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Bin ich eine Fluchtursache?

Foto: mightymightymatze

Von Judith Amler

Als Bürger*innen einer der reichsten Volkswirtschaften der Erde, aber auch einfach als Menschen mit Herz und Verstand, haben wir Verantwortung: Wir haben zuallererst die heute ganz konkret gefragte Verantwortung, Flüchtlingen, die bei uns Schutz vor Krieg, vor Verfolgung und vor Elend suchen, zu helfen und sie wo es geht zu unterstützen. Da können wir als Bürger*innen ganz viel tun.1 [1] Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht, das sowohl in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung als auch in unserem Grundgesetz verankert ist – das Gebot der Nächstenliebe trifft jeden von uns persönlich!

Wir haben aber auch die Verantwortung für Fluchtursachen: Die Bundesregierung und die EU predigen spätestens seit zweien der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen, bei denen im April 2015 binnen zweier Wochen viele hundert Men­schen im Mittelmeer ertrunken sind, dass wir die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen müssen. Und was machen diese Institutionen? Sie versenken Boote, auf de­nen Menschen flüchten könnten, und sie machen die Grenzen der Festung Europas dicht. Dient dies etwa der Bekämpfung der eigentlichen Fluchtursachen?

Zu den letzteren hier einige Ausschnitte:

Und gleichzeitig weigert sich die Europäische Union, die katastrophalen Auswirkungen der von ihr erzwungenen Freihandelsabkommen auf die einheimische Wirtschaft der Drittweltländer zu kompensieren oder wenigstens abzumildern!

Das alles (und wohlgemerkt handelt es sich hierbei nur um Ausschnitte zur europäischen und deutschen Handelspolitik), das alles also sollen wir als eine Bekämpfung von Fluchtursachen verstehen? Es geht nicht: Diese Art von Handelspolitik beseitigt keine Fluchtursachen, sie ist wesentlicher Teil der Ursachen! Wir müssen uns damit befassen, warum Menschen flüchten müssen. Denn keiner geht gerne von daheim weg, ohne klare Perspektive und mit der sicheren Aussicht auf einen gefährlichen Weg, der die Flüchtenden in Tausenden von Fällen das Leben kostet.

Zur Wahrheit gehört, dass die von uns mehrheitlich gewählten Regierungsparteien in der EU, in Deutschland die Parteien der Großen Koalition, eine Politik mittragen, die Menschen in vielen Ländern in so große Verzweiflung stürzt, dass sie lieber ihr Leben auf der Flucht riskieren, als daheim überhaupt keine Perspektive mehr zu haben. Letztlich haben wir, nicht nur vor diesem Hintergrund, auch alle die Verantwortung, überall klar zu sagen, dass das Menschenrecht auf Asyl nicht – auch nicht nur ansatzweise – in Frage gestellt werden darf.

Seien wir keine „besorgten“ Bürger*innen. Entscheiden wir uns lieber dafür, informierte Bürger*innen zu sein – und vor allem: Bürger*innen mit Herz! Wir alle können uns direkt in der Hilfe für Flüchtlinge engagieren, wir alle können uns in NGOs, politisch, gesellschaftlich und sozial für eine Bekämpfung von Fluchtursachen engagieren. Auch hierbei gilt unser eindringlicher Appell: Sagen wir, so wie es München schon wiederholt getan hat, ganz laut und immer wieder: NEIN zu Rassismus, NEIN zu Herzlosigkeit und JA zu einer Verantwortung aus Nächstenliebe!

1 [8] Informationen dazu finden sich beispielsweise unter http://ichhelfe.jetzt[1]
2 [9] Hier und im Folgenden Jakob Augstein: „Gewissenlos“, SPIEGEL Nr. 34 / 14.08.2015, S. 31.
3 [10] Jean Ziegler: „Das Imperium der Schande“ (2005), C. Bertelsmann Verlag, München.
4 [11] Zitiert nach Annette Groth/Theo Kneifel: „Europa plündert Afrika. Der EU-Freihandel und die EPAs – AttacBasisTexte 24“ (2007), VSA-Verlag.
5 [12] Zitiert nach ebd.
6 [13] Papst Franziskus: „Laudato sì“. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015), u.A. beim kbw bibelwerk.
7 [14] Siehe „We feed the World – Essen global”. Ein Film von Erwin Wagenhofer (2005).

Judith Amler ist aktiv bei Attac München[2]. Der Beitrag ist dort zuerst als Faltblatt erschienen. Die Veröffentlichung hier geschieht mit Zustimmung der Autorin.

Attac ist ein globalisierungskritisches Netzwerk, das sich weltweit für ein Ende der neoliberalen Agenda einsetzt, in der Konzerninteressen über die Bedürfnisse von Mensch und Natur gestellt werden. Als globales Netzwerk hat Attac nicht nur Mit­glieder in Deutschland und Europa, sondern z.B. auch in Ländern Lateinamerikas und Afrikas. Attac setzt sich ein für eine lebendige Demokratie, die allen Menschen dient, und in diesem Zusammenhang kämpfen Attacies auch entschieden gegen jede Form der Diskriminierung von Minderheiten und vor allem gegen Rassismus!

Bildquelle: mightymightymatze [15]/ CC BY-NC 2.0 [16]
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Endnotes:
  1. http://ichhelfe.jetzt: http://ichhelfe.jetzt/
  2. Attac München: http://attac-muenchen.org/
  3. Beitrag versenden: http://nachdenken-in-muenchen.de/?p=2909&wp_email_popup=1