Reiche Länder, Arme Menschen

“Es geht darum, politische Forderungen zu stellen”

Elisa Ludwig, Mitherausgeberin des Blogzines Políticas im Gespräch mit Kathrin Hartmann

Armut in reichen Ländern wird selten thematisiert und wenn doch, dann meist nur möglichst distanziert. Kaum nehmen wir wahr, dass sie ein unumgänglicher Teil unserer Wirtschaftsordnung ist und nicht pauschal als selbstverschuldet gelten kann. Immer wieder verdrängen wir die Realität der Armut und tun sie als Problem von sogenannten Faulen, von Arbeitslosen oder von „irgendwelchen Zugereisten“ ab, die sich alle miteinander angeblich selbst in ihre Misere hineingeritten hätten. Die Täter-Opfer-Umkehr wird somit perfekt, der Gegenspieler Reichtum gerät aus dem Blick, die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen von Armut erreichen – als solche – gar nicht erst unsere Aufmerksamkeit und das zugrunde liegende System, das diese Zustände überhaupt ermöglicht, bleibt weiterhin unbehelligt.

Die Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann macht mit ihrem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben“ genau darauf aufmerksam, weshalb sie im Themenmonat „Armut, Hunger & Ethik“ der Nachhaltigkeits-Reihe der Wiener Volkshochschulen zu Vortrag und Podiumsdiskussion „Essen ist Selbstbestimmung!“ geladen wurde. Im Vorfeld traf auch ich sie zu einem höchst interessanten Gespräch.

Ludwig: In Ihrem letzten Buch „Wir müssen leider draußen bleiben“ beschäftigen Sie sich unter anderem auch mit Armut. Europaweit steigen die Zahlen, sowohl was die Armutsgefährdung, die Einkommensarmut und die manifeste Armut betrifft. Was aber heißt es überhaupt, arm zu sein? Was impliziert Armut?

Hartmann: Kurz zusammengefasst bedeutet Armut die Unmöglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Armut heißt keinen Zugang zu den Dingen zu haben, die ein gutes Leben ermöglichen. Das beginnt fundamental beim Essen, geht weiter über die medizinische Versorgung, Bildung, kulturelle Angebote und reicht zum Teil auch bis zum politischen Engagement. Es gibt einen sehr irreführenden Begriff mit dem Armut in reichen Ländern definiert wird, den der „relativen Armut“. Das klingt wie „relativ arm“, also harmlos. Im Sinne von: Im Vergleich zu Afrika geht es uns hier doch eigentlich ganz gut, wenigstens haben wir ein Dach über dem Kopf und genügend zu Essen. Aber der Begriff „relative Armut“ bezieht sich in Wahrheit nicht auf die Armut in sogenannten Entwicklungsländern, sondern stellt einen Bezug zum Durchschnitt der Gesellschaft her, in der man selbst lebt. Das Problematische ist, dass er Armut in reichen Ländern kleiner erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist, weil er sich am Durchschnittseinkommen orientiert. Aber Armut in reichen Ländern bedeutet mehr, als zu wenig Geld zu haben, es bedeutet eben auch einen Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe und Anerkennung.

Ludwig: Sie berichten auch davon, dass Armut einen Verlust an Zeit nach sich zieht.

Hartmann: Ja, das wird zum Beispiel beim geringen politischen Engagement deutlich. In vielen Ländern des Südens gibt es starke soziale Bewegungen von Armen. In reichen Ländern ist das tatsächlich eine Zeitfrage. Das ist etwas, das ich bei meinen Recherchen herausgefunden habe: Die Armen sind nicht immer arbeitslos. Sie arbeiten, oft in mehreren Jobs, aber können davon kaum ihr Leben bestreiten. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, die Leute nehmen einiges auf sich und pendeln zum Teil, um zum Arbeitsplatz zu kommen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für ein soziales Leben. Und es raubt Kraft, vor allem, wenn es auch noch schlechte Arbeit ohne Anerkennung ist. Das hat für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und den Zusammenhalt fatale Folgen, weil ein schwaches soziales Leben wesentlicher Treiber von Spaltungen ist. Nicht nur bezüglich Einkommen und Partizipationsmöglichkeiten, sondern auch im Sinne eines solidarischen demokratischen Zusammenlebens.

Ludwig: Zementiert das die Armut zusätzlich?

Hartmann: Genau. Das haben mir alle gesagt, mit denen ich gesprochen habe. Im Grunde ist das eine Abwärtsspirale, in der nichts mehr voran geht. In meinem Buch nenne ich das „neue Armut“. Eine Situation, aus der es kaum mehr einen Weg heraus gibt. Viele erzählten mir von der Schwierigkeit, wieder zurück zu ihrem alten Leben zu finden, nachdem sie mal ein Jahr lang den Anschluss verloren hatten. Es gibt einen endlosen Kreislauf von Billig-Arbeit, der wiederum die Armut verfestigt. Jede_r Vierte, die oder der in Deutschland arbeitslos wird, landet sofort bei Hartz IV. Diese Zahl belegt, wie viele Menschen mittlerweile in schlecht bezahlten, ungeregelten und befristeten Jobs arbeiten. Für das Arbeitslosengeld I, das man ein Jahr bekommt und das sich am Gehalt orientiert, muss man eine Weile gearbeitet und eine gewisse Summe verdient haben. Wenn man also erst in dieser Abwärtsspirale drin ist, dann zahlt man auch zu wenig Rentenbeiträge, private Vorsorge geht sich nicht aus. Das ist der direkte Weg in die Altersarmut. Viele Langzeitarbeitslose haben beschrieben, dass sie praktisch dem Arbeitsamt gehören. Das Arbeitsamt kann eine_n permanent abrufen um Jobs zu erledigen, die man eigentlich gar nicht machen möchte. Ich würde das als Arbeitszwang bezeichnen. Das ist es auch tatsächlich. Betroffene haben mir Arbeitsamt-Verträge vorgelegt, die sie unterzeichnen mussten um zu versichern, dass sie die Stadt nicht über Nacht verlassen würden. Im Prinzip ist das offener Vollzug. Das sehe ich als ein weiteres Zeichen für Armut und auch für „neue Armut“, dass es keinen Zugang zu guter und selbstbestimmter Arbeit gibt. Und dass dieser Zugang im Allgemeinen immer kleiner wird.

Ludwig: Nicht unwahrscheinlich, dass diese Erfahrungen wohl dramatische psychologische Effekte nach sich ziehen, die wiederum den Ausstieg aus dieser Situation erschweren.

Hartmann: Mit Sicherheit. Es ist kein Zufall, dass viele Leute bald krank werden, an Depressionen leiden, dass viele alkohol- beziehungsweise suchtkrank werden – was ihnen nachher auch noch als moralisches Fehlverhalten ausgelegt wird! Letzteres ist skandalös, weil es sich um Krankheiten handelt, die ihre Ursache haben. Armut ist eine permanente Demütigung. Ständig wird vom Arbeitsmarkt und vom Rest der Gesellschaft signalisiert: Du bist nichts wert. Dich braucht man nicht. Oder: Dich braucht man nur für die Drecksarbeit, für das, was die anderen nicht machen wollen. Du hast dich nicht zu beschweren! Eben diese psychosoziale Ebene erschwert es zusätzlich, sich aus der Armutsspirale zu befreien. Viele, mit denen ich gesprochen habe, sind von den andauernden Vorurteilen die ihnen begegnen, völlig zermürbt. Sie stehen immer unter dem Generalverdacht, dass sie sich etwas erschleichen, dass sie schmarotzen, dass sie nicht arbeiten wollen. Natürlich kann es sein, dass es auch Einzelne gibt, auf die das zutrifft. Aber wir sollten dabei doch nicht das große Ganze aus den Augen verlieren: Wer ist denn eigentlich wirklich ein Sozialschmarotzer? Sind es tatsächlich die paar Armen, die wir mit wenig Geld beim Überleben unterstützen und ein kleines Bisschen am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben lassen, was noch dazu unsere Verpflichtung ist und unserem Gesellschaftsvertrag entspricht? Oder sind es die paar Wohlhabenden, die das meiste Kapital besitzen, unter sich bleiben, sich der Gesellschaft entziehen und deren Vermögen z.B. nach der Finanzkrise weiter exorbitant stiegen? Die Diskussion geht grundsätzlich in die falsche Richtung. Wir dürfen nicht immer nur über Armut reden, sondern wir müssen ganz explizit auch über Reichtum sprechen.

Ludwig: Sie weisen auch auf die Verachtung des „feinen Bürgertums“ gegenüber den sozial Benachteiligten hin. Begriffe wie Sozialschmarotzer, Leistungsschwäche oder generell das Stigma der Faulheit sind häufige Abwertungen, die auf Armutsbetroffene zielen. Es gibt aber auch einen steigenden Unmut gegenüber den Vermögenden, den Regierenden und den reichen Unternehmen. Hält sich die gegenseitige Antipathie nicht die Waage?

Hartmann: Ja, diese Antipathie gibt es, aber sie ist nicht ausbalanciert. Grund dafür ist, dass die Verachtung für die Armen aus einer Klasse kommt, die die Macht inne hat. Das ist ein bedeutender Unterschied. Die Verachtung gegenüber den Armen geht von Angehörigen der Elite aus, die Zugang zu den wesentlichen gesellschaftlichen Schaltstellen haben, die die Inhalte der Medien gestalten, die in den Gerichten, den Anwaltskanzleien, in der Wirtschaft und in der Politik sitzen. Das sind diejenigen, die enormen Einfluss haben. Es gibt natürlich auch einen Unmut gegenüber den Eliten, aber dieser Unmut bewegt sich nicht auf einer instiutionellen Ebene. Während der Armutshass institutionalisiert ist. Das heißt er ist in Gesetze und Regelungen gegossen, die Arme strukturell benachteiligen. Das zu verstehen, halte ich für sehr wichtig: Denn aus dieser Spirale – in die übrigens jede_r geraten kann – kommen wir nur raus, wenn wir uns gegen dieses Unrecht auflehnen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass dieser Hass gegen Arme politisch gewünscht ist: Die Einführung von Hartz IV ist ja von einer Hetzkampagne begleitet worden. Der ehemalige Bundeskanzler und sogenannte Sozialdemokrat Gerhard Schröder sagte: „Es gibt kein Recht auf Fauhlheit in unserer Gesellschaft“. Eine unglaubliche Diffamierung und Kriminalisierung, mit der er die Bürger_innen gegeneinander aufgehetzt hat. Denn nur mit den beiden gegensätzlichen Begriffen „Leistungsgerechtigkeit“ und „Sozialschmarotzertum“ lässt sich die obszöne Kluft zwischen Arm und Reich rechtfertigen.

Ludwig: Haben Sie Beispiele zur falsch geführten Diskussion über Armut?

Hartmann: Jede Menge! In Deutschland erschien vor kurzem z.B. der neue Armutsbericht. In den Medien hieß es dann: In Sachsen wird es besser, die Armut ist gesunken! Dann sieht man sich das genauer an und es handelt sich um 0,2 Prozentpunkte. Es ist also immer noch so, dass jede_r Fünfte in Sachsen arm ist. Der ganze Bericht zeigt in Wahrheit, dass die Armut in Deutschland steigt, dass sie auf einem historischen Höchstlevel ist. Das kann man auch auf den Rest Europas übertragen. Oder diese Jubelnachrichten vom Wirtschaftswachstum. Dieser Wachstum ist im Grunde nichts anderem geschuldet, als einer verheerenden Verarmung. Der Billig-Lohnmarkt führt zu diesem Wachstum, weil er die Exportkosten senkt. Von diesem Wachstum profitieren nur noch ganz Wenige – und am wenigsten die, die den Mehrwert erschaffen. Dieser Umstand wird in den Medien oft unterschlagen. Oder nehmen wir die OECD Studie, die seit Jahren darauf hinweist, dass die soziale Spaltung in Deutschland so groß sei wie nirgends sonst. Im Anschluss aber publiziert jemand einen reaktionären Kommentar, der alles anders hinstellt und behauptet, es stimme gar nicht, es würde einfach nur viel zu viel gejammert werden! Substanzielle Debatten gibt es immer noch nicht. Gewerkschaften oder Wohlfahrtsverbände machen durchaus auf wirtschaftliche Missverhältnisse aufmerksam, aber ihr Zugang ist wiederum eher der Blick auf die Armut. Die Zusammenhänge werden nicht beleuchtet. Armuts-Bashing ist bis dato immer noch weitaus wirksamer.

Ludwig: Es wird Ihrer Meinung nach also auch zu wenig infrage gestellt, wie Reichtum überhaupt entsteht?

Hartmann: Ja. Und das obwohl es die Studien, die Zahlen dazu gibt. Es ist überhaupt nicht schwer zu verstehen. Doch Armuts-Bashing funktioniert womöglich auch deshalb so gut, weil verständlicherweise weite Teile der Mittelschicht gerne an diesen Leistungs-Mythos glauben wollen. Weil sie dem Glauben verfallen sind, sie hätten doch alles richtig gemacht, den richtigen Schulabschluss, das nötige Studium, dieses und jenes Extra: Armut kann mir gar nicht passieren, nur „denen“, die müssen ja irgendwas falsch gemacht haben. Das ist natürlich ein Selbstschutz, aber höchst bedenklich. Dieses soziale Stockholm-Syndrom reproduziert die hierarchische Struktur. In dieser Atmosphäre werden entsprechende politische Entscheidungen getroffen, die letztendlich der Allgemeinheit schaden. Die Mittelschicht hält sich krankhaft an der Vorstellung fest, sie würde die Interessen der Reichen teilen, weil sie glaubt selbst auch einmal reich werden zu können. Was für eine Idiotie! Die Angehörigen dieser Schicht sind nämlich sehr viele Schritte näher an Unten als an Oben dran. Natürlich hat das auch eine Ursache: Je kleiner die gesellschaftlichen Unterschiede, desto größer ist das Abgrenzungsbedürfnis. Und es ist auch unter den Ärmeren selbst nicht unbedingt anders. Mir sind immer wieder Menschen begegnet, die gerade noch einen Job haben, dabei aber die Abwertung gegenüber denjenigen teilen, die noch weiter unten verortet werden. Im Sinne von: Ja der, der ist wirklich faul! Das ist kontraproduktiv. Die relevante Frage ist jedoch, wieso verdient ein Bankmanager 1000 Mal mehr als eine Krankenschwester?

Ludwig: Im vom Sozialministerium herausgegebenen österreichischen Sozialbericht 2013/2014 wird postuliert, dass sich die Situation verbessert hätte. Folgte man der Darstellung, könnte man fast meinen die österreichische Regierung sei im Vergleich zum Rest der EU sehr fleißig: 30% der Wirtschaftsleistungen fließen in Sozialmaßnahmen und alle armutsdefinierenden Zahlen sind im EU-Vergleich niedriger. Gleichzeitig steigt aber weiterhin die Ungleichheit bei den Einkommen und die Abhängigkeit von einem krisenanfälligen Wirtschaftssystem. Gäbe es beispielsweise keine Pensionen und Sozialleistungen, wären 44% der österreichischen Bevölkerung armutsgefährdet.

Hartmann: Tja, die Bereitschaft der Regierenden sich selbst zu loben, ist oft sehr groß – bei nur kleinen Fortschritten. Oder es wird schamlos gelogen, etwa wenn in Deutschland wieder die angeblich sinkenden Arbeitslosenzahlen präsentiert werden. Dabei sind die Zahlen geschönt. Im Prinzip kommen solche Verbesserungen nur durch minimale Reformen zustande und wenn sich etwas ändert, sind diese Reformen genauso schnell wieder passé. Das ist nicht stabil, daher kann man auch nicht von einem realen Fortschritt sprechen, aus dem weiter etwas erwachsen kann. Im Gegenteil, man fängt eher nur auf, es ist Schadensbegrenzung. Selbstverständlich ist das effektiver, als gar nicht zu agieren, aber es ändert nicht die Struktur. Es ist europaweit Tatsache, dass die Löhne im besten Fall stagnieren, wenn sie nicht ohnehin schon sinken oder man von Arbeit gar nicht mehr leben kann. Welchen Sinn hat das gesellschaftliche Konzept noch, wenn selbst Vollzeit-Erwerbsarbeit ein selbstbestimmtes Leben nicht ermöglichen kann? Indem man diese Symptome auffängt, stabilisiert man das zugrunde liegende Modell, das dieses Problem erst hervorgebracht hat. Immer noch besser als Verarmungs-Programme wie Hartz 4 in Deutschland, aber ich sehe darin noch keine strukturelle Veränderung die Gerechtigkeit hervorbringt. Im Grunde ist dieser Reform-Eifer auch eine Inszenierung von Alternativlosigkeit. Und da müssen wir doch fragen: Wem nützt denn Armut eigentlich? Arme und Arbeitslose stellen ein Reserveheer für billige Arbeit dar, mit der jedenfalls in Deutschland die Exportkosten niedrig gehalten werden. Man kann fast schon sagen, dass Arbeitslosigkeit im Grunde auch eine Form der Ausbeutung ist.

Ludwig: Könnte das bedingungslose Grundeinkommen einen Ausweg bieten?

Hartmann: Ich denke es könnte vorübergehend eine Möglichkeit sein, vielen Leuten den Druck zu nehmen, sich jede fürchterliche Arbeit anzutun, die sie eigentlich gar nicht machen wollen. Ich glaube, dass es ein unglaubliches Potenzial in den Menschen erwecken könnte und diese Menschen dann endlich das machen würden, was sie gerne machen und was sie gut können. Diese Vorstellung gefällt mir ziemlich gut. Aber ich vermute auch, dass das eher eine Übergangslösung wäre und das Ziel auf jeden Fall ein anderes System sein müsste. Denn auch ein bedingungsloses Grundeinkommen basiert auf bloßer Umverteilung und es ist auch nicht unbedingt klar, wie die umverteilten Reichtümer überhaupt erwirtschaftet werden. Ich halte es aber für eine Möglichkeit, eine Gesellschaft über ganz andere Optionen nachdenken zu lassen. Es würde die neoliberale Propaganda der Alternativlosigkeit Lügen strafen, wenn wir uns wieder damit beschäftigen würden, wie wir leben wollen. Im Moment besteht dahingehend ja eher Stillstand, sowohl politisch wie auch intellektuell. Es wird ein bisschen was hin- und hergeschoben und dann „Reform“ genannt, aber das System wird nicht in Frage gestellt. Dass man sich als Gesellschaft Gedanken darüber macht, wie man gemeinsam leben will, wie man die Gesellschaft gestalten will, dafür gibt es nur sehr wenig Raum. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte dazu beitragen, diesen Raum entstehen zu lassen. Die häufige Behauptung, dass dann keine_r mehr arbeiten würde, halte ich in dem Zusammenhang für Blödsinn. Jede_r will etwas tun und Anerkennung dafür, darin liegt ja das Drama der Arbeitslosigkeit! Dazu gibt es auch sehr viele Studien, die absolute Mehrheit macht gerne etwas Sinnvolles. Ob das nun unbedingt fremdbestimmte Erwerbsarbeit sein muss, darüber kann man diskutieren.

Ludwig: Ihre Recherchen haben Sie auch zu den Tafeln geführt. Das ist eine Institution die auch in Österreich u.a. als die Wiener Tafel auftritt. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es hier jedoch keine Ausspeisungsstellen. Das Prinzip ist dennoch dasselbe: Die Tafel holt verzehrfähige aber aussortierte Lebensmittel von Geschäften ab und freiwillige Mitarbeiter_innen liefern sie an soziale Einrichtungen. Damit sollen Armutsbetroffene ernährt und der Lebensmittelverschwendung vorgebeugt werden. Klingt doch nett, auf den ersten Blick?

Hartmann: Das ist das schönste Schmuckbild, das man heranziehen kann, um Armut zu rechtfertigen. Es klingt natürlich wahnsinnig einfach: Da ist was zu viel und dort haben Leute zu wenig, also geben wir den Überschuss jenen, die nichts haben. Das ist ein primitives und affirmatives Bild von Armut, innerhalb dessen die Tafeln es schaffen, ihre Arbeit als Verteilungsgerechtigkeit darzustellen. Leider ändert dieses Vorgehen aber nichts an den Strukturen, weder an jenen der Armut, noch an jenen der Verschwendung. Im Gegenteil, beides wird zementiert: Die Tafeln brauchen den Überfluss, damit sie was zu verteilen haben. Das System braucht die Armut, damit es weiterläuft. So machen die Tafeln die Armut für die Gesellschaft erträglich, sie nehmen ihr den Skandal. Denn an den Tafeln hat alles seinen richtigen Platz. Verschwendung, Überfluss, Armut und Reichtum … alles hat dort einen Sinn. Die Reichen tun so so als würden sie etwas zurück geben, dabei verteilen sie – nicht einmal ihren eigenen – Müll. Außerdem: Wenn sie was zurück geben müssen, sollten wir da nicht fragen, was sie uns weggenommen haben, anstatt sie zu beklatschen? Zum anderen sind die Tafeln ein wunderbares Beispiel dafür, dass Armut bedeutet, nicht selbstbestimmt leben zu können. Bezieher_innen können nicht einmal mehr selbst bestimmen, was sie essen! Die Armen kommen außerdem so auch nicht zu mehr Finanzkraft, was der Gesellschaft ganz gut gefällt, weil sie dann auch nicht ausreichend Geld zur Verfügung haben um es potenziell „verrauchen und versaufen“ zu können. Es ist auf verschiedenen Ebenen autoritär, bevormundend und damit auch degradierend. Es ist gewissermaßen Zwangsernährung mit Herz. Wenn man sowieso schon ausgestoßen und überflüssig ist und dann auch noch mit Überflüssigem gefüttert wird: Das ist unerträglich! Das spürt man, wenn man sich mit den Tafeln eine Weile direkt beschäftigt. Ich fand die Recherchen dort unglaublich deprimierend. Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt, dass sie nicht hingehen möchten. Niemand von uns will das! In Österreich läuft das zwar ein bisschen anders, aber grundsätzlich stimmt auch hier: Es hat nicht jede_r Zugang. Es gibt nur, was übrig bleibt. Das heißt es wird auch hier nicht jede_r satt. In Deutschland ist es zudem so, dass Tafelbezieher_innen nicht einmal fehlen dürfen, weil sie sonst Gefahr laufen, aus dem System raus zu fallen. Sie hätten es dann ja angeblich nicht nötig. Wenn ein_e Tafelbezieher_in sich traut, irgend etwas an den Lebensmitteln zu bemängeln, dann ist das unerhört. Es ist extrem demütigend. Die Karten sind klar gemischt: Wer steht auf welcher Seite? Das Ganze reproduziert den Status Quo unserer Gesellschaft. Es macht sehr deutlich, wer drinnen und wer draußen ist, wer was zu melden hat und wer nicht, wer als Objekt der Fürsorge abgefüttert wird und wer generös gibt. Das ist Charity. Im Prinzip unterhöhlen die Tafeln das Recht auf Nahrung, weil sie den Zugang zu Essen zur freiwilligen Wohlfahrtsleistung verkommen lassen.

Ludwig: Die Menschenrechte bleiben demnach außen vor, die Tafeln setzen also keinen Rechtsanspruch durch. Weiters kritisieren Sie, Frau Hartmann, dass den beteiligten Unternehmen aufgrund ihrer Mitwirkung bei den Tafeln ein sozialer Anstrich verliehen wird.

Hartmann: Genau. Es ist ja auch kein Zufall, von wem die Tafeln für gut befunden werden. Das sind die Handelsketten, das sind die Großkonzerne, das sind Politiker_innen. Die Unternehmensberatung McKinsey hat beispielsweise die Tafeln am Anfang beraten. Sie haben ein Handbuch für sie verfasst, das beschreibt wie man eine Tafel aufbaut und leitet. Die Bertelsmann Stiftung hat Studien publiziert, die zeigen sollen, wie gut die Tafeln sind. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat den Tafeln einen Innovationspreis verliehen. Das erscheint mir verdächtig. Interessant ist auch, dass die Tafeln ja auch nie dort sind, wo die Armut besonders groß ist. In Ostdeutschland gibt es nur ganz wenige. Die Tafeln treten vor allem in Regionen auf, wo genügend Reiche sind, die Zeit für Charity haben. Bayern, Baden-Würtemberg, die reichen Bundesländer. Es ist ein weltweiter Trend. Zum Beispiel die Food Banks: Die Food Bank in New York wird von der Bill Gates Foundation finanziert, was eigentlich keine Überraschung ist. In ländlichen Gebieten in Bangladesch beispielsweise, wo die Menschen temporäre Hungersnöte erleiden, dort gibt es das nicht. Aber in den großen Städten in Indien schon, nämlich dort wo es Wirtschaftswachstum gibt. Wenn man genau hinschaut, sind die Tafeln das stärkste Symbol dafür, wie sich die Gesellschaft spaltet. Und mit welcher Selbstverständlichkeit das alles passiert! Dass beispielsweise überhaupt nicht mehr über Rechte diskutiert wird und das bestimmten Leuten einfach keine Rechte zugesprochen werden, das ist das Gefährliche daran.

Ludwig: Sind Sie der Meinung, dass die Tafeln abgeschafft werden sollten? Und falls nicht, was würden Sie ihnen raten? Was könnten sie besser machen?

Hartmann: Es wird niemanden geben, der sagt, die Tafeln sollen abgeschafft werden. Sie müssten überflüssig werden. Sie müssten sich vor allem selber überflüssig machen. Das machen sie aber nicht und dafür gibt es Gründe. Ihr Potenzial wäre jedenfalls groß: Sie haben Zugang zu ganz vielen Armen, sie könnten sich mit ihnen solidarisieren! Sie könnten eine politische Bewegung werden! Sie könnten z.B. damit anfangen, an jede Ausgabestelle einen Anwalt oder eine Anwältin hinzusetzen. In München zum Beispiel sind einige Top-Anwalts-Gattinnen freiwillige Mitarbeiter_innen der Tafeln, warum machen deren Männer dort nicht mal an einem Wochenende Rechtsberatung? Solche Möglichkeiten gäbe es, aus den Tafeln könnte eine soziale Bewegung werden! Dazu braucht es aber den Willen. Das Gerede von den Tafeln als Ort der Solidarität ist zynisch. Die Leute gehen da hin, holen sich ihr Essen, zum Teil versteckt hinter Sonnenbrillen und Kopftüchern, und dann gehen sie ganz schnell wieder nach Hause. Manche haben mir erzählt, dass sie aus lauter Scham fünf Anläufe gebraucht haben, bevor sie sich in die Schlange gestellt haben. Sie sind anfangs jedes Mal weinend nach Hause gegangen. Ich habe auch unschöne Szenen bei den Ausgabestellen in München beobachtet: Die Leute haben Nummern, die sie sich um den Hals hängen müssen. Am Kopf der Schlange steht dann ein_e Freiwillige mit einem Klemmbrett und hakt ab, wer da ist. Völlig absurd! Es gibt aber natürlich auch kritische Leute bei der Tafel, auch in den Sozialverbänden, die Tafeln betreiben. Vor etwa zwei Jahren, anlässlich der 20 Jahre Tafeln in Deutschland, hat sich ein Aktionsbündnis gegründet. Viele Menschen von der Tafel haben sich angeschlossen. Es wäre großartig, wenn daraus tatsächlich etwas entstehen würde. Wenn es gelänge, denen, die dort hingehen, Mut zu machen um für ihre Rechte einzustehen. Dazu müssen sie ihre Rechte natürlich kennen und wissen, was man fordern kann. Letztlich geht es darum, Bündnisse zu schließen. Sich zu organisieren und politische Forderungen zu stellen. Das gilt übrigens für uns alle!

Kathrin Hartmann ist freie Autorin und veröffentlicht u.a. in der Frankfurter Rundschau und im Wirtschaftsmagazin enorm. Vor dem Buch “Wir müssen leider draußen bleiben” hat sie 2009 “Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt” veröffentlicht. Am 24. August erscheint ihr neues Buch “Aus kontrolliertem Raubbau” im Blessing Verlag. Sie lebt und arbeitet in München.

Dieser Beitrag ist übernommen vom Blogzine Políticas, der von Sebastián Bohrn Mena und Elisa Ludwig herausgegeben wird. Die Bilder machte der Wiener Fotograf Christopher Glanzl. Herzlichen Dank an Elisa Ludwig für die Zweitveröffentlichung auf NachDenken in München.

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