nächsten Schritt ins Leben tun.

Es gibt einiges Feedback dazu. Aber was bleibt? Münster ist eine sehr progressive Stadt und unsere öffentlichen Verkehrsmitteln sind nicht zuverlässig. Das müssen gerade diejenigen ertragen, die darauf angewiesen sind.

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3 Gedanken zu „Eine Reise nach Westfalen

  1. Andreas Mirgel

    Servus Ludger,

    ja ein interessanter Zustandsbericht. Das mit dem ÖPNV hatte ich nicht erwartet.
    Aber angesichts Deiner Fahrrad Erfahrung mit Münster:
    Hast Du eine Ahnung wie das Marketing von München zu dem Schluß kommt, München sei die “Radlhauptstadt”???
    Wahrscheinlich muss man “Weltstadt mit Herz” ebenso anzweifeln…

    VG Andreas

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    1. Ludger ElmerLudger Elmer Beitragsautor

      Wie die Münchner darauf kommen, weiss ich nicht. Allein schon das Bild der vielen Räder ist ein so ungewohntes, dass es sich total unterscheidet von den Münchner Eindrücken. Aber ich denke, man kauft sich irgendeine Studie und schon ist man bei entsprechender Bezahlung Hauptstadt von Irgendetwas. Und Münster behauptet, die lebenswerteste Stadt der Welt zu sein, Na Ja. Ein Besuch ist es allemal wert, zumal meine Heimat!

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  2. Clemens August Homann

    Hallo Ludger Elmer,

    vielleicht erinnerst Du Dich noch an mich, vielleicht besser, wenn ich meinen alten Spitznamen nenne: OMO. Beim “Googeln”, was denn bestimmte Riesenbecker heute so machen, bin ich auf Dich und dabei auf Deinen politischen Artikel bei NACHDENKEN IN … MÜNCHEN gestoßen – ich teile Deine Auffassungen darin und freue mich, dass es auch heute noch ehemalige Riesenbecker gibt, die trotz deutlich zugenommenen Alters und damit oft verbundener Gesetztheit offenbar nicht automatisch in die politischen Gefilde ihrer Väter gerutscht sind …
    Auch Deine REISE NACH WESTFALEN fand ich interessant, vor allem, weil ich seit einiger Zeit Stadtführungen in Münster durchführe und seit kurzem – also ganz frisch – in Eigenregie mit einem besonderen Konzept, nämlich CLEMENS AUGUT MÜNSTER MUSIKALISCH. Hierbei begeben sich Familien, Freunde, Vereine oder Teams mit mir auf einen unterhaltsamen Entdeckungsgang durch Münsters Innenstadt und lassen sich dabei von meinen informativen und amüsanten Songs mit eigenen, auf die Sehenswürdigkeiten Münsters passgenau zugeschnittenen Texten überraschen, ich trage die Songs mit eigener Gitarrenbegleitung vor. Näheres spätestens ab Weihnachten unter clemens-august-mm.de
    Auch bei meinen musikalischen Entdeckungsgängen wird übrigens deutlich, dass Münster – und nicht München – mit geschätzten weit über 500.000 Leezen Deuschlands Fahrradhauptstadt ist …
    Wenn Du mal Lust hast, mit einer Gruppe meinen informativen und amüsanten Entdeckungsgang durch das gute, alte Münster zu machen – herzlich gern!
    Und mit Blick auf längst vergangene Zeiten erinnere ich mich übrigens gern an die Kreis-Meisterschaft mit Deiner A-Jugend-Fußball-Truppe von TEUTO in den frühen 1960-er Jahren und auch Deinen unersättlichen Tordrang, später auch in der Landesliga, wenn Du Deinem, die Ecke tretenden Kollegen immer wieder “den Vogel zeigtest”, um ihn zu animieren, das Spielgerät doch bitte genau auf Deine Rübe zu servieren, damit Du dieses dann per Kopfball im Netz versenken kannst , was Dir etliche Male – übrigens mit vorbildlicher Körperhaltung (angewinkelte Arme etc.) gelungen ist.

    Soweit erst mal.

    Liebe Grüße aus Münster
    Clemens August Homann (OMO aus Birgte) ?!?!?!

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